Tradition verpflichtet. Offensichtlich. Zwar gab es in der Geschichte der Mavericks noch keinen Move, der die Liga so schockierte und die Fan-Basis so sehr verärgerte wie der Trade von Luka Doncic, jedoch war es bei weitem nicht das erste Mal, dass sich die Fans von einem Liebling verabschieden mussten und sich deswegen über die Franchise ärgerten.
Mark Cuban, der frühere Besitzer des Teams, ließ in den Monaten nach dem Trade nahezu keine Gelegenheit verstreichen, den Trade und damit seine Nachfolger zu kritisieren, und darauf hinzuweisen, dass er wenigstens einen besseren Gegenwert herausgehandelt hätte. Womöglich stimmte das, verifizieren lässt sich das nachträglich logischerweise nicht.
Bei seiner eigenen unpopulärsten Entscheidung allerdings sprang für Dallas damals überhaupt kein Gegenwert heraus. "Ich habe Steve Nash ziehen lassen, und danach hat die gesamte Stadt mich für lange Zeit gehasst", musste Cuban im Juli gestehen.
Tatsächlich ist diese Entscheidung bis heute, trotz des Titels 2011, eins der größeren What-Ifs der jüngeren NBA-Geschichte und nicht zuletzt in der Karriere von Dirk Nowitzki.
Die Suche nach Balance
2004 waren die Mavericks ein Team, das anklopfte, das bisher jedoch auf den ganz großen Durchbruch wartete und währenddessen nichts unversucht ließ. Unter Don Nelson hatte sich Dallas zu einer Offensiv-Maschinerie entwickelt, die jedes Jahr mindestens 50 Siege holte und dreimal in Serie das beste Offensiv-Rating der Liga stellte.
2003 reichte es sogar einmal für 60 Siege und eine Teilnahme an den Conference Finals. Dort erwies sich der ewige Rivale (und damalige große Bruder) San Antonio zwar wieder einmal als zu ausgewogen, zu stark, aber die Mavs schienen auf einem guten Weg. Den sie in der Offseason gewissermaßen aber wieder verließen.
Eigentlich musste sich in Dallas niemand um die Offense sorgen, dafür sorgten insbesondere Dirk Nowitzki, Michael Finley und eben Nash. Interessanterweise investierte Dallas im Sommer 2003 dann trotzdem fast ausschließlich in Offense, gab unter anderem Raef LaFrentz für Antoine Walker ab und holte zudem auch noch Antawn Jamison ins Team.
Talent-Upgrades, klar - aber suboptimale Fits für Dallas, das in der Vorsaison erstmals in der Nowitzki-Ära eine überdurchschnittliche Defense erreicht hatte, unter anderem dank der Center-Kombo LaFrentz und Shawn Bradley. Die Neuankömmlinge machten hingegen Nowitzki zum Starting Center, der nun gemeinsam mit Walker versuchten sollte, den Ring zu beschützen.
"Es hat einfach nicht funktioniert"
Die neue defensive Kompetenz verloren die Mavs mit diesem Team sofort wieder, belegten vom Rating her Platz 26 von damals 29 Teams. Die Offense war zwar erneut Ligaspitze, sowohl Nash als auch Nowitzki mussten jedoch gewisse Rückschritte machen, um die neuen zu integrieren. Der Mix wirkte nie wirklich ausgewogen.
"Sie haben etwas ausprobiert, aber ehrlicherweise spielten die beiden die gleiche Position wie Dirk, sie alle waren mobile Vierer. Das hat einfach nicht funktioniert", blickte Nash später bei All the Smoke zurück. Tatsächlich kamen die Mavs mit diesem All-Offense-Ansatz nicht weit, holten zwar wieder 52 Siege, schieden aber in Runde eins sang- und klanglos gegen Sacramento aus.
Der Kanadier selbst legte in dieser Spielzeit zwar ein damaliges Career-High bei den Assists auf (8,8), scorte jedoch deutlich weniger, nachdem er in den beiden vorigen Jahren noch jeweils ein All-NBA-Team erreicht hatte. In der Postseason kam er bloß auf 13,6 Punkte pro Spiel, zwei Jahre zuvor waren es noch 19,5 Zähler gewesen.
Womöglich las Cuban dies als Anzeichen dafür, dass Nash auf dem absteigenden Ast war. Auch dessen Rückenprobleme bereiteten ihm Sorgen, selbst wenn Nash in den vier Saisons vor 2004 70, 82, 82 und 78 Spiele absolvierte, also kaum jemals ausfiel. Dennoch rechnete bis in die Offseason hinein noch jeder damit, dass "Nasty" in Dallas bleiben würde.
Eine finanzielle Entscheidung
Auch Nash. "Ich wollte immer bei den Mavericks bleiben", stellte dieser noch Jahre später bei Mind the Game klar. Mit nun 30 Jahren spielte indes auch die finanzielle Sicherheit eine größere Rolle, der nächste Vertrag hätte der letzte "große" sein können. Interessanterweise entdeckte Cuban, der in den Jahren zuvor nie eine Ausgabe gescheut hatte (Dallas gehörte nahezu immer zu den teuersten Teams der Liga), ausgerechnet bei Nash seinen inneren Schwaben.
"Ich habe Steve direkt gesagt, dass ich fair sein wollte", erklärte Cuban Tage, nachdem Dallas Nash "verloren" hatte, in einem Blog-Post (hach, die 2000er!). "Ich sagte ihm, dass ich nicht gegen uns selbst verhandeln oder Spiele spielen wollte. Und dass, wenn ein anderes Team ihm so etwas wie einen Max-Deal anbieten würde, einen extremen Deal, dass er den dann würde nehmen müssen."
Cuban rechnete nicht damit, dass es ein solches Angebot geben würde. Auf 5 Jahre und 51 Mio. Dollar, teilweise ungarantiert, belief sich das Angebot der Mavericks damaligen Quellen zufolge, nicht direkt schlecht. Allerdings leicht zu toppen, was die Phoenix Suns mit einem Angebot über 65 Mio. Dollar auch taten. "Ein unglaubliches Angebot", wie Cuban es ausdrückte.
Die späte Prime
Nash konsultierte vor seiner Entscheidung Nowitzki, der ihm sagte, diesen Vertrag müsse er annehmen. Er gab Dallas die Möglichkeit, gleichzuziehen, was diese aber nicht taten. "Mark hat damals bei ein paar Deals falschgelegen. Ich glaube, er hatte Angst, deswegen hat er mich dann gehen lassen", blickte Nash zurück.
Vermutlich wäre das anders gelaufen, hätte Cuban die nun folgenden Entwicklungen vorhergesehen. Nash blieb nicht nur gesund, er wurde gesünder, absolvierte noch bis 2011 immer mindestens 74 Spiele pro Saison in Phoenix. Und: Er wurde zum vielleicht einzigen (?) Spieler der NBA-Geschichte, dessen beste Zeit erst mit 30 Jahren so richtig anfing.
Die nächsten beiden MVPs gingen an Nash (ehe Nowitzki ihn 2007 ablöste). Fünfmal landete er in Phoenix im All-NBA-Team (dreimal First), fünfmal führte er die Liga bei den Assists an. Von einem der besseren wurde Nash für einige Jahre in Phoenix zum eindeutig besten Point Guard der Liga.
Gesicht der Revolution
Mehrere Gründe spielten dabei eine Rolle. In Phoenix führte Mike D’Antoni ein revolutionäres Offensiv-System ein, für das Nash mit seinem Mix aus elitärem Shooting und kreativem, schnellem Passspiel der perfekte Dirigent war. Die NBA führte dazu einige Regeländerungen ein, die insbesondere der Offense und insbesondere den Guards zugutekamen.
Und nicht zuletzt war es Nash selbst, der sich angestachelt fühlte und es Cuban vielleicht auch ein wenig heimzahlen wollte. "Manche Jungs kümmern sich sehr gut um ihren Körper und nutzen die neuen technischen Möglichkeiten für sich. Steve ist zudem sehr diszipliniert. Ich wusste, dass er diese Disziplin hat, aber ich dachte, er fällt auseinander, bevor das eine Rolle spielt", gestand Cuban später gegenüber SLAM.
"Er hat uns gezeigt, dass wir falsch lagen - und das verdient Anerkennung. Er hat mir definitiv gezeigt, wie falsch ich lag."
Die Frage bleibt
Für Dallas lief es derweil natürlich auch nicht verkehrt. Nach Nash‘ Abgang erreichte auch Nowitzki ein neues Level, das Team unternahm wieder mehr Schritte Richtung Offense-Defense-Balance, 2006 schafften es die Mavs erstmals in die Finals.
2011 folgte der Titel, der Nash in Phoenix verwehrt blieb, die späte Krönung der Nowitzki-Ära. Nach der Cuban übrigens erneut viele Fans verärgerte, als er mehrere Leistungsträger ziehen ließ und eine "echte" Titelverteidigung de facto unmöglich machte.
Nichtsdestotrotz blieb die Frage bestehen, was gewesen wäre, wenn die beiden Freunde zusammengeblieben wären - auch mehr als zwei Dekaden später. Woran auch die Tatsache nichts ändert, dass Anfang 2025 eine vielleicht noch größere ungeklärte Frage in der Mavs-Geschichte gestellt wurde.
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