Sind wir ehrlich: Wenn es ein Team in der Liga gibt, das nicht noch einen weiteren guten Guard gebraucht hätte, ist es wahrscheinlich OKC. Ein Team, das allein im Backcourt den amtierenden MVP in seinen Reihen hat, drei (!) der absolut besten Guard-Verteidiger der NBA, einen der weltbesten Shooter.
Ganz zu schweigen von einem weiteren All-NBA-Spieler, der in den meisten "normalen" Teams als Shooting Guard auflaufen würde … Es war für den Meister schon in der vergangenen Saison zum Teil nicht leicht, Minuten für all diese Spieler zu finden, die bei vielen anderen Teams nahezu allesamt starten würden.
Nun, so viel lässt sich nach knapp einem Saisonmonat bereits sagen (in dem weder Jalen Williams noch Ex-Lottery-Pick Nikola Topic, der an Hodenkrebs erkrankt ist, dem Team zur Verfügung standen): Diese Herausforderung wird in dieser Spielzeit nicht unbedingt kleiner. Was für OKC logischerweise trotzdem die gute Art von Problem darstellt, wenn es überhaupt eins ist.
OKC Thunder: Noch ein Juwel
Zumal Ajay Mitchell ein weiteres Paradebeispiel dafür ist, warum die Thunder dem Rest der Liga in Sachen Kaderplanung und -entwicklung enteilt sind. Um Lichtjahre, könnte man in Anlehnung an ein altes Warriors-"Mantra" meinen - wenn OKC sich nicht unter anderem durch sein Understatement definieren würde.
Jeder weiß mittlerweile darum, wie sich die Thunder durch Superstar-Trades neu aufgestellt haben, wie sie Topspieler in der Lottery zogen (Williams, Chet Holmgren), wie viele Picks sie über die nächsten Jahre angehäuft haben. Es sind aber nicht nur die großen Transaktionen, die diesen Kader definieren, sondern auch die großartige Arbeit in der "Peripherie".
Mitchell ist ein Spieler, den jedes Team hätte haben können. So wie Lu Dort (ungedraftet), Aaron Wiggins (Nr.55-Pick), Jaylin Williams (Nr.34-Pick) und Isaiah Joe (Nr.49-Pick, entlassen von den Sixers) vor ihm. Die vielleicht größte Spezialität von GM Sam Presti besteht darin, Juwelen dort zu finden, wo andere nur mit halbem Auge hinsehen.
Mitchell: Von unten nach oben
2024 kam Mitchell als Nr.38-Pick in die Liga, wurde eigentlich von den Knicks gedraftet. Die Thunder sicherten sich die Rechte, hatten zunächst aber keinen richtigen Kaderplatz für ihn. Sein Rookie-Jahr begann er auf einem Two-Way-Vertrag, der ihn berechtigte, bis zu 50 Spiele in der NBA zu absolvieren und den Rest seiner Zeit in der G-League zu verbringen.
Es gibt Teams, die mit diesen Two-Way-Spielern nicht allzu viel anfangen können, keinen Platz für sie finden. Bei OKC ist das anders; Mark Daigneault scheut sich nicht, Spieler zu testen und ins kalte Wasser zu werfen, findet Minuten für alle. Mitchell durfte als Rookie in 36 Spielen ran, es wären mehr geworden, wenn er sich nicht während der Saison verletzt hätte.
In die G-League musste er gar nicht; stattdessen wurde sein Vertrag nach der Deadline umgewandelt, in einen Standard-NBA-Vertrag bis zum Ende der Saison. In den Playoffs erhielt er nach seiner Genesung immerhin zwölf Kurzeinsätze. Im Sommer erhielt er dann einen neuen Deal, wieder so ein klassisches OKC-Ding, also spottbillig: Drei Jahre, 8,7 Mio. Dollar, Team-Option (!) im dritten Jahr.
Nicht schlecht für einen Spieler, der auf einmal eine essenzielle Rolle für sie spielt.
Mitchell: Eine Driving-Maschine
Es war in gewisser Weise absehbar, dass der Ausfall von J-Dub zum Saisonstart Möglichkeiten für andere schaffen würde. Nicht aber war absehbar, dass Mitchell der primäre "Nutznießer" sein würde: 16,3 Punkte erzielt der Belgier bisher im Schnitt, die drittmeisten im Team. Mal als Starter, zumeist als Bankspieler, fast immer jedoch mit positivem Einfluss.
Mitchell ist dabei ein etwas eigener Spieler, was wohl auch mit dazu beitrug, dass er im Draft 2024 fiel; trotz seiner "nur" 1,93 m ist der Leftie eher auf die Zone als auf die Dreierlinie fokussiert, spielt mit viel Drive. Sein Dreier fällt nach guten Zahlen als Rookie derzeit sogar etwas schlechter (31,6% bei 3,8 Versuchen), das kann er jedoch anderweitig kompensieren.
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Sein wichtigstes offensives Werkzeug verbindet ihn mit Shai Gilgeous-Alexander. Während der MVP seit Jahren der profilierteste Driver der NBA ist (aktuell Platz 2 mit 18,3 Drives pro Spiel), steht Mitchell auf Rang 18 mit 13,1 Drives. Auch er attackiert liebend gern, überpowert dabei schmächtigere Spieler und schließt mit einer Vielzahl von Floatern effektiv ab. Auch die gute Fußarbeit nutzt er immer wieder kreativ dazu, um sich durchzutanken.
Zwei Drittel seiner Abschlüsse nimmt Mitchell am Ring oder aus der kurzen Mitteldistanz alias der "Floater-Range", ein massiver Wert für einen eher kleinen Spieler. Laut Cleaning the Glass fallen derzeit insgesamt gute 58% dieser Abschlüsse; zudem ist Mitchell recht gut darin, dabei Freiwürfe zu ziehen und kaum mal den Ball zu verlieren.
Wie bei einem Pickup-Spiel
Diese Fähigkeiten sind für OKC besonders wertvoll, da das Team - trotz allem personellen Überfluss - nicht reich ist an Spielern, die Abschlüsse für sich selbst kreieren können. Auch in der vergangenen Saison, als Williams ein All-NBA-Jahr hinlegte, führte das zu einer massiven offensiven Abhängigkeit von SGA und manchen Problemen, wenn der Kanadier mal pausierte.
Mitchell löst diese Probleme nicht im Alleingang - aber er kann dazu beitragen, zumal das Team auch seine defensive Identität mit ihm keineswegs kompromittieren muss (im Gegenteil: Auch Mitchell ist tough, diszipliniert und eine Pest für gegnerische Ballhandler, mit einer der höchsten Steal-Raten der Liga …).
Er ist ein guter Passer, der die Offense für einige Minuten schultern kann. Der zudem gut darin ist, die Situation zu lesen und die richtige Antwort zu finden. "Mit ihm zu spielen, ist wie bei einem Pickup-Spiel", sagte SGA kürzlich. "Er braucht kein Play, das für ihn angesagt wird. Er braucht nicht zu viel Struktur. Er geht einfach raus, findet einen Weg, macht das richtige Basketball-Play, spielt hart und gewinnt."
Als Team schicken sich die Thunder bisher an, die grandiose Vorsaison direkt noch einmal zu toppen. Auch ohne ihren zweit- oder drittbesten Spieler sind sie eine Dampfwalze, die der restlichen Liga Angst und Schrecken vermitteln sollte, mit einem absurden Net-Rating (+17,4) und einer Defense, die von Platz 2 so weit entfernt ist wie Platz 2 von … Platz 18. (Ernsthaft.)
Mitchell und OKC: Kein Zufall
Mitchell ist ein essenzieller Teil davon. Wobei damit zu rechnen ist, dass seine Spielanteile sinken werden, sobald Williams von seiner Verletzungspause wieder zurückkehrt. Andererseits wirkt nichts von dem, was er derzeit zeigt, wie ein Zufallsprodukt oder etwas, das sich nicht über einen längeren Zeitraum bestätigen ließe.
Mitchell ist als legitimer Two-Way-Guard genau die Art von Spieler, die jedes Team in der Liga gern in seinen Reihen hat. Dass er ausgerechnet bei dem Team gelandet ist, das in dieser Hinsicht bereits im Überfluss lebte? Man könnte es als Zufall bezeichnen - aber das würde den Thunder nicht gerecht werden.
Langfristig werden sie sich überlegen müssen, wie sie genug Minuten für Mitchell finden. Und für Wallace, Caruso, Dort, Joe … Es ist ein "Problem", um das sie jedes andere Team in der NBA beneidet.