Dennis Schröder stand exakt dort, wo er hingehört. Neben Franz Wagner, Giannis Antetokounmpo, Alperen Sengün, imaginär auch Luka Doncic (der war nach dem Viertelfinalaus bereits abgereist), neben zwei der vier besten Spieler des Planeten, und zwei - da lieferte die EuroBasket wasserdichte Anhaltspunkte - zukünftigen absoluten Stars der NBA. Schröder selbst ist mit amerikanischer Brille ein guter, häufig sehr guter Spieler. Weitet sich der Blick auf den FIBA-Kontext, ist er mit den besten der Welt auf absoluter Augenhöhe; in manchem Moment sogar darüber.
Wie kurz vor Schluss, als er den Ball gegen den heraneilenden Sengün höchstmöglich das Brett küssen ließ, ehe er durch die Reuse glitt. Oder kurz darauf, als er Ercan Osmani an der Freiwurflinie erst nach rechts, danach nach links lockte, abstoppte, hochstieg und über die ausgestreckte Hand des 2,13 Meter großen Türken einen Wurf versenkte, dessen Optik manche an Michael Jordans finalen Abschluss zur sechsten Meisterschaft der Chicago Bulls erinnerte. Schröder in bester Gesellschaft.
Als es maximal darauf ankam, als es darum ging, ob nach diesem unglaublichen Finale denn nun Deutschland oder die Türkei Europameister würde, gab Schröder die Antwort. Nur Schröder. Er tat Hall-of-Fame-Dinge. Auch, weil es nicht aus der Lawine eines ohnehin bereits dominanten Spiels heraus passierte. Gegen exzellent verteidigenden Türken musste sich Schröder lange anpassen.
Schröder gegen die Türkei: dominiert, ohne zu dominieren
Indem sie ihn nach Blöcken seiner Mitspieler immer wieder zu zweit überfielen, zwang die Türkei Deutschlands Point Guard zu unangenehmen Entscheidungen. Der, der das Spiel des DBB-Teams durch seinen explosiven Zug zum Krob immer wieder öffnet, fand kaum Raum, um seinen ersten schnellen Schritt anzubringen. Oft war der Pass heraus aus dem Doppel die einzig valide Möglichkeit. Nun hätte Schröder es auch erzwingen, irgendwie versuchen können, die Defense zu durchbrechen. Statt damit Ballverluste rund um die Mittellinie zu riskieren, entschied er sich für die ruhige Herangehensweise.
Ohne die Kontrolle zu besitzen, kontrollierte Schröder, was er kontrollieren konnte. Raum für Dominanz blieb dabei nicht. Elf Würfe nahm er im Finale. Gut eine Minute vor dem Ende des Finals stand er bei zehn Punkten. Einerseits fand er dennoch Wege, die DBB-Offense positiv zu beeinflussen, verteilte insgesamt zwölf Assists, andererseits blendete er im entscheidenden Moment die vorherigen knapp 39 Minuten einfach aus. Gewissermaßen aus dem Stand war Schröder nicht mehr zu stoppen. Weder von Länge noch von harter Defense. Deutschland, so hatte er entschieden, würde gewinnen.
Kommentar zum deutschen EM-Titel: Ein Team voller Siegertypen
Schröder-Vergleich: Hätte Mario Götze nach der WM auch noch die EM entschieden
Die Besten müssen nicht permanent dominieren, häufig dominieren sie jedoch, wenn Spiele und Meisterschaften drohen, in Sackgassen zu verenden. Schröder tat es schon wieder. Wie während des WM-Halbfinals gegen die USA, als er 40 Sekunden vor dem Ende Austin Reaves überwarf und auf plus sechs stellte. Oder im Finale, als er gut Sekunden vor dem Ende einfach an Aleksa Avramovic, einem der unangenehmsten Eins-gegen-Eins-Verteidiger im FIBA-Kosmos, vorbeizog und Deutschlands Minipolster auf vier Punkte aufstockte. Nun gegen die Türkei also die beiden großen Würfe, dazu die beiden finalen Freiwürfe.
Eine einzige solche Sequenz zu haben, wenn derart viel auf dem Spiel steht, genügte schon für Heldengeschichten. Schröder schrieb sie mittlerweile dreimal. Im EM-Tagebuch von Magenta Sport verglich Final-Kommentator Sebastian Ulrich die Bedeutung mit dem Fußball. Es wäre so gewesen, als hätte Mario Götze nach seinem Tor im WM-Finale zwei Jahre später zunächst das EM-Halbfinale und danach das Finale kurz vor dem Ende entschieden. Hall-of-Fame-Dinge.
WM- und EM-MVP? Schröder in illustrer Gesellschaft
Moritz Wagner über Schröder: "All das ist Dennis"
Weitet sich der Blick, wird Schröders Fall noch klarer. Nach dem Finale sagte Moritz Wagner bei Magenta Sport etwas Bemerkenswertes: Nachdem er aufgezählt hatte, was die Teamkollegen gegen die Türkei für unglaubliche Dinge veranstaltet hatten, fügte er an: "Und all das ist Dennis." Weil Schröder den Boden bereitet hatte. Weil er zu sehr großen Teilen mitverantwortlich ist, dass in den letzten Jahren beim DBB eine Kultur entstand, in der sich jeder ausleben kann, in der jeder das (Selbst-)Vertrauen spürt, große Spiele in großen Momenten positiv zu beeinflussen.
Irgendwann hätte Schröder auch sagen können, dass es reiche. Jeden Sommer kam er zur Nationalmannschaft. Häufig reiste er enttäuscht wieder ab und bekam zudem teils harte Kritik zu spüren. Er hätte Frust schieben, zurücktreten können. Stattdessen war es für ihn, der öffentlich lange einen schweren Stand hatte, immer selbstverständlich, Sommer für Sommer Turniere zu spielen, für sein Land aufzutreten.
Doch Schröder war nicht nur da. Schröder kreierte nicht auf dem Court. Er schuf etwas Besonderes. Natürlich haben über die Jahre viele ihren Anteil am Wachstum des DBB-Teams; nicht zuletzt Weltmeister-Coach Gordon Herbert und all die Teamkollegen. Wo immer von der Kultur der Mannschaft die Rede ist, heißt es jedoch, sie habe mit Schröder begonnen. "All das ist Dennis", wie Wagner sagte.
Wie der DBB eine nachhaltige Siegermentalität formte
Schröder: "Klassenfahrt mit Freunden" zu Titeln und in die Hall of Fame
Gewissermaßen begann damals, nach dem bitteren Vorrundenaus bei der WM 2019, vieles mit Schröder. Heute endet es mit ihm. Wenn die Mannschaft am Ende großer Spiele einen großen Wurf braucht, springt Schröder ein; kann er ein einspringen. Weil alle wissen, dass sie vorher auch dürfen. Weil beim DBB eine Atmosphäre des gegenseitigen Vertrauens herrscht. Weil jeder wichtig ist. Weil sich Schröder nicht zu wichtig nimmt.
Seinen EuroBasket-MVP-Award wollte er beispielsweise mit Franz Wagner teilen. Er gehöre beiden, sagte Schröder bei Magenta Sport. Mehr noch: Wagner "war eigentlich der beste Spieler von uns." Beim DBB geht es nie um den Einzelnen. Immer geht es um das große Ganze - oder wie es Isaac Bonga nach dem Finale formulierte: "Für mich war das wie eine Klassenfahrt mit meinen Freunden - und nebenbei spielt man Basketball."
Freunde, die zusammen Basketball spielen und Titel sammeln. Schröder gewann am Ende nicht "nur" zwei der drei größten Titel im internationalen Basketball, wurde zweimal zum besten Spieler des Turniers gewählt und entschied Finals mit komplizierten Würfen, er schuf etwas Größeres: ein Team für die Ewigkeit. Sowohl im Gesamtkontext als auch im Zwischenmenschlichen. Daher gehört Dennis Schröder auch nach seiner Karriere exakt dorthin, wo er nach dem Finale der EuroBasket stand: Zu den Besten, die das Spiel je gesehen hat.