Aus Riga/Lettland berichtet Julius Ostendorf.
Das Auftaktspiel der deutschen EM-Vorbereitung liegt nun ziemlich genau einen Monat zurück. Am 8. August gastierte das DBB-Team in Ljubljana, wobei man auch ohne Kapitän Dennis Schröder einen soliden Sieg einfuhr (89:103).
Aus slowenischer Sicht setzten sich die Negativschlagzeilen in den folgenden Wochen fort. Von den sechs Testspielen vor Turnierbeginn gewann das Team um NBA-Star Luka Doncic nur eines - und das gegen Basketball-Zwerg Großbritannien. In der heimischen Presse wurde das Team mitunter zerrissen. Als Hauptursache wurde die Unruhe rund um die Nationalmannschaft ausgemacht. So hatte Zoran Dragic die Mannschaft verlassen, weil er keine Aussicht auf Spielzeit unter Trainer Sekulic hatte. Daraufhin schossen seine Ehefrau und auch Bruder Goran scharf gegen den Verband.
Am vergangenen Sonntag erklärte Doncic dann jegliche Diskussionen für beendet: "Wir sind ein echtes Team. Wir spielen alle füreinander. Die Atmosphäre ist gut und die Chemie stimmt." Was war in der Zwischenzeit passiert? Nach zwei Auftaktniederlagen bei der EM, gewann Slowenien nun vier Spiele nacheinander, inklusive des Achtelfinals gegen Italien.
Doncic? "Muss einen Weg finden, es ihm schwer zu machen"
Der slowenische Superstar war dabei einmal mehr der alles überragende Akteur. Bereits im ersten Viertel erzielte er, trotz einer Blessur direkt nach Beginn, 22 Punkte. Am Spielende hatte er sich 42 Zähler auf seinem Konto eingetragen.
"Das ist wirklich sehr eindrucksvoll, deswegen müssen wir extrem aufpassen", sagte Deutschlands Johannes Thiemann vor dem heutigen Aufeinandertreffen im EM-Viertelfinale. "Er ist natürlich ein unglaublicher Basketballer. Wir haben gesehen, wie er Teams tragen kann, wie er scoren kann, aber auch, wie er mit seinen Mitspielern spielen kann."
Den 26-Jährigen gänzlich aus dem Spiel zu nehmen, ist kaum möglich, macht Mitspieler Maodo Lo klar: "Niemand kann ihn aufhalten. Man muss einen Weg finden, es ihm schwer zu machen."
Doncics konditionelle Defizite ausnutzen
Nicht gelungen war das den Italienern, die Doncic mit ihrer Switch-Defense quasi zum scoren einluden und erst im Verlauf der Partie bessere Lösungen fanden. Allerdings: In der Verteidigung konnte sich Doncic immer wieder ausruhen. Dabei sind die Fitness-Mängel des Spielers der Los Angeles Lakers auch nach der so vielfach kolportierten physischen Transformation allgegenwärtig.
Zwar wirkt Doncic äußerlich durchaus so, als ob er ein paar Kilo weniger mit sich trägt als noch vor einigen Monaten. Mit zunehmender Spieldauer kommt der EM-Topscorer aber ganz offensichtlich auch heute noch recht schnell an seine konditionellen Grenzen.
Auf deutscher Seite wird Isaac Bonga die Aufgabe zukommen, Doncics Produktion im Rahmen zu halten. Dass er dazu durchaus in der Lage ist, den besten Spieler des Gegners unter dessen Möglichkeiten zu halten, stellte der 25-Jährige schon in der Gruppenphase gegen Finnlands Lauri Markkanen unter Beweis. "Ich gehe da rein und sage: 'Wenn der nach Hause geht, hoffe ich, dass er Albträume von mir hat'", sagte Bonga bei MagentaSport, nachdem er den NBA-Star bei lediglich elf Punkten und damit dessen schlechtester Turnierausbeute gehalten hatte.
Vom Markkanen-Stopper zum Doncic-Albtraum?
Dass Bonga zu solcher Leistung auch im Duell mit Doncic fähig ist, ist ebenfalls faktisch belegbar. Beim Duell vor einem Monat kam der Slowene in 24 Minuten nicht über 19 Punkte hinaus - beim laufenden EM-Turnier scorte er dagegen nie unter 26 Zählern.
Zwei Tage später hätte Doncic die Chance auf ein Rematch gehabt, verzichtete allerdings auf seine Teilnahme. Damals munkelte man bereits, ob nicht die physische und aggressive deutsche Verteidigung um Isaac Bonga dafür mitverantwortlich gewesen wäre.
Außerhalb von Doncic fehlt es dem Team allerdings an Tiefe. Mit Klemen Prepelic gibt es nur einen weiteren Spieler im zweistelligen Bereich (10,2 PPG). Viel fataler aber noch: Defensiv ist das Matchup mit Deutschland aus slowenischer Sicht ein sehr unglückliches. Der Team von Sekulic fehlt es an einem Flügelverteidiger. Wie Sloweniens Antwort auf einen Franz Wagner aussieht, ist völlig ungewiss. Dazu war dem Team zuletzt anzumerken, mit Tempo-Basketball, wie ihn auch Deutschland pflegt, seine Probleme zu haben.
Klar ist dennoch: mit Doncic kommt ein echter Härtetest auf Deutschlands Verteidigung zu. Im stark auf den Star zugeschnittenen System, liegt jedoch auch Sloweniens einzige Chance, Deutschland tatsächlich zu ärgern.
Bonga vor Duell mit Doncic: Wenn das kein NBA-Spieler ist
Topfavorit Deutschland? Was die Zahlen vor dem Viertelfinale sagen