Als Lautsprecher ist Franz Wagner nicht bekannt. Der 24-Jährige ist vielmehr einer, der in der Regel sein Spiel für sich sprechen lässt. Und seinen Bruder, wie der frühere Bundestrainer Gordie Herbert gern witzelte. Was die Ansage, die er nach dem Gewinn der nächsten (!) Goldmedaille in Richtung seines Bruders machte, noch etwas spezieller wirken ließ.
"Ey Moe, werde einfach gesund. Und dann holen wir dieses Ding nochmal. Ich sag es, wie es ist", sagte Franz am Sonntagabend zu Moritz Wagner, der von Kalifornien aus als MagentaSport-Experte zugeschaltet war. Es war eine Ansage, die zeigte, wie viel sich nicht nur bei Wagner, sondern allgemein beim DBB-Team über die vergangenen Jahre gewandelt hat.
Dieser Erfolg wird nicht als zufällig bewertet, sondern als folgerichtig. Was nach drei Medaillen und einem vierten Platz bei den vielleicht bestbesetzten Olympischen Spielen aller Zeiten niemanden verwundern sollte; seit 2022 hat das DBB-Team sein All-Time-Medaillenkonto in seiner Größe verdoppelt, eine so nie gekannte, bemerkenswerte Dominanz an den Tag gelegt.
"Wir sind genau da, wo wir hingehören", urteilte Wagner nach dem jüngsten Triumph, richtigerweise - auf dem Thron. Was automatisch zu einer Frage führt, denn im Sport steht nach dem letzten Turnier bekanntlich immer das nächste an: Können sie diesen tatsächlich behaupten?
DBB-Team: Tritt jemand zurück?
Eigentlich ist dieser Titel eine Fortsetzung, gewissermaßen aber auch eine kleine Zäsur: Im Sommer 2026 steht erstmals seit 2020 kein großes Turnier an, erst 2027 wird es mit der Weltmeisterschaft in Katar wieder weitergehen. Bis dahin kann sich in und um dieses Team einiges ändern, das über die letzten Jahre so fest zusammengewachsen ist.
Gerade bei Maodo Lo, Johannes Voigtmann und Daniel Theis, die alle dem 92er Jahrgang angehören, spekulierte bereits der eine oder andere, dass 2025 ihr letztes großes Turnier gewesen sein könnte. Alle drei waren über die vergangenen Jahre absolute Säulen des DBB-Teams, Lo mit seinem dynamischen Scoring und Playmaking von der Bank, Theis und Voigtmann als Big-Man-Tandem, das in der Defense vom Start weg den Ton angab.
Aufgrund seiner Verletzung konnte Voigtmann diese Säule 2025 nicht im gewohnten Maß sein. Die schnellere Spielweise unter Coach Alex Mumbru schien ohnehin etwas mehr in Richtung schnellerer Lineups mit nur einem Big zu tendieren, was seine Rolle im Vergleich zur Herbert-Zeit etwas reduzierte, essenziell für das Teamgefüge blieb der Co-Kapitän indes sogar nach seiner zwischenzeitlichen Abreise noch.
Schröder: Bis nichts mehr geht
Weshalb es auch nicht verwunderte, welche Meinung Dennis Schröder zu möglichen Rücktritten seiner Kollegen hatte: Ablehnung. "Also ich glaube, wenn du eine goldene Ära hast, wie die Leute uns genannt haben, dann sollte man es so lange machen, bis man nicht mehr laufen kann", sagte der Turnier-MVP. Wovon bei ihm tatsächlich auszugehen ist.
Schröder, nun 32, will laut Eigenaussage spielen, bis er 40 ist. Solange er so fit bleibt, so cool in den entscheidenden Momenten, dürfte er auch immer die Möglichkeit dazu haben. Selbst wenn die Schnelligkeit irgendwann schwinden sollte - am Beispiel Spaniens zeigte sich jahrelang, welche "Aura" ihre Guards auch nach der Prime noch hatten, welchen Einschüchterungsfaktor, weil sie wieder und wieder zur Stelle waren, wenn das Geld auf dem Tisch lag.
Wer hatte im FIBA-Basketball jemals mehr diese Ausstrahlung als Schröder nach seinen Finishes im WM- und dann im EM-Finale? Ganz zu schweigen von all den anderen Qualitäten, die Schröder ins Team einbringt, ist das einer der Hauptfaktoren, weshalb er auch bei den nächsten Turnieren als Leader essenziell bleiben wird.
DBB-Team: Eine kleine Verschiebung
Zumal er das Lenkrad durchaus bereitwillig abgibt. Die Zeiten, als gefühlt jeder Angriff mit einem Schröder-Theis-Pick’n’Roll startete, sind lange vorbei - mehr denn je spielt Schröder unter Mumbru auch abseits des Balles, sucht sich seine Spots und lässt andere machen.
Insbesondere Wagner natürlich, dessen beste Zeit noch nicht begonnen hat und der dennoch schon jetzt - laut Schröder - Deutschlands bester Spieler in diesem Turnier war. Gut möglich, dass sich die Kontrolle bis 2027 etwas weiter in seine Richtung verschiebt, er noch häufiger zum Topscorer wird (bei der EM scorten beide nahezu identisch).
Auch dann wird das noch ein Fundament sein, mit dem ein Team auf FIBA-Level absolut dominant auftreten kann. Und auch dann wird es, selbst wenn manch einer seinen Abschied nimmt, sehr viel Qualität um beide herum geben.
DBB-Team: Pure Klasse auf dem Flügel
Ein großer Teil der 2025er Rotation ist im besten Basketball-Alter oder sogar noch davor. Andi Obst etwa ist 1996 geboren, Shooter allerdings altern bekanntermaßen ohnehin nicht. Moe Wagner ist Teil des 1997er Jahrgangs und wird darauf brennen, beim nächsten Mal wieder dabei zu sein.
Isaac Bonga, Deutschlands drittbester Akteur während der EM, kam 1999 auf die Welt und verbesserte sich in den letzten drei Jahren so dramatisch wie kaum jemand sonst. Franz Wagner und der drei Monate ältere Tristan da Silva sind 2001er; für da Silva war die EM das erste große Turnier, zum Ende hin war er aus dem Team bereits nicht mehr wegzudenken.
Allein schon die Flügel-"Achse" mit Bonga, Wagner und da Silva in Kombination mit Schröder legt nahe, dass es für das DBB-Team auf einem sehr hohen Level weitergehen wird, mit ihrer überragenden Variabilität und ihren Two-Way-Fähigkeiten. Und damit sind ja wiederum noch nicht einmal alle NBA-Spieler beziehungsweise -Talente aufgezählt.
DBB-Team: Was macht Hartenstein?
Das größte Fragezeichen - und bisher liegen gelassene Potenzial - steht hinter der Personalie Isaiah Hartenstein. Erst recht, sollte einer von Theis oder Voigtmann (oder gar beide) aufhören; Hartenstein ist zum besten deutschen Big Man gereift, gerade defensiv, die Art von Kante, die auch im Finale gegen Alperen Sengün sehr hätte helfen können.
Der 27-Jährige hat in der Vergangenheit betont, dass die NBA für ihn Priorität habe, er aber durchaus gewillt wäre, in der Zukunft auch wieder (wie schon bei der EM 2017) für Deutschland zu spielen. Gerade im Hinblick auf Olympia 2028 könnte diese Bereitschaft in manchen Matchups möglicherweise den Unterschied machen.
So oder so - es drängen sich Luxusprobleme auf, zumal mit Spielern wie Christian Anderson oder Hannes Steinbach (oder Sananda Fru, oder Eric Reibe, oder Johann Grünloh, oder …) perspektivisch einiges nachkommt. Sich auf zwölf Spieler zu beschränken, dürfte in der Zukunft nicht leichter werden.
Diese Spieler KÖNNTEN 2027 ein Thema sein:
- Backcourt: Dennis Schröder, Maodo Lo, Christian Anderson, Andi Obst, David Krämer, Justus Hollatz
- Wing: Isaac Bonga, Franz Wagner, Tristan da Silva, Johannes Thiemann, Oscar da Silva
- Bigs: Isaiah Hartenstein, Moritz Wagner, Ariel Hukporti, Hannes Steinbach, Daniel Theis, Johannes Voigtmann, Leon Kratzer
DBB-Team: Purer Luxus
Es ist ein nie gekannter Luxus, der hier mittlerweile vorliegt. Ein Kern, der gemeinsam gefightet und gewonnen hat, der zusammengewachsen ist, es bisher aber auch immer wieder schaffte, neue Teile zu integrieren und sich bisweilen auch spielerisch neu zu erfinden. Der sich entwickelt, dabei aber nie den Zusammenhalt in Frage stellen lässt.
Der - und das ist vielleicht das wichtigste - seinen Hunger bisher nicht verloren hat. Die vielen Erfolge machen diese Mannschaft nicht müde, sondern nur klüger, abgezockter. Noch gefährlicher. Weshalb auch der Plan, "das Ding einfach nochmal" zu holen, nicht vermessen erscheint.
Womöglich endet in diesem Herbst die Ära einiger Protagonisten. Das Zeitfenster des deutschen Basketballs jedoch bleibt geöffnet. Und Stand jetzt spricht überhaupt nichts dafür, dass es sich irgendwann in naher Zukunft wieder schließen wird.