Vorweg: Wir sind nicht tollkühn genug, auf den ersten in den USA geborenen MVP seit 2018 (weiland James Harden) zu tippen, auch wenn sich womöglich wieder zumindest einer auf dem Stimmzettel finden lassen wird.
Zwei der sonst wohl interessantesten US-Kandidaten sind in Jayson Tatum und Tyrese Haliburton aufgrund von Achillessehnenrissen kein Thema, bei einigen anderen schreckt uns unter anderem ab, dass eben 65 Spiele nötig sein werden, um sich für die Awards zu qualifizieren.
Ehe wir loslegen, die Honorable Mentions: Aus dem Oldie-Trio Stephen Curry, LeBron James und Kevin Durant könnten wir uns am ehesten Steph vorstellen, der vergangene Saison immerhin Neunter wurde. Durant könnte sich mit seinem neuen Teamkollegen Alperen Sengün gegenseitig die Stimmen klauen, LeBron ist Ü40 und nicht mehr die Nummer eins seines Teams.
Anthony Davis, Trae Young, Ja Morant und Paolo Banchero könnten bei idealem Saisonverlauf vielleicht zu Kandidaten für den fünften Platz auf dem Ballot werden, wir rechnen indes nicht damit. Die folgenden Spieler haben die besten Karten:
10. Evan Mobley (Cleveland Cavaliers)
Mobley "leidet" gewissermaßen darunter, dass er in seinem eigenen Team nicht der größte Name ist. In Sachen Advanced Stats rangierte der 24-Jährige aber schon 24/25 auf Augenhöhe oder über Donovan Mitchell, hat die Trumpfkarte, einer der besten Verteidiger der Liga zu sein und offensiv noch viel Luft nach oben zu haben.
Mobley wird vermutlich nie die lautesten Zahlen auflegen, zumal er als Scorer nicht so stark gefeatured wird wie die meisten (oder alle) anderen Kandidaten auf dieser Liste. Den vielleicht größten Impact bei einem Team, das wieder eine Top-3-Bilanz ligaweit auflegen sollte, könnte er womöglich aber (wieder) für sich reklamieren.
9. Jalen Brunson (New York Knicks)
23/24 schaffte es der Guard immerhin schon einmal auf Platz fünf, vergangene Saison lief er dann auf dem zehnten Platz ein. Nun haben sich die Knicks ein wenig verändert, unter dem neuen Head Coach Mike Brown könnte sich der offensive Ansatz ändern, der Ball etwas weniger in die Hände Brunsons gelegt werden.
Ist das eine schlechte Sache? Nicht zwingend, Brunson ist als Shooter so stark, dass er auch Off-Ball Gefahr ausstrahlen kann, vielleicht wird sein Leben etwas leichter. Und sein Team könnte mit einer etwas diversifizierten Offense erst recht für Furore sorgen, alles andere als ein Two-Seed wäre eine Enttäuschung. Gut möglich also, dass Brunson im Award-Rennen wieder zumindest Erwähnung findet.
8. Donovan Mitchell (Cleveland Cavaliers)
Vielleicht gab es das bestmögliche Outcome für Mitchell bereits im Vorjahr, als er für die 64-Siege-Saison seiner Cavs mit dem fünften Platz und einem Auftritt im All-NBA First Team "belohnt" wurde. Auf der anderen Seite war die erfolgreichste Saison seiner Karriere individuell eigentlich ein kleines Down-Year für Mitchell.
So wenige Punkte hatte der 29-Jährige zuletzt 19/20 aufgelegt, dabei war die Effizienz nicht besser, sondern schwächer als in den vorigen Jahren, in denen er eine weitaus größere Last schultern musste. Auch sein Playmaking war nicht unbedingt stärker als sonst. Er opferte ein wenig und fuhr damit gut, eigentlich kann Mitchell aber fraglos mehr, als er in diesem Jahr zeigte.
Vielleicht erhält er mindestens zum Saisonstart nun wieder die Gelegenheit dazu, schließlich wird mit Darius Garland der wichtigste Creator neben ihm vorerst ausfallen. Sollte Cleveland die beste Bilanz der Liga ins Visier nehmen, darf man Mitchell nicht ausschließen.
7. Cade Cunningham (Detroit Pistons)
Einer von zwei jungen amerikanischen Hoffnungsträgern. Cunningham wurde vergangene Saison bereits Siebter als treibende Kraft des historischen Turnarounds der Pistons, die mehr als dreimal so viele Siege holten wie in der vorigen Saison. Sollten sie diesen Anstieg fortsetzen und 25/26 vielleicht sogar unter den ersten Drei im Osten landen, scheint noch mehr für ihn möglich.
Was auch individuell gilt. Während Cade vergangene Saison den "Leap" Richtung All-NBA-Level machte, hat er in vielerlei Hinsicht noch Luft nach oben. Eine durchschnittlich effiziente Saison hat er in seiner Karriere bisher nicht gespielt, auch wenn der Trend stimmte. Die Turnover-Anfälligkeit ist überdies noch immer ein wenig extrem.
Gleichzeitig hat Cunningham vieles, das für ihn spricht. Sein Spiel ist versiert, smart, schön anzusehen. In Detroit ist er die unangefochtene Nummer eins, der Spieler, dem alle anderen folgen. Weder bei ihm noch bei den Pistons wirkt das Potenzial auch nur ansatzweise ausgeschöpft.
6. Anthony Edwards (Minnesota Timberwolves)
Ähnliches lässt sich auch über Edwards sagen, der immerhin bereits zweimal Siebter wurde. Ant entwickelte sich vergangene Saison zu einem der profiliertesten Shooter der Liga (niemand traf mehr Dreier), nun will er sich in der Offseason das Post-Game vorgenommen haben und weiter daran arbeiten, zum kompletten Offensivspieler zu werden.
Die Tools sind bereits jetzt alle da - was Edwards bisweilen noch fehlt, ist eine smartere Wurfauswahl und konstanteres Decision-Making, was auch sein Playmaking betrifft. In all diesen Bereichen jedoch hat er über die vergangenen Jahre bereits riesige Schritte nach vorn gemacht.
In der neuen Saison wird es auch nicht - wie 24/25 - zunächst eine Phase geben, in der Ant sich an neue, essenzielle Mitspieler gewöhnen muss, die Wolves setzten auf Kontinuität. Transportieren sie ihre Form aus den letzten Saisonwochen (17-4) in die neue Spielzeit, ist Edwards der beste US-Kandidat im Feld.
5. Giannis Antetokounmpo (Milwaukee Bucks)
Neben Jokic ist Giannis die große Konstante des MVP-Rennens, seit 2019 wurde der Grieche in jedem Jahr mindestens Vierter und gewann den Award zweimal, allerdings zuletzt 2020. Die individuellen Leistungen ließen dabei über die vergangenen Jahre nicht wirklich nach, eher war es die Team-Performance, die Antetokounmpo zu einem Außenseiter machte.
25/26 droht ihm dieses Schicksal erneut, wobei die Bucks sogar noch deutlich schwächer eingeschätzt werden als in den vergangenen Jahren. Einen zertifizierten Co-Star hat Giannis nicht mehr, nachdem Khris Middleton und Damian Lillard Milwaukee beide verlassen haben. Es scheint keine ausgemachte Sache, dass sich die Bucks direkt für die Playoffs qualifizieren.
Was wiederum eine Chance für Giannis sein kann, denn: Es ist im Rennen wertvoll, Erwartungen zu übertreffen. Antetokounmpo wird den Ball wohl mehr in der Hand halten als je zuvor, "Point Giannis" spielen wie schon zum Ende der 24/25er Spielzeit, als er im Saisonendspurt 32 Punkte, 12 Rebounds und 12 Assists über seine letzten sechs Spiele auflegte.
4. Victor Wembanyama (San Antonio Spurs)
Bisher hat der Franzose erst zwei Saisons auf dem Buckel und 24/25 nicht ansatzweise genug Spiele absolviert, um sich für Awards zu qualifizieren. Und die Spurs haben in diesen Spielzeiten 22 respektive 34 Spiele gewonnen, also weit weg von "genug" für eine veritable MVP-Kandidatur. Die Zeit wirkt jedoch reif für einen massiven Sprung.
Schon vergangene Saison gewannen die Spurs Wembys Minuten mit einem Net-Rating von +2,3 (äquivalent zu einem 47-Siege-Team). Der beste, einflussreichste Verteidiger der Liga war er bereits. Offensiv wurde er von Woche zu Woche besser, routinierter. Estimated Plus/Minus zufolge rangierte er auf Platz fünf unter allen NBA-Spielern, als seine Saison endete.
Bleibt Wemby in der neuen Spielzeit gesund, könnte er in dieser Hinsicht noch weiter klettern, noch absurdere Statistiken auflegen. Und dabei mehr Team-Erfolg haben, zumal er mit De’Aaron Fox erstmals einen echten Co-Star an seiner Seite weiß. Machen die Spurs als Team große Sprünge, wird Wembanyama auf vielen Ballots landen.
3. Shai Gilgeous-Alexander (OKC Thunder)
Der amtierende MVP hat gute Karten, das Kunststück gleich noch einmal zu schaffen, spielt er doch weiterhin für das beste Team der NBA und ist mit 27 Jahren durchaus noch in der Lage, sich auch persönlich weiterzuentwickeln. Ein Problem könnte indes sein, dass die Messlatte bei ihm nun absurd hoch angesetzt ist.
24/25 spielte Shai eine der besten und effizientesten Guard-Saisons, die außerhalb von Michael Jordan jemals gespielt wurden. Sein Player Efficiency Rating von 30,7 übertrafen unter Guards tatsächlich nur Jordan (4x) und Stephen Curry in dessen 15/16er Saison. Die 68 Siege, die sein Team dabei holte, wurden wiederum auch bloß von vier Teams der Liga-Historie übertroffen.
Eigentlich sollte das in die Bewertung der 25/26er Saison zwar nicht wirklich mit einfließen, in der Realität jedoch ist es so, dass Spieler für die Wiederholung einer Leistung, selbst wenn sie so herausragend war, nicht direkt wieder zum MVP gewählt werden. Normalerweise braucht es ein neues Narrativ. Nur: Inwiefern können sich SGA und OKC jetzt noch steigern?
2. Nikola Jokic (Denver Nuggets)
Über die MVP-Tauglichkeit des dreimaligen MVPs ist alles gesagt, Jokic schloss in diesem Rennen schließlich in den vergangenen fünf Jahren nie schlechter als auf dem zweiten Platz ab. Die Nuggets haben in der Offseason personell nachgeladen, was eine erneut starke Saison und auch eine etwas bessere Bilanz als 24/25 (50-32) mit sich bringen könnte.
Gleichzeitig hat die vergangene Saison gezeigt, wie hoch der Standard bei Jokic mittlerweile ist. Mit seiner statistisch vielleicht besten, in jedem Fall produktivsten Saison inklusive Triple-Double-Schnitt wurde der Serbe bloß Zweiter. Die Hemmschwelle, ihn als sechsten Spieler der Geschichte zum Vierfach-MVP zu machen, existiert also durchaus.
1. Luka Doncic (Los Angeles Lakers)
Selten ließ sich ein Narrativ so leicht bereits vor der Saison stricken. Doncic wurde von seinem Ex-Team gegen seinen Wunsch "verstoßen", spielt nun für die populärste Franchise der Liga, hat über den Sommer seinen Körper transformiert und ist motiviert wie nie. Zumindest wird es so in der Art nach außen transportiert.
Dass Doncic entsprechende Zahlen liefern wird, ist so oder so erwartbar - vor dem leichten Dämpfer im vergangenen Jahr kamen vom Slowenen ja ohnehin seit Jahren MVP-würdige Statistiken, auch die 65-Spiele-Grenze erreichte er üblicherweise. In seiner bisher letzten gesunden Saison wurde er Liga-Topscorer und Dritter im MVP-Rennen.
Die Team-Performance muss nur eben auch stimmen. 24/25 gewannen die Lakers von 28 Spielen mit Luka 18, das ist gut, aber ausbaufähig. Wahrscheinlich wird Doncic neben seinen Zahlen auch einen Top-3-Seed im Westen brauchen. Dann könnte ihm zugutekommen, dass er den Award anders als all seine Hauptkonkurrenten bisher noch nicht gewonnen hat.