Es ist schon eine unterhaltsame Fügung, dass die Sixers sich ausgerechnet für diese Spielzeit dazu entschieden haben, ein Retro-Jersey im Stile der Allen-Iverson-Ära auf den Trikot-Speiseplan zu setzen. 25 Jahre (am Ende der Saison), nachdem Iverson seinen MVP-Award gewann und die Sixers zum bisher letzten Male in die Finals führte.
Auch Tyrese Maxey hat kürzlich ein Jubiläum gefeiert. Seinen 25. Geburtstag, am 4. November. Er war also bereits auf der Welt, als Iverson seine magische Saison zelebrierte. Bewusst erlebt hat er sie jedoch nicht.
Es scheint ihn nicht davon abzuhalten, seine Version einer Iverson-Saison hinzulegen. Beim Hinsehen sind es derzeit zumindest nicht ausschließlich die manchmal ausgepackten Trikots, die an den echten AI (nehmt das, Tech-Bros!) erinnern.
Maxey: Die schwerste Last der Liga
Einen Vergleich wie diesen nimmt man in und um Philadelphia natürlich nicht auf die leichte Schulter. Iverson hat eine Statue vor der Trainingshalle des Teams stehen, ist der inoffizielle Botschafter der Franchise, Sixers-Hochadel. In gewisser Weise drängt sich der Vergleich jedoch sogar auf.
Maxey trägt eine Last wie sonst kaum jemand in der Liga. Nur Luka Doncic und Shai Gilgeous-Alexander scoren mehr (32,3), nur Josh Giddey spielt mehr Pässe pro Spiel (72,7). Nur Franz Wagner ist bisher mehr Meilen gerannt (50,5). Maxey hat die meisten Touches pro Spiel (104,3), mit Abstand sogar. Mit noch größerem Abstand führt er die Liga bei den Minuten an (40,7).
Was nicht von ungefähr kommt - die Sixers sind abhängig von ihm. Steht Maxey auf dem Court, erreichen die Sixers ein moderates Net-Rating von +1,7, den Wert eines 45-Siege-Teams. Ohne ihn? Kracht dieser Wert auf -11,1 herunter, demnach wären die Sixers eins der drei oder vier schlechtesten Teams der Liga.
Maxey: Die meisten Minuten seit …
"Es ist offensichtlich, wie sehr wir ihn brauchen", sagte Nick Nurse kürzlich. "Die Minuten werden in dieser Höhe bleiben, um die 40 herum. Er wird die Last tragen müssen. Das verlangen wir von ihm, und er kommt damit zurecht."
Nun ist Nurse seit Jahren dafür bekannt, seinen Stars viel abzuverlangen; unter ihm führte etwa Pascal Siakam die Liga mehrfach bei den Minuten pro Spiel an. Maxeys aktuellen Wert hat jedoch auch er noch nie angekratzt, ebenso wie sonst - seit langem - keiner. In der Saison 09/10 übertraf letztmals ein Spieler die Minuten, die Maxey momentan abreißt (Monta Ellis mit 41,4), seit 2011 kam keiner mehr auf 40.
Iverson wiederum übertraf sie regelmäßig (in seiner Sixers-Karriere stand er im Schnitt 41,4 Minuten auf dem Court), das geschah jedoch in einer anderen NBA. Maxey ist in ähnlicher Form aktuell die Lebensversicherung, das Alpha und Omega des Teams. Obwohl das bei ihm eigentlich nie so geplant war …
Maxey: Der wahre Heilsbringer
Im Rahmen des von Sam Hinkie eingeleiteten "Process" durften die Sixers einige Male ganz oben in der Lottery draften, auf der Suche nach einem Heilsbringer. Die Nr.1-Picks Ben Simmons und Markelle Fultz sind aber schon lange nicht mehr da, Franchise-Player waren sie beide nicht. Joel Embiid, ein Nr.3-Pick und vor nicht allzu langer Zeit noch Liga-MVP, ist zwar noch da, die Zeiten, in denen er diese Rolle noch erfüllen konnte, sind aber Geschichte.
In der laufenden Spielzeit kommt der Kameruner bisher auf sechs Einsätze. Scoren kann er in limitierter Spielzeit noch immer, eine Franchise schultern aber nicht mehr. Ebenso wenig wie Paul George, den Philly im Sommer 2024 noch unter großen Fanfaren als Free Agent holte, der dann aber prompt vom All-NBA- zum sehr oft verletzten Rollenspieler avancierte.
Nach 41 Spielen im Vorjahr steht PG-13 in dieser Spielzeit bisher bei fünf, mit sogar noch weniger Punkten (14,0) und noch schlechterer Effizienz. Es gibt viele Gründe, um deprimiert von den Sixers zu sein, die noch vor etwas mehr als einem Jahr um Titel spielen wollten und dachten, sie hätten eine sportlich nahezu ideale Big 3 zusammengestellt.
Zwei von diesen großen Drei sind heute Albatros-Verträge - massive Belastungen, die noch 27/28 zwei Drittel des Salary Caps verschlingen (Embiid verdient selbst 28/29 noch 67 Mio.), aber keine verlässliche Star-Produktion mehr liefern. Es ist ein großes Glück für die Franchise, dass Maxey auch noch da ist.
Maxey: Sprunghafter Aufstieg
Der fing selbst mal als Nr.21-Pick an. Als talentierter Guard, klar, aber nicht als potenzieller Heilsbringer. Als Rookie kam er von der Bank, sah 15 Minuten pro Spiel. Seither hat er eine der bemerkenswertesten und sprunghaftesten Entwicklungen in der Liga seit dem jungen Giannis Antetokounmpo hingelegt, die so wohl selbst größte Optimisten nicht erwartet hätten.
Als Sophomore verdoppelte Maxey seinen Punkteschnitt (und mehr). Er lernte, ein starker Komplementär-Spieler neben zwei Stars zu sein, von denen einer den primären Playmaker gab (James Harden). Mit seinem Speed, seinem bald elitären Wurf, seiner Dynamik. Als Harden ging, lernte er, weitaus mehr Verantwortung am Ball zu übernehmen, wurde zum Most Improved Player gewählt.
Vergangene Saison stellte dann einen Dämpfer dar. Bedingt durch Embiids Ausfälle fokussierten sich Teams noch mehr auf Maxey, der zwar scorte, aber seine Effizienz nicht aufrechterhalten und sein Team nicht konstant zu Siegen führen konnte. George zufolge lenkte all das jedoch von seinen abermals großen Fortschritten ab.
"Aus meiner Sicht hatte er letztes Jahr eine phänomenale Saison, aber es ging verloren wegen der Saison, die wir als Team gespielt haben", sagte der Foward zu The Athletic. "Es liegt daran, dass die Leute vor dieser Saison nicht so viel über ihn gesprochen haben." Das hat sich seit dem Saisonstart jedoch schnell geändert.
Maxey: Schon wieder besser
Maxey ist noch einmal besser geworden. Sein Dreier fällt wieder besser, beim höchsten Volumen seiner Karriere. Sein Floater-Game ist tödlich, niemand kann vor ihm bleiben, kein Finish wirkt ihm zu schwierig und ambitioniert. Regelmäßig wirkt es, als würden alle neun anderen Akteure in Zeitlupe agieren, wenn Maxey seinen Turbo zündet.
In Transition ist er deshalb seit Jahren nicht zu halten. Aber auch im Halbfeld kommt er konstant zu seinen Punkten, obwohl viele Versionen der aktuellen Sixers außer ihm kaum jemanden haben, der die Defense ernsthaft beschäftigt. Was bisweilen bereits zu ziemlich extremen Strategien führt, um Maxey irgendwie zu limitieren.
Nicht selten wird er mittlerweile gedoppelt oder geblitzt, teilweise schon kurz hinter der Mittellinie. Der Ball soll aus seinen Händen forciert werden, verständlicherweise. Zumal durch diese Art von Defense nicht nur der recht harmlose Supporting Cast, sondern auch der Teil von Maxeys Spiel entblößt wird, in dem er noch weiter wachsen kann.
Ein natürlicher Point Guard ist Maxey nicht. Zwar ist er als Passer seit seinem Liga-Debüt enorm gewachsen, noch immer aber übersieht er bisweilen Lücken, mit denen die Defense leicht zu bestrafen wäre. Er spielt selten Risikopässe, was einerseits gut ist, da er sich kaum Turnover leistet. Bisweilen könnte er sich das Leben dadurch jedoch auch ein wenig leichter machen.
Maxey: Es ist noch Luft da
Das ist einerseits Meckern auf hohem Niveau. Andererseits ist das auch das Schöne an Maxey: So weit er schon gekommen ist, so deutlich zeigen sich auch die Punkte, in denen er sich noch steigern könnte. Das bezieht sich auf das Finishing, wo er oft zu weit vom Korb entfernt zum Floater hochsteigt, statt den Schritt weiter zu machen und die Erfolgschance zu erhöhen.
Das bezieht sich auch auf seinen Dreier. Knapp zehn Triples pro Partie nimmt Maxey bereits, das klingt viel - pro 40 Minuten allerdings (was ja Maxeys Spielzeit entspricht) nehmen 43 NBA-Spieler mehr Dreier als er. Obwohl mit Ausnahme von Stephen Curry kaum einer von sich behaupten kann, ein besserer, variablerer Shooter zu sein.
Auch Maxey kombiniert On-Ball-Creation mit einem starken Off-Ball-Game. Es könnte mehr gehen. Was aktuell auch daran ein wenig scheitert, dass den Sixers bisweilen die Akteure fehlen, die Maxey wiederum in Szene setzen könnten. Ursprünglich wurde dieses Team eben nicht mit dem Plan zusammengestellt, Maxey alleinig ins Zentrum zu stellen.
Maxey: Herz und Seele
Nr.3-Pick V.J. Edgecombe zeigte immerhin zu Beginn der Saison enormes Potenzial, selbst wenn seine Leistungen im November etwas abgeflacht sind. Was für die Sixers allgemein gilt: Die 2OT-Niederlage gegen Atlanta am Sonntag war bereits die achte aus den letzten 13 Spielen, der starke Saisonstart (5-1) scheint schon wieder lange her zu sein.
Der Abfall ist indes nicht verwunderlich, angesichts des ständig prall gefüllten Lazaretts. Verzagen muss in Philly derzeit trotzdem niemand. Weil eben Maxey da ist, der auf dem besten Weg dahin ist, einer der besten Spieler der Liga zu werden - und sein Team dabei auf die Schultern zu nehmen.
"Er ist Herz und Seele dieses Teams", sagte George. "Das ist vergleichbar zu dem, was Allen Iverson einst für diese Stadt geleistet hat. Er ist unsere Batterie, und wir sind alle Zeugen von einem dieser besonderen Spieler."
Die Sixers sind nun Maxeys Team - in der Gegenwart, in der Zukunft, daran gibt es keinen Zweifel mehr. Offen ist vielmehr, wie weit er noch kommen kann. Bei allem, was seine Karriere bis dato gezeigt hat, wirkt zumindest das ja offenkundig: Seinen Höhepunkt hat Tyrese Maxey noch nicht erreicht.
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