Es lässt sich nicht mit Sicherheit sagen, wie die Karriere von Kevin Garnett in ihrer Idealversion ausgesehen hätte. Ziemlich sicher jedoch lässt sich urteilen, dass die tatsächlich gesehene Version nicht die Idealversion war - dafür ging einfach zu oft etwas schief, was die Laufbahn des größten Timberwolfs von allen hätte positiv verändern können.
Was wäre, wenn … Co-Star Stephon Marbury nicht nach kurzer Zeit aus Neid ein eigenes Team hätte suchen wollen? Wenn Latrell Sprewell nicht nach der einen richtig guten gemeinsamen Saison gestreikt hätte, weil er seine "Familie ernähren" musste? Wenn KG sich nicht erst 2007, sondern schon etwas früher ein kompetenter geführtes Team gesucht hätte?
Alles legitime Fragen, und bei den Wolves schwirren auch außerhalb der Garnett-Ära einige davon durch die Franchise-Geschichte (etwa: Wie wäre es gelaufen, hätte man 2007 nicht zwei Point Guards unmittelbar vor Stephen Curry gedraftet?). In gewisser Weise werden sie jedoch alle in den Schatten gestellt, so komisch das klingt, von einem anderen Gedankenspiel.
Was wäre passiert, hätte sich Minnesota bei der Mauschelei um Joe Smith nicht so dusselig angestellt?
Joe Smith: Sehr verdächtig
Aus heutiger Sicht mutet es sehr merkwürdig an, wie sehr sich eine Franchise in die Bredouille bringen konnte für einen Spieler, der nie in seiner Karriere All-Star wurde. 1998 allerdings wusste man das natürlich noch nicht: Smith hatte damals drei Jahre in der NBA auf dem Buckel, einmal hatte der Nr.1-Pick von 1995 immerhin 18,7 Punkte aufgelegt.
Dass er im Anschluss darauf nicht bei den Warriors, die ihn gedraftet hatten, geblieben war, lag nicht an deren fehlendem Interesse: 80 Millionen Dollar soll Golden State dem Big Man geboten haben, was dieser jedoch ablehnte. In der Folge wurde er nach Philadelphia getradet, wo er ein halbes Jahr spielte, ehe er 1998 dann erstmals zum Free Agent wurde.
Und zwar Unrestricted - die Restricted Free Agency am Ende von Rookie-Deals wurde erst in den 1999er Tarifverhandlungen eingeführt, nicht zuletzt wohl aufgrund von Smith. Dieser jedenfalls entschied sich als Free Agent für die Timberwolves, wo er den abgewanderten Tom Gugliotta ersetzen sollte. Sein Vertrag: 1 Jahr, 1,75 Millionen Dollar.
Unter dem Tisch
Schon damals wirkte diese Summe niedrig, war am ehesten noch dadurch erklärbar, dass Smith so wie viele andere nach dem Lockout nur wenig Zeit hatte, sich ein neues Team zu suchen (ein Lockout, der wiederum viel mit dem 126-Millionen-Dollar-Vertrag zu tun hatte, den Garnett sein Eigen nannte). Ein Jahr später flog diese Erklärung aber aus dem Fenster, als Smith nach einem guten Jahr (13,7 Punkte, 8,2 Rebounds als Starter) erneut zum Minimum unterschrieb.
Der Grund dafür war ohnehin ein anderer. "Es gab einen Deal, der unterm Tisch zwischen meinem Agenten und der Organisation vereinbart wurde, bei dem ich nicht involviert war, aber ich war am Ende derjenige, der die Strafe dafür zahlen musste", erklärte Smith später in einem Interview gegenüber VladTV.
Dieser Deal sah folgendes vor: Dreimal sollte Smith für "Peanuts" in Minnesota unterschreiben, damit die Wolves seine Bird Rights bekamen. Diese sollten Minnesota am Ende des dritten Deals, also 2001, dann die Möglichkeit geben, den Salary Cap zu überschreiten und Smith 86 Millionen über vier Jahre zu geben.
Was nicht nur viel zu viel Geld für einen soliden, aber nicht überragenden Big Man gewesen wäre, sondern natürlich auch hochgradig illegal.
"Wir sind schlecht"
Vielleicht wären die Wolves sogar damit durchgekommen. Aktiv suchte wohl niemand nach der Nadel im Heuhaufen, anders als im Jahr 2025 war es auch kein Investigativ-Podcast, der etwas aufdeckte. Stattdessen war es eine Trennung der beiden Agenten, die Smith (und auch Garnett) repräsentiert hatten, die zum Desaster führte.
Die Agenten Eric Fleisher und Andy Miller stritten sich im Wesentlichen darum, wer welche Spieler "behalten" durfte. Das verlief so hitzig, dass die Angelegenheit vor Gericht geklärt werden musste - wo unter anderem ein schriftliches Dokument zutage gefördert wurde, dass den "Geheimplan" in Sachen Smith aufdeckte.
Hier zeigt sich der wesentliche Unterschied zwischen Smith und der noch ungeklärten Causa Kawhi Leonard: Der Plan, die Regeln des Collective Bargaining Agreements bewusst zu brechen, wurde Schwarz auf Weiß festgehalten. Auch wenn Team-Präsident Kevin McHale genau wie Besitzer Glen Taylor vorerst dennoch abstritten, etwas davon gewusst zu haben.
"Ich habe seit vier oder fünf Jahren keinen Vertrag mehr durchgelesen", ließ sich McHale damals zitieren. "Es gibt acht bis zehn Teams, die so etwas ständig machen. Sie sind nur gut darin. Wir sind schlecht." Bei letzterem ließ sich ihm kaum widersprechen.
Die kleine Stadt in der Prärie
Die Strafe für die Wolves ließ danach nicht lange warten, und sie war harsch: Der damalige Commissioner David Stern, stets um das Image seiner Liga besorgt, statuierte ein Exempel an den Timberwolves. Taylor und McHale wurden jeweils für ein Jahr gesperrt, zudem wurde den Wolves eine Strafe in Höhe von 3,5 Millionen Dollar aufgebrummt. Mehr ging nicht.
Schwerer traf die Wolves jedoch, dass sie außerdem fünf Erstrundenpicks in Folge verloren. Zwar bekamen sie nach ihrem Einspruch immerhin noch die Picks in 2003 und 2005 wieder zurück, dennoch verlor Minnesota auf diesem Wege seine vielleicht wertvollsten Tools, um ein Team um einen der besten Spieler der Liga aufzubauen.
Die Härte der Strafe sorgte für einiges Aufsehen, war aus Sicht Taylors jedoch auch darin begründet, dass die Timberwolves eben keine "Marquee" Franchise waren. "Wir sind eine kleine Stadt hier draußen in der Prärie, die nicht ganz so wichtig für die NBA ist wie die anderen Städte", sagte Taylor.
Schlag auf die Finger
Rückblickend waren Taylor, McHale oder die Wolves im Allgemeinen jedoch nicht die größten Opfer. Beide verloren letztlich ein Jahr - und Taylor konnte die Franchise 2025 trotzdem (endgültig) für 1,5 Milliarden Dollar verkaufen, für die er selbst mal 94 Mio. bezahlt hatte. McHale leitete die Wolves nach seiner Pause noch bis 2009 weiter.
Selbst Smith, der durch diese Episode zweifellos Geld verlor, zog sich irgendwie solide aus der Affäre. "Sie gaben mir eine Wahl", erklärte Smith später. "Ich konnte entweder wieder in Minnesota unterschreiben und ein Jahr aussetzen, oder anderswo für ein Jahr spielen und dann, wenn ich wollte, wieder zu den Wolves gehen."
Er entschied sich für Tür B: Ein Jahr spielte er in Detroit, danach unterschrieb er für sechs Jahre und 34 Mio. wieder bei den Wolves, die ihn 2003 dann nach Milwaukee tradeten. Insgesamt spielte der Journeyman für zwölf NBA-Teams, seine Karriere-Einnahmen beliefen sich laut basketball-reference auf immerhin 61 Millionen Dollar.
Fußfesseln für KG
Der größte Verlierer der ganzen Geschichte? Garnett, irgendwie. Es ist wohl einer der Gründe dafür, warum KG bis heute einen intensiven Hass auf Taylor pflegt und es stets ablehnte, sein Trikot in Minnesota unter die Hallendecke ziehen zu lassen, das in Boston längst hängt (ein weiterer Grund: KG sagt, Taylor habe ihm einen Anteil an der Franchise versprochen - was auch nicht direkt erlaubt gewesen wäre …).
Nicht nur mit dieser, aber vor allem mit dieser Aktion kosteten die Wolves Garnett Jahre seiner Prime, in denen er um Titel hätte contenden sollen. Die Saison 03/04, als er das Team auf den Rücken nahm, MVP wurde und Minnesota bis in die Conference Finals führte, erstrahlt dadurch in einem noch helleren Licht - gewissermaßen trug "The Big Ticket" jahrelang Fußfesseln.
Ob es Absprachen wie bei Smith seither tatsächlich (bis 2025?) nicht mehr gegeben hat? Unmöglich zu belegen … was eine der wichtigsten, wenn nicht die einzige Lektion aus der Geschichte sein sollte. Richtig gefährlich wird es womöglich erst, wenn alles Schwarz auf Weiß festgehalten wurde.
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