Herr Femerling, 20 Jahre ist es her, als Deutschland zuletzt - damals mit Ihnen als Kapitän - im EM-Finale stand. Heute Abend ist es wieder so weit. Enden die Parallelen beider Teams an dieser Stelle?
Femerling: Unsere Generation war durchaus wesentlich weniger talentiert als die Mannschaft jetzt. Damals waren die Erwartungen aber auch niedriger. Vom Gefühl war es so: Die Leute sollen froh sein, wenn wir die Vorrunde überstehen und dann kämpfen wir uns weiter. Dieses aktuelle Team hat sich durch die Erfolge der letzten Jahre selbst positiven Druck gemacht. Aber es ist ja erstmal geil, dass die deutsche Mannschaft im Finale steht und eine Chance auf den EM-Titel hat.
In dieser Favoritenrolle hält sich Deutschland nun bereits seit einigen Jahren …
Femerling: Sie ist "committed". Da gibt es eine klare, auch emotionale Basis: miteinander Zeit verbringen, All-in gehen, sich ehrlich in die Augen schauen. Man muss nicht mit jedem befreundet sein, aber man braucht eine tragfähige Grundlage, um erfolgreich Basketball zu spielen.
Femerling: "Daniel und Johannes sind auch keine Kinder auf dem Feld"
Kommen wir zum EM-Finale. Was imponiert Ihnen an der Türkei?
Femerling: Disziplin, Zusammenspiel, klare Rollen. Alperen Sengün ist neben Nikola Jokic einer der besten Passer des Planeten, findet seine Mitspieler wie im Videospiel. Seine Körperform täuscht ein wenig darüber hinweg. Er sieht nicht aus wie der Superathlet, ist es aber. Osmani ist der perfekte Komplementärspieler, Shane Larkin spielt dazu wahnsinnig unaufgeregt.
Erst vor knapp einem Monat gewann Deutschland das Supercup-Halbfinale gegen die Türkei. Was lässt sich daraus ableiten?
Femerling: Eher wenig. Das war knapp und hat gezeigt, wie schwer die Türkei zu schlagen ist. Bis zu dem Zeitpunkt hatten beide Teams in diesem Sommer aber wahrscheinlich nur wenig Basketball gespielt. Seitdem haben beide Rhythmus und Abläufe optimiert - vor allem die Türken. Das Spiel gibt höchstens Zuversicht, dass man sie schlagen kann.
Die Türkei spielt mit Sengün und Osmani - zwei Big Men. Bundestrainer Ibrahimagic kündigte bereits Anpassungen an. Wie könnten diese aussehen?
Femerling: Man kann mit zwei Bigs starten - etwa Daniel Theis plus Johannes Thiemann oder Oscar da Silva. Leon Kratzer als "Enforcer" gegen Sengün wäre eine Option, ich glaube aber nicht, dass man ihn aus dem Nichts reinschmeißt. Daniel und Johannes sind aber auch keine Kinder auf dem Feld, sie sind robust und kräftig. Entscheidend werden ohnehin die taktischen Anpassungen sein, nicht zwingend die Starting Five.
Femerling: So kann man Sengün stoppen
Sengün spielt ein überragendes Turnier. Wie kann ihn Deutschland stoppen?
Femerling: Man hat genug Körper, um dagegenzuhalten. Das Problem ist, dass er ein sehr guter Eins-gegen-Eins-Spieler ist. Wenn du ihn dann doppelst, ist er ein zu exzellenter Passer. Das heißt, du musst schon sehen, von wem du wegdoppelst und wie du die Lücke schließt.
Mit Ergin Ataman steht ein Meister der Psychospielchen an der Seite der Türkei. Wie viel Einfluss nimmt so etwas auf die Mannschaft?
Femerling: Wenig - man muss so etwas entweder ignorieren oder als Motivation nutzen. Wenn er vor Griechenland sagt, der Gegner sei Topfavorit, ist das Taktik, um sich selbst als Underdog zu verkaufen. Inhaltlich ist das oft Quatsch. Wichtig ist, nicht darauf reinzufallen. Wenn es etwas Despektierliches ist, dann kann einen das auch motivieren. Als wir 2005 gegen Slowenien spielten, sagten die vorher, sie treten gegen die deutschen Handballer an. Am Ende sind sie nach Hause gefahren und wir weiter.
Mit Serbien und Griechenland hat die Türkei bereits zwei Topspiele gewonnen. Ist es ein Vorteil, den schwierigeren Turnierweg gemeistert zu haben?
Femerling: Das kann helfen. Aber Deutschlands Gruppe war auch nicht leicht. Das Slowenien-Spiel hat gezeigt, wie stabil dieses Team ist: 40 Minuten ackern wie wahnsinnig, dazu all die Diskussionen, Meckereien und das Flopping. Man muss im Kopf schon stabil sein, um das am Ende zu gewinnen. Schröder als Beispiel, der sich trotz schwächerer erster Hälfte dann auf die wichtigen Dinge konzentriert hat. Defense, Playmaking, Midrange. Auch die Kommunikation mit den Schiris war reif. Das stimmt mich zuversichtlich.
"Basketball ist die Nummer 2 in Deutschland"
Im Slowenien-Spiel war insgesamt trotzdem nicht diese Leichtigkeit vorhanden, die man aus der Gruppenphase kannte. Ist dieser Flow mit dem Halbfinale gegen Finnland jetzt zurückgekommen?
Femerling: Du wirst nicht Weltmeister, wenn du es nicht schaffst, dich trotz Blessuren und allen Problemen durchzusetzen. Ich habe schon das Gefühl, dass der Flow da ist. Das sind alles super Athleten, top trainiert und sehr smart. Es ist nur menschlich, dass es mal hakt. Gegen Finnland war es gut zu sehen, dass Deutschland wieder mehr Spielfreude und Leichtigkeit hatte. Über das nächste Spiel sagt das zwar nichts aus, aber es ist ein gutes Zeichen.
Wo liegen Deutschlands Trümpfe?
Femerling: Geschwindigkeit und Tiefe. Wenn wir schnell machen, sind wir kaum zu stoppen - Rebound sichern, zwei Pässe, Layup. Diese Geschwindigkeit kann man als Gegner gar nicht kontrollieren - wenngleich wir gegen Finnland einiges am Ring haben liegenlassen.
Die Basketballer bekommen in Deutschland gerade so viel Aufmerksamkeit, wie wahrscheinlich nie zuvor. Ist dieses Wachstum nachhaltig oder ebbt es nach dem aktuellen Erfolg wieder ab?
Femerling: Ich glaube schon, dass es bleibt. Die Zahlen im Jugendbereich wachsen ja weiter. Wellenbewegungen sind durchaus normal, aber ich mache mir keine Sorgen, dass die Entwicklung einen Knick bekommt. Als die Handballer Weltmeister geworden sind, gab es ja auch einen Riesenboom. Der muss im Basketballer jetzt ebenfalls ausgenutzt werden. Da braucht es einen klaren Plan, den man über Jahre verfolgt. Dann hat man die Chance, dass die Rolle von Basketball in der Gesellschaft weiter wächst. Ich will den Handballern nichts wegnehmen, aber Basketball ist die Nummer zwei in Deutschland!
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