Die einst hohen Erwartungen in Slowenien sind in den vergangenen Jahren deutlich zurückgegangen. Nach dem EM-Titel 2017 verpasste das Team bei Olympia 2021 noch hauchdünn das Finale, bei den anschließenden zwei Turnieren reichte es immerhin noch für das Viertelfinale. Die verpasste Quali für Olympia 2024 war jedoch ein ordentlicher Dämpfer und auch für die EM sehen die Fans schwarz.
Der Grund? In den vergangenen Wochen haben mit Vlatko Cancar und Josh Nebo die zwei besten Spieler hinter Doncic und gleichzeitig die mit Abstand besten Bigs des Teams verletzungsbedingt abgesagt. So dürften gegnerische Center leichtes Spiel gegen das kleine Team haben, das in der Paint große Probleme bekommen wird.
Das wird ein wahres Déjà-vu für Doncic sein. In Dallas zeigte er über die Jahre stets, wie gut er an der Seite eines athletischen Pick-and-Roll-Bigs funktioniert, nur um nach seinem Trade zu den Lakers vergangene Saison die restliche Saison nie einen solchen Spieler an seiner Seite zu haben - genau wie in der Nationalmannschaft.
Slowenien mit wenig Erfahrung und vielen Fragezeichen
Auch was Erfahrung und Spielpraxis auf höchstem Niveau angeht, schmerzen die Ausfälle extrem. Konnte man sich noch irgendwie einreden, dass das Trio Doncic, Cancar und Nebo an einem optimalen Tag jeden Gegner ärgern kann, braucht man nun schon viel Fantasie, um Slowenien auch nur im Viertelfinale zu sehen. Neben Doncic spielt mit Klemen Prepelic (Dubai) nur ein einziger Spieler in der NBA oder EuroLeague, da sind fast alle anderen Nationen deutlich prominenter besetzt.
Der Backcourt aus Doncic und dem defensivstarken Aleksej Nikolic sollte zwar funktionieren und auch Prepelic wird gute Minuten als Shooter von der Bank liefern, danach geht aber nicht mehr viel. Center Alen Omic und Ex-NBA-Spieler Zoran Dragic sind danach die wohl bekanntesten Spieler, haben ihre besten Jahre aber schon lange hinter sich.
Vielleicht könnte das aber auch die Chance für ein paar aufkommende, junge Spieler sein. Der 19-jährige Kombo-Guard Mark Padjen sorgte zuletzt bei der U19-WM für Furore und bereitete auch dem DBB-Team mit 23 Punkten im Halbfinale Kopfzerbrechen. Auch für den Braunschweiger Luka Scuka ist der Ausfall seiner Forward-Kollegen eine Möglichkeit, sich auf der großen Bühne zu beweisen. Nach einer starken Saison in Niedersachsen (10,2 Punkte und 5,5 Rebounds) durfte der 23-Jährige bei der Summer League für die Knicks in limitierter Rolle ran. Eine starke EM könnte für ihn ein Sprungbrett in die beste Liga der Welt sein.
Slowenien: Alles für Kapitän Doncic
Am Ende steht aber fest, dass der Erfolg des Teams zu einhundert Prozent von Doncic abhängt. Das hat auch Head Coach Aleksandar Sekulic bereits klargemacht. "Wir folgen dem Plan, alles wird an den Kapitän angepasst. Die Spieler warten bereits voller Vorfreude auf ihn - er hat einen starken Einfluss auf das Team, nicht nur auf dem Spielfeld. Ich bin froh, dass er vor der Europameisterschaft ein hohes Maß an Motivation gezeigt hat. Er möchte beweisen, dass wir, wenn wir die Aufgabe richtig angehen, bei der Europameisterschaft viel erreichen können", sagte er vor wenigen Tagen.
Mittlerweile ist Doncic zur Nationalmannschaft gestoßen und hat auch schon mit dem Team trainiert. Dabei ist deutlich zu sehen, dass er im Vergleich zu vorherigen Sommern, viel fitter und schlanker wirkt. Die Kritik an ihm nach dem Mavs-Trade und nach dem schlechten Abschneiden in den Playoffs wird zudem nicht spurlos an ihm vorbeigegangen sein.
Er will seinen Kritikern zeigen, warum er einer der besten Spieler der Welt und das zukünftige Gesicht der Lakers ist. In der Vergangenheit hat er schon mehrmals bewiesen, dass er ein Team über weite Strecken komplett tragen kann, will Slowenien aber auch nur von einer Medaille träumen, muss er dieses Mal schon über sich hinauswachsen.