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Jokic und die Serben vor der EuroBasket: Die unvollständige Generation

kicker

Manchmal kann etwas Triviales wie zehn Minuten einen gigantischen Unterschied machen. Etwa vor rund einem Jahr in der Bercy Arena in Paris: Drei Viertel waren im Halbfinale gespielt, Serbien führte mit 13 Punkten gegen ein US-Team, das im Vorfeld des Turniers noch mit dem originalen "Dream Team" verglichen worden war. Das kein B-Team war, sondern alle Superstars dabeihatte.

Ein einziges Mal hatte ein solches Team, mit Profis statt Amateuren, bei Olympia ein K.o.-Spiel verloren - wobei erwähnt gehört, dass damals, im Jahr 2004, mitnichten alle Superstars dabei gewesen waren. Eine Sensation war es dennoch, natürlich, als Argentinien es 2004 in Griechenland schaffte, die Amerikaner zu eliminieren.

Nun sollte Serbien an der Reihe sein, sich unsterblich zu machen. Mit drei Vierteln nahezu perfekten Team-Basketballs hatte sich das Team von Svetislav Pesic in Position gebracht, schien endlich all das Potenzial zu realisieren, von dem bereits seit Jahren die Rede gewesen war. Es war eine der besten Leistungen, die eine Basketball-Nationalmannschaft jemals auf irgendein Parkett gezaubert hatte. Dann kamen bittere Fouls, Joel Embiid, Kevin Durant, Stephen Curry, ein Kollaps - und der Traum platzte.

Nikola Jokic und Co. verließen Frankreich zwar nicht ohne Edelmetall. Im Spiel um Platz 3 wurde Bronze geholt, immerhin, gefeiert wurde auch durchaus ausgelassen. Nikola Jokic & Co. verließen die Grande Nation indes auch mit einer Gewissheit: Es wäre noch mehr drin gewesen. Und das war für diese bisher eben nicht goldene Generation kein neues Gefühl.

Fast immer Favorit

Im zarten Alter von 21 Jahren war Jokic 2016 erstmals Teil der serbischen Nationalmannschaft. Als MVP führte der Center sein Team durch das Quali-Turnier, bei der Olympischen Hauptrunde, wo er von der Bank kam, ging es dann direkt bis ins Finale. Dort wurde zwar mit 30 gegen die USA verloren, das Turnier hatte jedoch etwas von einem Vorgeschmack.

Jokic hatte gerade sein Rookie-Jahr in der NBA hinter sich, Bogdan Bogdanovic spielte noch in Europa. Die Serben waren jung, talentiert, gefährlich. Schon bevor jemand ahnen konnte, was mit Jokic in der NBA passieren würde, zeichnete sich ab: Wenigstens in Europa würde dieses Team zur Macht werden, vielleicht sogar die Generation ablösen, die zwischen 1995 und 2002 (als Bundesrepublik Jugoslawien) fünf Goldmedaillen bei EMs und WMs eingesammelt hatte.

Goldfavorit war Serbien seither tatsächlich einige Male. Gemessen daran sind die Resultate jedoch ernüchternd: Je einmal EM- (2017) und WM-Silber (2023), Olympia-Bronze 2024. Letzteres war dabei das mit Abstand beste Turnier-Resultat mit Jokic-Beteiligung: 2019 bei der WM scheiterte Serbien im Viertelfinale, bei der EM 2022 sogar schon eine Runde zuvor.

Die Silbermedaillen wurden jeweils ohne den besten Spieler eingefahren. Was zu dem etwas merkwürdigen Umstand führt, dass der nun 30-Jährige, der in der NBA unumstritten ist und seit dem Titel 2023 absolut nichts mehr zu beweisen hat, in seinem Heimatland nach Ansicht mancher gewissermaßen in der Bringschuld steht.

Nationalmannschaft schlägt NBA

Die serbische Journalistin Dusica Tasic erklärte bereits im vergangenen Jahr der Denver Post: "Ungeachtet dessen, dass die Leute stolz auf alles sind, was Jokic in der NBA geleistet hat, steht hier die Nationalmannschaft über allem." Und da fehlt Jokic noch etwas - überdies wird es nicht immer verständnisvoll betrachtet, wenn er mal ein Turnier aufgrund von Überbelastung aussetzt.

"Jedes Jahr gibt es ein großes Turnier. Und es ist immer die Frage: 'Wird Nikola spielen?' Es gibt immer eine Debatte. Die Leute sind hier sehr leidenschaftlich, wenn es darum geht, ob die besten Spieler für unsere Nationalmannschaft spielen. Das ist für ihn eine sehr große Verantwortung", sagte Tennis-Legende Novak Djokovic vor kurzem zu TNT, betonte aber auch, welchen Status der andere "Joker" in der Heimat habe.

"Er ist ein Held bei uns", so Djokovic. "Basketball ist bei uns der größte Sport. Jokic ist phänomenal. Er ist so talentiert und so ein harter Arbeiter, und zu sehen, wie er all die unglaublichen Athleten in der NBA mit seinem Verstand dominiert, darauf sind wir alle sehr stolz. Wir alle unterstützen ihn."

Das richtige Zeichen

Am liebsten jedoch eben im Dress der Nationalmannschaft. Die fehlenden Erfolge dort sind der einzige Grund, warum sich noch immer manch einer (etwa Toni Kukoc) weigert, Jokic auf die Stufe von oder gar über Spieler wie Drazen Petrovic, Vlade Divac oder Dino Radja zu heben, die er individuell eigentlich überflügelt (und zum Teil überrundet) hat.

Wobei die Bronzemedaille 2024 laut Ognjen Stojakovic, einem Assistant Coach sowohl in Denver als auch bei Serbien, schon einige Augen geöffnet hat. "Unsere Leute haben nicht bemerkt, wie gut er ist. Wenn du mit der Nationalmannschaft nichts gewinnst, wirst du nicht so wertgeschätzt wie andere, egal, wie viel Erfolg du anderswo hast. Meiner Meinung nach realisieren die Leute jetzt erst so langsam, was für ein großartiger Spieler er ist."

Entsprechend löste die Zusage, die Jokic Mitte Juli für das nun anstehende EM-Turnier gab, direkt eine gewisse Euphorie aus. Es ist das erste Mal in seiner Karriere, dass er in aufeinanderfolgenden Sommern für die Serben aufläuft, ein Zeichen - genau das, was in der Heimat erhofft und auch erwartet wurde.

Serbien bringt nun die meisten NBA-Spieler mit zum Turnier. Zwar sind Bogdanovic, Nikola Jovic, Nikola Topic oder Tristan Vukcevic in der NBA keine Stars, "Bogi" allerdings ist im FIBA-Spiel dafür seit Jahren ein Dominator (wie auch Vasilije Micic). Der vorläufige Kader ist generell gespickt mit erfahrenen Topspielern auf dieser Bühne, und dann ist da eben Jokic.

Der größte Favorit

Die Vorbereitung lässt bisher bereits erahnen, welche Qualität die Serben mitbringen und wie hungrig sie sind. Ihre vier Vorbereitungsspiele gewannen sie mit 37 (gegen Bosnien-Herzegowina), mit 12 (gegen Polen), mit 10 (gegen Griechenland, ohne Giannis allerdings) und mit 67 (gegen Zypern - ohne Jokic und Bogdanovic).

"Ich sehe Serbien als den größten Favoriten an, wegen ihrem Kader", sagte stellvertretend der neue deutsche Coach Alex Mumbru zu Eurohoops, der Jokic zudem als "definitiv den besten Spieler" im Turnier und auf der Welt bezeichnete. Womit er den Druck sicherlich auch ein Stück weit von seinem eigenen Team - immerhin dem amtierenden Weltmeister - wegschieben wollte, womit er andererseits aber auch bloß eine recht gängige Meinung verbalisierte.

Druck kennen die Serben ohnehin zu Genüge - von innen. "Die Leute in Serbien mögen keinen Sport. Wir mögen keinen Basketball. Wir mögen es zu gewinnen", sagte Jokic selbst mal. Nichts anderes wird von ihnen erwartet. Erst recht nach der Demonstration im Vorjahr: Diese Generation hat definitiv das Zeug dazu, eine goldene zu sein. Sie muss es aber noch werden.

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