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Erkenntnisse nach Spiel 1 der Finals: Eine professionelle Gaunerbande

kicker

Fokus auf vier Faktoren

1. Carlisle’s Eleven

Sie haben es schon wieder getan. Wirklich. Game 5 der Bucks-Serie. Game 2 der Cavs-Serie. Game 1 der Knicks-Serie. Und nun Game 1 der Finals: Wieder gewannen die Pacers ein Spiel, das eigentlich verloren war. Nach 15 Punkten Rückstand im letzten Viertel, gegen ein Team, das sie zeitweise überwältigt hatte.

"Wir sind eine resiliente Gruppe", erklärte Tyrese Haliburton nach dem Spiel. "Wir sagen das immer wieder, es ist immer die gleiche Antwort. Wir sind eine resiliente Gruppe und wir geben nicht auf, bis auf der Uhr eine 0 steht. Wir sind gut darin, einfach im Moment zu bleiben."

Okay. Wenn es so einfach ist. Man könnte auch sagen: Die Pacers sind an manchen Tagen keine Basketball-Mannschaft, sondern eine professionelle Gaunerbande. Danny Ocean wäre stolz darauf, an diesen eleganten Raubüberfällen beteiligt zu sein. Etwas fast schon Überirdisches scheint dieses Team zu begleiten.

Und natürlich Rick Carlisle: Das Comeback im vierten Viertel war das größte in den Finals seit den Mavericks gegen Miami in den 11er Finals, die bekanntlich ebenfalls von ihm gecoacht wurden. Wobei seine vielleicht wichtigste Entscheidung in den Schlussminuten diesmal die Entscheidung war, nichts zu tun.

11 Sekunden vor dem Ende hatten die Pacers das Glück, dass Shai Gilgeous-Alexander einen für ihn normalerweise sehr machbaren Jumper vergab, der OKC mit 3 in Führung gebracht hätte, und sich Aaron Nesmith nach einigem Kampf den Rebound sicherte. Carlisle hatte noch eine Auszeit, viele Coaches hätten diese sicherlich genommen, um ein möglichst "sicheres" Play für ihr Team aufzumalen.

Nicht so Carlisle. Er vertraute dem Decision-Making seiner Mannschaft, die sich dieses Vertrauen über die Playoffs - und auch in diesem vierten Viertel - wieder und wieder verdient hatte. Er gab den Thunder nicht die Chance, zu wechseln und sich Matchups auszusuchen. Er ließ Haliburton das Spiel auf eigene Faust entscheiden.

Und dieser lieferte. Obwohl er zuvor große Teile des vierten Viertels abseits des Balles und in der "Dorture Chamber" verbracht hatte; sein Wurf mit 0,3 Sekunden auf der Uhr war erst sein vierter im vierten Viertel, und dabei der zweite Treffer. Andere Spieler (Nembhard! Toppin!) hatten die Pacers bis an diesen Punkt gebracht.

Aber er brachte sie über die Linie. Schon wieder. Allein in diesem Playoff-Run war es bereits der dritte Game-Tying oder Go-Ahead-Treffer in den Schlusssekunden für Haliburton, der sich mehr und mehr als einer der besten Clutch-Player und -Shotmaker der Liga etabliert. Oder als der beste.

In Regular Season und Playoffs kombiniert steht er in dieser Saison laut Tom Haberstroh bei 13/15, wenn es um Würfe in den letzten zwei Spielminuten geht, mit denen die Führung oder der Ausgleich erzielt werden können. Das ist ein vollkommen absurder Wert.

"Wir versuchen einfach, ihm in solchen Situationen so oft wie möglich den Ball zu geben", sagte Carlisle. "Und wenn das nicht klappt, haben wir Nembhard und Pascal. Das sind also drei sehr gute Playmaker in unserer Closing Group. Sie alle können Großartiges leisten." Kein Widerspruch.

2. 48 Minuten zählen

Die Pacers zeigten dabei wieder einmal, dass sie trotz Widrigkeiten am Ball bleiben. Davon gab es einige: Allein in der ersten Halbzeit leistete sich Indy gegen die erstickende Thunder-Defense 19 Ballverluste - mehr als in den ersten zwei Spielen (!) der Knicks-Serie zusammengerechnet. Es fiel Indiana zeitweise unheimlich schwer, den Ball an den Mann zu bringen oder auch nur auf den Boden zu setzen.

Zwei Faktoren trugen dazu bei, dass sich OKC bis zur Pause trotz dieser Defense nicht auf mehr als 12 Punkte absetzen konnte. Die großartige Transition-Defense der Pacers einerseits - obwohl Indiana insgesamt über das Spiel 25 Turnover fabrizierte, generierte OKC daraus bloß 11 Punkte.

Mit wenigen Ausnahmen verteilten sie am eigenen Korb keine Geschenke und rannten stets schnell und diszipliniert zurück. Das eigene Shotmaking war ebenfalls zur Stelle. Wenn Indiana eine Offense nicht mit einem Ballverlust, sondern mit einem Wurf abschloss, fiel dieser gut, gerade von draußen.

In der ersten Halbzeit traf Indy 8/19 von Downtown, über das gesamte Spiel hielten sie sich mit teilweise wilden Abschlüssen irgendwie in der Partie, mehrfach auch mit Notwürfen am Ende der Wurfuhr. Es war nicht ein Spieler, der sie trug; kein Spieler erzielte 20 Punkte, aber sieben Akteure hatten wenigstens 9 Punkte.

Und in der zweiten Hälfte gewöhnte sich das Team zunehmend an den Thunder-Druck. Die Turnover wurden limitiert, das Tempo wurde etwas gedrosselt, die Kontrolle über das Spiel zurückgewonnen. Indy spielte wieder vermehrt seinen Basketball, erzielte 66 Punkte in Halbzeit zwei, mit über 50 Prozent aus dem Feld und 10/20 von der Dreierlinie.

Aufgrund der Differenz bei den Ballverlusten nahm OKC mehr Würfe, Indiana holte dafür jedoch deutlich mehr Rebounds (56:39) und konnte die Distanz im Possession Game zumindest ein wenig verkürzen. Und da sie ihre Würfe wesentlich effizienter versenkten, fiel dieser Vorteil der Thunder nicht so stark ins Gewicht wie gewohnt.

Sie ließen sich nicht beirren. "Absolut nicht", versicherte Turner. "Auf dieser Bühne hast du keine Zeit, schockiert oder enttäuscht zu sein. Du musst nach vorn blicken. Wir kamen [in der zweiten Halbzeit] rein und wussten, dass wir es besser machen konnten. Es war wahrscheinlich historisch schlecht, ich kenne den Rekord nicht, aber wir haben dem Sturm getrotzt."

3. Viel Shai, wenig Balance

Bei allem Respekt vor den Pacers dürfte auf der anderen Seite vor allem Ärger vorherrschen. Das ganze Spiel über lag OKC vorne, mit bis zu 15 Punkten, am Ende reichte es trotzdem nicht. "Es war nicht so, als hätten sie das Spiel gewonnen. Ich hatte das Gefühl, dass wir das Spiel verloren haben", schimpfte Isaiah Hartenstein.

Das Gefühl ist nachvollziehbar. OKC hatte mehr als genug Möglichkeiten, um diesen ersten Sieg einzufahren, allen voran aufgrund seiner Defense. Und aufgrund seines MVPs: Shai Gilgeous-Alexander war von Beginn des Spiels an aggressiv und nahm insgesamt 30 Würfe sowie 8 Freiwürfe, für 38 Punkte.

Mit dem letzten Jumper hätte er den Deckel drauf machen können, bereits die letzten 8 Punkte der Thunder kamen von ihm. Was indes ein Teil des Problems aufzeigte: Als Jalen Williams 5:25 Minuten vor Ende zwei Freiwürfe versenkte, waren das bereits die letzten Nicht-Shai-Punkte eines Thunder-Spielers. Es fehlte an Balance im Angriff.

Auch bei Shai selbst übrigens. Bis zum letzten Viertel ging SGA bloß zweimal an die Freiwurflinie, Indiana (insbesondere Nembhard) schaffte es sehr gut, Fouls zu vermeiden und ihm nicht auf diesem Weg leichte Punkte zu schenken. Sein elitäres Shotmaking brachte Shai trotzdem Punkte, aber er musste dafür arbeiten, und er konnte weniger als etwa gegen Minnesota die Teamkollegen mitnehmen (nur 3 Assists).

Überhaupt verzeichneten die Thunder bloß 13 Assists, mit Ausnahme Gilgeous-Alexanders erwischte nur Lu Dort offensiv einen guten Tag, weil er fünf seiner neun (in der Regel weit offenen) Dreier versenkte. J-Dub fehlte die Selbstverständlichkeit, auch wenn er immerhin 17 Punkte erzielte. Bei Chet Holmgren lief offensiv gar nichts (2/9 FG).

Vielversprechend war immerhin, dass OKC trotz der guten Pacers-Defense an 36 Abschlüsse am Ring kam, was sehr viel ist. Die Thunder trafen jedoch nur 20 davon, allein J-Dub und Holmgren vergaben je sechs Versuche in Korbnähe. Schon gegen Denver war das Finishing einer der Gründe, warum die Serie überhaupt so eng war.

Game 1 haben sie am Ende nicht zuletzt deshalb verloren. Was ärgerlich ist, die Thunder aber nicht direkt in eine Identitätskrise stürzen sollte. "Ich hatte das Gefühl, dass wir gut genug gespielt haben, um das Spiel zu gewinnen", sagte Alex Caruso. "Wir haben es einfach nicht zum Ende gebracht."

4. Zeit für Experimente?

Den ersten "Mini-Sieg" fuhren die Pacers in gewisser Weise schon vor dem Spiel ein: Erstmals in diesen Playoffs änderte Mark Daigneault seine Starting Five, wechselte von zwei Bigs auf ein Single-Big-Lineup und setzte Hartenstein erst einmal auf die Bank, um das Tempo und Guard-Play der Pacers zu kontern.

Manch einer mag das kritisieren, da im klassischen Sinn ja lieber der Favorit das erste Adjustment beim Gegner erzwingen soll als andersherum, aber das würde OKC nicht wirklich gerecht werden; in der Regular Season arbeitete das Team mit etlichen verschiedenen Starting Lineups, der nun "beförderte" Cason Wallace etwa kam bereits auf 43 Starts.

Eine der größten Stärken der Thunder ist ihre Flexibilität, das Adjustment war nachvollziehbar. Etwas schräger wurde es dann aber im Spielverlauf. Zehn verschiedene Spieler wurden bereits im ersten Viertel eingesetzt, elf insgesamt.

Dass Hartenstein oder Caruso große Rollen spielten, war logisch und erwartbar (beide zählten zu den besten Thunder-Spielern). Ajay Mitchell, Kenrich Williams oder Isaiah Joe jedoch? Gehörten nicht zur Kernrotation in der vorigen Serie. Es war zumindest ein interessanter Zeitpunkt, um die Rotation so zu erweitern oder zu experimentieren.

Ebenfalls interessant war Daigneaults Entscheidung, in den drei Schlussminuten ohne einen seiner beiden Bigs spielen zu lassen - sieben von neun verfügbaren Rebounds in dieser Zeit gingen an Indiana (insbesondere Nesmith und Siakam waren überall).

Es wäre unsinnig, die Niederlage nun darauf zu schieben, zumal die Spieler mehr als genug Chancen hatten, um das Spiel zu gewinnen. Womöglich hätte Daigneault die eine oder andere Entscheidung rückblickend dennoch gern zurück. Spiel 2 und insbesondere die Rotation der Thunder im nächsten Spiel könnte darüber Aufschluss geben.

Überhaupt wird die Reaktion der Thunder spannend. Game 1 gegen Denver wurde in ähnlicher Manier verloren, die Antwort darauf war ein 43-Punkte-Blowout. Favorisiert sind die Thunder weiterhin, weil sie so vieles besser machen können als in dieser Partie. Gewarnt sind sie spätestens jetzt aber sicherlich ebenfalls.

"Das ist ein wirklich gutes Team", sagte Daigneault über Indiana. "Sie hatten jetzt so viele dieser unwahrscheinlichen Spiele. Sie spielen mit einem tollen Spirit, sie machen immer weiter. Sie haben es heute verdient, mit einem Punkt zu gewinnen. Wir müssen daraus lernen. Es gibt vieles, was wir aufräumen können. Das war heute der Startpunkt, nicht das Ende."

Zum Glück, lässt sich dazu aus neutraler Sicht nur sagen. So können diese Finals ruhig weitergehen.