"Man muss die Turniere auch erst einmal spielen". Es ist eine gute, alte Floskel, die gestern mal wieder mit Leben gefüllt wurde. Serbien, Top-Favorit vor dem Turnier und brutal formstark in der Vorbereitung (7-0), scheiterte im Achtelfinale an Finnland, das vor wenigen Tagen im finnischen Tampere noch nach allen Regeln der Kunst von Weltmeister Deutschland vorgeführt wurde (61:91).
86:92 hieß es aus Sicht der Serben, die damit seit 2002 auf einen großen internationalen Titel warten. Die serbische Medienlandschaft reagierte geschockt, vom "Upset des Jahrhunderts" war die Rede, während Coach Svetislav Pesic eine deutlich nüchternere Analyse lieferte: "Wir haben Finnland nicht unterschätzt, das ist ein fantastisches Team", meinte der 76-Jährige. "Das Spiel wurde am offensiven Brett entschieden und sie haben es wirklich verdient. Es war ein tolles Spiel und wenn irgendjemand glaubt, dass wir das Spiel auf die leichte Schulter genommen haben, das war nicht der Fall."
Zunächst wäre da das Offensichtliche. Mit Bogdan Bogdanovic fehlte der nach Nikola Jokic zweitwichtigste Spieler verletzt, gegen Finnland konnte auch Aleksa Avramovic (Ferse) nur unter Schmerzen spielen, gleiches galt für den Kapitän von Roter Stern Belgrad Ognjen Dobric. Big Man Tristan Vukcevic konnte gar nicht eingesetzt werden und Nikola Jovic kämpfte mit einem Virus, trainierte überhaupt nicht mit dem Team.
Finnland deckt serbische Schwächen auf
So etwas ist für kaum ein Team zu verkraften, auch nicht für die Mannschaft mit dem besten Spieler der Welt. Der dreifache NBA-MVP Nikola Jokic verbuchte in 34 Minuten 33 Punkte (9/13 FG, 14/19 FT) und acht Rebounds, dennoch verloren die Serben die Minuten mit ihrem Star (-7). Zur Wahrheit gehört auch, dass die Finnen ein sehr unangenehmes Matchup für Serbien waren.
Im Gegensatz zu den Deutschen sind die serbischen Bigs eher behäbig, was Finnland mit Lauri Markkanen, Mikael Jantunen und Youngster Miikka "Slim Jesus" Muurinen in die Karten spielte. Plötzlich waren sie das Team mit Speed und Shooting, Jokic war immer wieder einen Schritt zu langsam mit seinen Closeouts, was die Finnen gnadenlos bestraften.
Immer wieder zogen die Finnen die serbischen Bigs nach draußen, auch deswegen konnten sie 20 Offensiv-Rebounds einsammeln. Am Ende schien es auch eine Kraftfrage. Die Serben wirkten platt, konnten keinen Gang mehr hochschalten. Die Dreier fielen nicht mehr, sie wurden aber auch nicht mehr richtig vorbereitet. Zu oft drückte der enttäuschende Marko Guduric einfach ab - und war fast immer zu kurz (5 Punkte, 1/8 3P).
Serbien: Keine Gefahr vom Perimeter
Alternativen hatte Coach Pesic am Ende nicht mehr. Avramovic und Dobric waren verletzt, Ex-EuroLeague-MVP Vasilije Micic fand nie seine Form. Gerade ihn hätten die Serben aber nach dem Bogdanovic-Aus gebraucht, doch der 31-Jährige war das gesamte Turnier ein Schatten seiner selbst. In 13,4 Minuten verbuchte der Spielmacher durchschnittlich nur 4,0 Punkte sowie 1,8 Assists bei einer Wurfquote von 34,6 Prozent aus dem Feld.
Dies muss sich Pesic ankreiden lassen. Warum wurde Micic überhaupt nominiert, wenn dieser nicht ein Vorbereitungsspiel machen konnte? Dafür musste Serbiens neue Point-Guard-Hoffnung Nikola Topic (Oklahoma City Thunder) nach Hause fahren. Jene Jugend fehlte der Mannschaft, stattdessen wurde gefühlt das Programm einfach abgespult.
Die Serben hatten keinerlei Explosivität und Shot Creation von den kleinen Positionen, durch ihre Aufstellungen mit zumeist zwei großen Spielern wirkte die Mannschaft quälend langsam. Dazu fehlten echte Schützen um Jokic. Die Finnen warfen dem Center alles entgegen und ignorierten auffällig die Dreierlinie - und behielten recht. Serbien konnte es nicht bestrafen und machte es Jokic unnötig schwer, auch wenn dieser wie immer auf seine Punkte kam. Auffällig. Nur gegen Estland zum Auftakt konnte der Joker mehr als vier Assists spielen. In der NBA hat Jokic diese meist nach einem Viertel schon eingesammelt.
Die goldene Generation muss weiter warten
Der 30-Jährige wartet somit weiter auf die Krönung mit der Nationalmannschaft, daran wird man ihn in Serbien messen. Überhaupt zeigte sich mal wieder, dass der Center nicht der Leader der Mannschaft ist. Das bleibt Bogdanovic, während Jokic wenig Emotionen zeigte und das gesamte Turnier über mal wieder nicht mit den Medien sprach - auch nicht nach dem Ausscheiden.
Der scheinbar goldenen serbischen Generation um Bogdanovic, Micic und Jokic läuft nun langsam die Zeit davon. Im kommenden Jahr ist kein Turnier, bei der WM 2027 wird Bogi schon 35 Jahre alt sein. Dass man mit diesem Team 2022 und 2025 bei einer EM komplett leer ausging, werden in vielen Jahren wohl nur die Wenigsten verstehen.
Am Ende liegt die Wahrheit wie so oft in der Mitte. Serbien hatte die meiste Qualität im Kader, aber auch Schlüsselspieler, die nicht zu ersetzen waren - siehe Bogdanovic. Dazu kam in Finnland ein Gegner, der die serbischen Schwächen perfekt aufdecken konnte. Es gibt also gute Gründe für das Aus und doch bleibt der Eindruck, dass dies nie hätte passieren dürfen.
Der Turnierbaum bei der EM 2025
"Haben sie nicht unterschätzt": Pesic erklärt Serbiens überraschendes Aus