Außerdem nennt Günther das Team, auf das er am meisten gespannt ist und nennt die positiven Überraschungen in der deutschen Mannschaft.
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Herr Günther, zwei Spiele gibt es noch in der Vorbereitung, in nicht einmal einer Woche startet Deutschland schon in die EM. Wie würden Sie die bisherigen Eindrücke beschreiben?
Per Günther: Es war ein bisschen holprig, aber der Trend hat mich etwas beruhigt. Das Serbien-Spiel hat mich von der Einstellung und Attitüde der Spieler überzeugt, die Körpersprache fand ich sehr gut. Trotzdem war im Vergleich zu den Vorjahren ein klarer Bruch erkennbar. Wir waren uns alle nicht sicher, was mit dem neuen Trainer passiert. Wie geht Alex Mumbru es an? Wie sieht er seine Aufgabe? Was glaubt er, implementieren zu können? Wie viel Respekt hat er vor der kurzen Zeit? Die ersten Spiele haben gezeigt, dass er sich vorgenommen hat, einiges zu ändern und das war in den Spielen zu sehen. Es ist dann das Phänomen, dass eine Mannschaft etwas an Intensität verliert, weil sie mit taktischen Dingen beschäftigt ist. In der zweiten Halbzeit gegen die Türkei und dann gegen Serbien hat es schon ganz anders ausgesehen und das stimmt mich positiv.
Wie stehen Sie zu den Veränderungen? Mumbru hatte vor allem angekündigt, schneller spielen zu wollen.
Günther: In den Fenstern war das der Fall, in den vergangenen Spielen weniger. Die Spiele waren nicht schneller, wir waren nicht aggressiver. Ich habe da Angst, dass im Trainingslager zu viel Zeit verwendet wurde, um schneller zu spielen und dann agierst du am Ende genau wie vorher auch. Es ist schwer, Coaching während eines Prozesses zu bewerten, weil ich weiß, wie schwierig es ist, Dinge zu implementieren. Als Nationaltrainer hast du nicht viel Zeit, dazu kommt, dass Mumbru eben auf Gordon Herbert folgt. Das sind schwierige Dynamiken und ich würde ihm gerne mehr Zeit geben, das ist mein Instinkt. Mein Job ist aber, die Nationalmannschaft zu bewerten - und das nach jedem Spiel. Es braucht da eine Balance, für mich war es etwas zu viel und deswegen klickt es an der ein oder anderen Stelle noch nicht.
Was genau hat Sie gestört?
Günther: Vor allem defensiv gab es zu viele Breakdowns. Dafür ist die Stimmung aber gut und die Mannschaft hat in den letzten drei Halbzeiten des Supercups eine sehr gute Reaktion gezeigt. Das Possession Game sieht auch gut aus, genau wie die Arbeit am offensiven Brett. Gleichzeitig geht Mumbru ein gewisses Risiko ein, ich hätte das an seiner Stelle nicht so gemacht. Ich hätte mehr belassen und nur Details eingestreut. Das bin aber ich, während Mumbru schon mehrere Jahre EuroLeague gecoacht hat.
Günther über Mumbru: "Das finde ich großartig"
Mumbrus Vertrag läuft bis 2026. Ist das auch ein Faktor, dass er viel versucht, weil er im Prinzip nur dieses Turnier hat?
Günther: Ich hätte deswegen womöglich noch weniger gemacht, um sicherzugehen, dass ich den Job behalte. Es ehrt ihn, dass er nicht einfach das Herbert-Playbook übernimmt, ein, zwei coole Kabinenansprachen hält und versucht ein Herbert-Klon zu sein. Stattdessen sagt er, dass er von seiner Arbeit und seinen Ideen überzeugt ist. Das finde ich großartig, weil es von Mut zeugt.
Bei Olympia gab es auch gegenüber Herbert ein paar kritische Stimmen …
Günther: Das Lustige ist, dass wir mit Herbert bei den Bayern die gleichen Diskussionen hatten. Kann er überhaupt EuroLeague? Kann er sich drosseln? Hat er Ideen, die über acht, neun Monate funktionieren? Vereinstrainer und Bundestrainer sind grundverschiedene Jobs. Und ich glaube, dass, was Herbert mitgebracht hat - also Rollenverteilung, Commitment und das ganze Zeug -, einfach perfekt für ein Sommerformat gepasst hat. Mumbru mag ein großartiger Trainer sein, doch kann er auch in diesem Format mit seinen Ideen erfolgreich sein? Das ist für mich die Frage.
Ist das alles nicht auch Kritik auf dem allerhöchsten Niveau? Deutschland zählt trotz allem zu den klaren Medaillenkandidaten.
Günther: Auf jeden Fall. Wir waren wirklich verwöhnt, auch was die Vorbereitung betrifft. Im Weltmeister-Jahr war es nicht so, dass sich die Mannschaft Spiel für Spiel gesteigert hat. Es ging mit Spiel eins der Vorbereitung los und dir ist die Kinnlade runtergeklappt, weil sie so guten Basketball gespielt haben. Das war eine spezielle Situation, während es jetzt wegen Verletzungen ein paar Fragezeichen gibt. Bei den Weltmeistern kannst du vielleicht drei, vier Spieler nennen, die auf ihrem Niveau von 2023 sind. Andere brauchen noch ein bisschen, bevor die Fitness und das Spielgefühl wieder kommt. Verwunderlich war nur, dass das Miteinander nicht natürlich aussah. Das kann eigentlich nicht sein. Selbst mit weniger Speed oder kleinen Wehwehchen könnte man meinen, dass das Zusammenspiel so aussieht wie bei den Serben. Das war nicht der Fall, aber das lässt sich mit dem Trainerwechsel erklären. Da gab es einige Szenen, die mich verwundert haben. Und trotzdem denke ich, dass die Mannschaft ein großartiges Turnier spielen wird.
Zur Identität gehörten zumeist auch Aufstellungen mit zwei Bigs. Durch Ausfälle und kleinere Verletzungen gab es solche Lineups seltener. Sind Sie Fan der kleineren Lineups?
Günther: Ich bin vor allem für Aufstellungen, die maximale Qualität aufs Feld bringen. Hier will ich Isaac Bonga nennen, der aus meiner Sicht gerne ein paar Minuten auf der Vier spielen darf. Oder auch Tristan da Silva, der sich gut weiterentwickelt und auch Einsatzzeit bekommen sollte. Klar, es kann Matchups geben, wo das ein Problem ist, aber eben auch Situationen, wo es Vorteile bringt. Ich denke da zum Beispiel an Finnland, die im Frontcourt mit Mikael Jantunen und Lauri Markkanen sehr beweglich sind. Deswegen ist es gut, nicht die eine starre Idee zu haben. Mumbru traut sich mit seinen Lineups vieles, manches fand ich aber zu verrückt, wie zum Beispiel die Aufstellung mit Dennis Schröder, Maodo Lo und Christian Anderson zusammen auf dem Feld. Wenn ich aber auf den Flügel mit all der Länge und Beweglichkeit schaue, dann ist genau das das Besondere an diesem Kader. Wenn das dann heißt, dass deswegen ein Big Man weichen muss, bin ich voll dafür.
Günther schwärmt von Bonga
Wer hat Sie in der Vorbereitung positiv oder negativ überrascht?
Günther: Da möchte ich wieder Bonga nennen. Er ist inzwischen sehr konstant und auf einem sehr hohen Niveau angekommen. Er bringt diese Attitüde und die richtige Einstellung mit, das beeindruckt mich. Dazu hätte ich gerne mehr von David Krämer gesehen, weil ich mir dachte, dass dies sein Sommer wird und er die Chance bekommt, sich in die Mannschaft reinzuwieseln. Und natürlich Tristan da Silva. Da waren wir alle positiv geschockt, was für ein gutes Spiel er gegen die Serben gemacht hat. Man sah die Vision davon, was er für 15 Minuten pro Partie liefern kann.
Beim Blick auf die deutsche Gruppe: Über das Weiterkommen brauchen wir vermutlich nicht reden, aber Finnland und Litauen zeigen gute Frühform. Kann das gefährlich werden?
Günther: Litauen wird ein kniffliger Gegner, auch weil sie in Tampere mit den vielen litauischen Fans ein Heimspiel haben werden. Bei Finnland bin ich mir nicht sicher. Bei der WM dachten wir, dass ihnen der Durchbruch gelingen könnte und dann waren sie eine große Enttäuschung. Manchmal reicht auch der richtige Superstar zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Mit Markkanen haben sie so einen Spieler und es ist verrückt, was da gerade für Zahlen von ihm rumgeistern. Das werden echte Highlight-Spiele.
Welche Teams werden Sie sich bei der EM genauer anschauen?
Günther: Auch wenn sie nicht mehr tief genug sind, um echten Schaden anzurichten, die Türkei. Es ist ärgerlich, dass sie zwischen Shane Larkin und Tarik Biberovic wählen mussten (Anm. d. Red.: beide gelten als naturalisierte Spieler, jedes Team darf aber nur einen mitnehmen), weil mit Biberovic wären sie noch einmal eine ganz andere Mannschaft gewesen. Und auf jeden Fall die Franzosen.
Günther freut sich auf Frankreich
Erklären Sie …
Günther: Das ist eine ganz andere Mannschaft, die wir aus der Vergangenheit kennen. Leider wurde mein Lieblingsspieler Nadir Hifi noch gestrichen, aber es wird das erste Mal seit langem sein, dass du bei den Franzosen einschaltest und nicht nur einen genervten Star siehst oder eine Star-Truppe, die gar nicht so richtig Bock hat. Frankreich wirkte immer gehemmt von den Erwartungen, es fehlte Spaß und mit Coach Vincent Collier wirkte alles immer ein bisschen komisch. Jetzt haben die eine junge, wilde Truppe mit Zockern wie Sylvain Francisco oder Matthew Strazel, die immer sofort das Eins-gegen-Eins suchen. Die werden hoch und runter rennen, voller Energie sein und nicht so spielen, als ob es ihre zehnte EM ist.
Erfahrungsgemäß reißen junge Team aber verhältnismäßig wenig …
Günther: Ob sich das in sportlichen Erfolg ummünzen lässt? Ich weiß es nicht. Für mich gibt es bei dieser EM ein Dreigestirn. Frankreich, Serbien, Deutschland, das sind für mich die drei besten Teams. Eigentlich kann Frankreich aber nicht gewinnen, weil Youngster wie Zaccharie Risacher oder Alex Sarr noch nie in solchen Situationen gewesen sind. Diese EM kommt für sie noch etwas früh, aber sie haben die Chance, ihre Basketball-Karrieren etwas zu definieren.
Ist Serbien schlagbar?
Günther: Das sind sie. Das FIBA-Spiel dauert nur 40 Minuten und die Serben haben auch ein, zwei Matchups in der Verteidigung, die du attackieren kannst. Natürlich muss man dafür ins Risiko gehen, zum Beispiel deutlich mehr Dreier werfen als sie. Deutschland hat das in Ansätzen schon gezeigt und wenn die Rotation ein bisschen kürzer wird, bist du vielleicht im Spiel. Aus deutscher Sicht ist das eine gute Konstellation. Alle gehen davon aus, dass Serbien gewinnen wird, nur sie können es verlieren. Aber klar, von zehn Spielen gewinnen die Serben vermutlich sechs oder sieben.
Sie sprachen von einem Dreigestirn. Wem trauen Sie außerhalb des Trios am ehesten eine Medaille noch zu?
Günther: Mein Alptraum wäre, dass es Spanien ist, aber obwohl man sie nie abschreiben sollte, mache ich genau das. Vor allem auf Guard ist das einfach nicht gut genug, doch irgendwas schlummert immer in diesem Team. Sei es eine Matchup-Zone, mal trifft der Gegner nichts und dann läuft einer der Hernangomez-Brüder heiß - und schon hast du ein Deja-Vu. Die Italiener haben noch eine gute Vorbereitung, dazu kann Gastgeber Lettland an jedem Tag heiß laufen, aber ob sie das in vier K.o.-Spielen schaffen? Nein, sollten es nicht Serbien, Deutschland und Frankreich werden, würde ich aus allen Wolken fallen.