Auch ohne die verletzte Caitlin Clark zog das All-Star-Game der WNBA ein Massenpublikum an. Die rund 2,2 Millionen Zuschauer (allein in den USA) dürften allerdings recht verdutzt geschaut haben, als sie bemerkten, dass das Sportliche an diesem Abend weit in den Hintergrund rücken würde.
Denn: Zum Warmmachen erschienen alle Teilnehmerinnen des Spiels sowie große Teile des Staffs in schwarzen T-Shirts mit dem Aufdruck "Pay Us What You Owe Us" - "bezahlt uns das, was ihr uns schuldet". Die choreographierte Aktion sollte nicht nur den Druck auf die WNBA während der laufenden Tarifgespräche erhöhen. Sie markiert auch den vorläufigen Tiefpunkt der Verhandlungen.
Im Herbst vergangenen Jahres hatte die Spielerinnengewerkschaft von ihrer Ausstiegsoption aus dem 2020 in Kraft getretenen Tarifvertrag gemacht. Seither steuern beide Seiten mit Vollgas auf das Worst-Case-Szenario zu: Den ersten Lockout der WNBA-Geschichte. Am 31. Oktober endet der noch laufende Vertrag endgültig. Spätestens dann muss eine Lösung gefunden sein. Doch danach sieht es derzeit nicht aus.
WNBA: Lockout wird immer wahrscheinlicher
Wie Front Office Sports berichtet, ist ein Deal vor diesem Datum "unwahrscheinlich", wodurch zwei realistische Optionen verbleiben. Option 1: Die beiden Parteien einigen sich auf einen Aufschub von wenigen Wochen, wie es bereits 2019 der Fall war (damals 60 Tage). Option 2: Die Spielerinnen legen ihre Arbeit nieder, bis eine Einigung über ein neues Tarifabkommen (CBA) erzielt ist.
"Die Spielerinnen arbeiten mit großem Einsatz daran, ein transformatives Tarifabkommen zu erreichen, das auf dem Wachstum, der Dynamik und den positiven Nachrichten rund um den Frauensport und die WNBA aufbaut", sagte WNBPA-Geschäftsführerin Terri Carmichael Jackson gegenüber Front Office Sports. Sie wirft der Liga zudem vor, nicht wirklich daran interessiert zu sein, "eine Lösung zu finden", sondern nur "die Zeit herunterlaufen" zu lassen.
Die Liga widerspricht diesen Anschuldigungen jedoch. "Wir haben der WNBPA klargemacht - aber damit es keinen Zweifel gibt - unsere oberste Priorität ist es, ein neues Tarifabkommen abzuschließen, das die Prioritäten der Spielerinnen berücksichtigt und gleichzeitig das langfristige Wachstum und den Erfolg der Liga und der Teams unterstützt. Wir haben uns den ganzen Sommer über regelmäßig mit der Spielergewerkschaft getroffen und werden das auch weiterhin tun. Weitere Sitzungen sind bereits für den Rest der Saison geplant", wird eine Sprecherin von Front Office Sports zitiert.
Stewart über Treffen mit der Liga: "Verschenkte Gelegenheit"
Solche Treffen blieben bislang jedoch fruchtlos. Bereits vor dem All-Star-Spiel hatten sich 40 Vertreterinnen der Spielerinnenseite sowie die Liga zu einer neuen Verhandlungsrunde getroffen - ohne Ergebnis. "Wir waren enttäuscht mit dem, was uns angeboten wurde", sagte Topspielerin Napheesa Collier von den Minnesota Lynx. Breanna Stewart pflichtete ihr bei: "Das Meeting war insofern gut als das man gemeinsam an einem Tisch saß. Aber um ehrlich zu sein, war es eine verschenkte Gelegenheit."
Laut ESPN würde sich die Liga insbesondere in einem Punkt nicht dem Vorschlag der Spielerinnen annähern: Umsatzbeteiligung. Im Rahmen des noch aktiven Tarifvertrags erhalten die Spielerinnen aktuell 9,3 Prozent aller Einkünfte der Liga und damit nur ein Bruchteil im Vergleich zur NBA. Ihre männlichen Kollegen haben sich 49-51 Prozent der Einkünfte in den Tarifvertrag schreiben lassen. Die Folge: Die noch um ein Vielfaches auseinander klaffenden Gehälter zwischen beiden Ligen.
Zugegeben: Die NBA generiert auch deutlich mehr Gelder als die WNBA, etwa durch TV-Einnahmen oder den höheren Zuschauerschnitt bei den Spielen. Diese Umsatzlücke spiegelt allerdings nicht die Unterschiede im Gehalt wider, wie die Nobelpreisträgerin für Wirtschaftswissenschaften Claudia Goldin für die New York Times ausrechnete.
Ökonomin rechnet vor: WNBA-Spielerinnen verdienen zu wenig
So zieht ein durchschnittliches WNBA-Spiel nur 23 Prozent weniger Zuschauer vor die Bildschirme als ein Spiel der Männer. Und selbst wenn man die erhöhte Anzahl an Partien in der NBA mit einbezieht, liegt die Zuschauerquote pro Spieler(in) nur bei 1:3 zugunsten der Männer-Liga. Ähnlich ist die Situation hinsichtlich der anwesenden Zuschauer in den Arenen. In absoluten Zahlen kommen noch immer zehnmal so viele Menschen zu NBA-Spielen. Auf den oder die einzelne Spielerin heruntergerechnet beträgt der Unterschied allerdings nur 1:4.
Die Realität in Sachen Gehälter findet dagegen in einem völlig anderen Maßstab statt: In der NBA verdienen Spieler im Schnitt zehn Millionen Dollar pro Saison, in der WNBA liegt der Durchschnittsverdienst hingegen nur bei 127.000 Dollar. Das entspricht in etwa einem Achtzigstel. "Wir wollen ein Stück des gesamten Kuchens und nicht nur von einem Teil des Kuchens", betonte Kelsey Plum.
Und dieser Kuchen dürfte schon bald sehr viel größer werden. Aus dem 76 Milliarden Dollar schweren TV-Vertrag, den die NBA im vergangenen Jahr für die kommenden elf Saisons eingefädelt hat, stehen allein 2,2 Milliarden der WNBA zu. Pro Spielzeit erwartete die Liga damit genau 200 Millionen Dollar Einnahmen. Zum Vergleich: Der alte TV-Vertrag der WNBA brachte lediglich 25 Millionen Dollar pro Jahr ein.
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Neue Expansionsteams bezahlten Rekordbetrag für Einstieg
Ein Grund für die dennoch stockenden Tarifgespräche sei laut Besitzern, dass WNBA-Teams nach wie vor rote Zahlen schrieben. Auch das bezweifelt Ökonomin Goldin: "Die jüngste Bereitschaft von Investoren, hohe Summen für die WNBA-Expansionsteams zu bezahlen, deutet das Gegenteil an." Was sie meint: Bis 2030 soll die Liga von derzeit 13 auf dann 18 Mannschaften anwachsen, mit neuen Teams im Jahrestakt.
Auch die rasant steigende Bewertung der einzelnen Franchises lässt aufhorchen. Das in dieser Saison neu gegründete Team Golden State Valkyries wurde für 50 Millionen Dollar gegründet und hat seinen Wert inzwischen verzehnfacht. Die drei jüngst verkündeten Expansionsteams bezahlten sogar 250 Millionen Dollar nur für ihren Einstieg.
Klar ist: Die WNBA-Spielerinnen befinden sich in guter Verhandlungsposition. Die Zahlen und der Aufschwung der letzten Jahre gibt ihnen recht. Gleichzeitig gehen mit einer Expansion auch immer steigende Kosten einher. An einem Lockout, also der Aussetzung des Spielbetriebs, dürfte, nicht zuletzt wegen des andauernden WNBA-Hypes, dennoch niemand interessiert sein. Vor allem nicht vor der ausgerechnet 30. Saison seit Gründung.
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