Nichts ist für immer. Spätestens seit Nando de Colo und Nicolas Batum aus der Nationalmannschaft zurücktraten und Vincent Collet sein Traineramt niederlegte, verbieten sich auch die allerletzten Zweifel. 14 Jahre hatten die beiden zusammengespielt, alle unter ihrem Coach, dabei vieles gewonnen, immer wieder überrascht und waren am Ende regelmäßig nur knapp am ganz großen Triumph gescheitert. Nach Silber bei den Olympischen Spielen 2024 in Paris beendeten beide ihre Nationalmannschaftskarriere, um kurz vor der EuroBasket für einen letzten Moment zurückzukehren.
Ihr vorletztes Vorbereitungsspiel trug die Equipe gegen Spanien in Paris aus. An dem Ort, an dem sie rund ein Jahr zuvor Olympiasilber gewonnen hatte. Batum und De Colo waren ebenfalls da. Der Verband ehrte sie für ihre Verdienste.
Der französische Basketball verabschiedete seine junge Vergangenheit, um zu sehen, wie die unmittelbare Zukunft aussehen könnte. Denn Batum und De Colo sind nicht allein. Auch Rudy Gobert, Evan Fournier, Mathias Lessort und Vincent Poirier fehlen. Dazu steht statt Collet nun Frederic Fauthoux an der Seitenlinie. Nach 15 Jahren hat Frankreich einen neuen Coach. Und der hat direkt die Ehre, irgendwie den (sprichwörtlich) größtmöglichen Ausfall zu kompensieren. Nach seinem Blutgerinnsel in der Schulter sagte auch Victor Wembanyama die EuroBasket ab.
So ist die Equipe 2025 eine völlig andere, eine ganz neue. Eine, die ihre Identität neu finden und erfinden muss und darf. Vom Team 2024 sind einzig der neue Kapitän Guerschon Yabusele, Isaia Cordinier, Bilal Coulibaly und Matthew Strazel übrig. Beinahe ein Generationenwechsel in Überschallgeschwindigkeit - dummerweise ohne den, der dem Schiff Bodenhaftung beibringen soll. Ohne Wembanyama greift Fauthoux nun tief in den riesigen Pool aus jungen, athletischen französischen Talenten, die die Euroleague und zuletzt auch die NBA überschwemmen.
Frankreich bei der EuroBasket: Viel (junges) Talent, eine große Frage
Zaccharie Risacher, Nummer-1-Pick des 2024er NBA-Draft, ist ebenso dabei wie Alex Sarr, den die Washington Wizards direkt hinter seinem Landsmann auswählten. Cordinier, Sylvain Francisco, Jaylen Hoard, Mouhammadou Jaiteh, Theo Maledon und Elie Okobo bringen allesamt Euroleague-Erfahrung mit. Yabusele und Timothe Luwawu-Cabarrot spielten bzw. spielen sowohl in der NBA als auch in Europas bester Liga. Talent haben die Franzosen also. Auch viel junges Talent. Theoretisch zählen sie damit auch 2025 zum erweiterten Favoritenkreis. Praktisch ergeben sich Hindernisse.
Vor allem Risacher und Sarr mögen die Zukunft prägen können, derzeit stehen sie am Anfang ihrer Entwicklung. Ähnliches gilt für Coulibaly. In ihren Teams spielen sie kleine bis mittlere Rollen. Gerade Sarr wirkt zudem noch sehr roh, teilweise wie ein Guard im Körper eines Großen, der lieber werfen möchte, als seine Länge am Ring zu nutzen - obwohl der Wurf noch sehr unkonstant fällt. Alle drei sollten auch in Zukunft, auch mit Wembanyama mittelgroße bis größere Rollen einnehmen. Nun dürfen sie sich ausprobieren und lernen. Möglichst schnell. Denn tatsächlich hat Coach Fauthoux ein ganz besonderes Problem.
Was für Risacher, Sarr und Coulibaly gilt, gilt auch für viele andere: So gut sie auch sind, weder Maledon noch Francisco, Yabusele, Hoard oder Cordinier sind die klaren ersten Optionen ihrer jeweiligen Vereinsteams. Wer übernimmt, wenn es eng wird? Kristallisiert sich diese eine, regelmäßig verlässliche Option heraus? Oder vertraut Frankreich der Politik des heißen Händchens? Die Frage nach dem klaren spielerischen Leader stellt sich deutlich. Das kann Schwierigkeiten bringen - und Lösungen.
Nicht dominant, dafür mitunter vielversprechend
Zuletzt gewann die Equipe zwei Mal gegen Europameister Spanien. Deutlich wurden dabei sowohl das Potenzial als auch möglicherweise konstante Schwierigkeiten. Frankreich hatte dominante Phasen, stand gegen ein Team, das sich ebenfalls im Umbruch befindet, aber immer wieder selbst vor Problemen.
Im ersten Spiel führte die Equipe zeitweise mit 15 Punkten, ließ Spanien auch wegen schwacher Quoten von draußen (5/29 Dreier) gegen Ende jedoch zurück, um dann doch relativ souverän zu gewinnen. Auch weil unterschiedliche Spieler in unterschiedlichen Phasen auf unterschiedliche Arten übernahmen. Point Guard und Ex-Bayer Francisco zog immer wieder in die Zone, manövrierte sich geschickt durch Spaniens Defense. Yabusele arbeitete in der Zone. Am Ende gewann Frankreich mit acht Punkten und wirkte klar wie das bessere Team. Zur Halbzeit des zweiten Aufeinandertreffens gab es jedoch Redebedarf.
"Wir haben die Dinge in der Kabine besprochen", sagte Strazel nach dem Spiel in Paris. Das Team habe erst einmal analysiert, "was wir nicht gemacht haben", fügte Coach Fauthoux an - um es danach zu tun. 16 Punkte lagen die Franzosen zu Halbzeit zurück. Ausgerechnet an dem Abend, an die sie ihre Legenden ehrte, spielte die Equipe, als habe sie in der Vergangenheit nicht wirklich zugesehen - und gewann am Ende doch mit fünf.
Frankreichs Stärke? Defensive Aggressivität
Diesmal schob Coulibaly einen 16:2-Lauf an, ehe Strazel 22 Sekunden vor Schluss den entscheidenden Dreier traf. Dass Frankreich zurückkam, lag jedoch vor allem an seiner Defense. Nur 29 Punkte gelangen den Spaniern in der zweiten Hälfte. "Offensiv hatten wir eine gute zweite Halbzeit", sagte Strazel. "Ins Spiel bringt uns aber unsere Defense." Sie habe dem Team mehr Rhythmus und Selbstvertrauen gegeben. Gleichzeitig dürfte sie auch ein Aspekt sein, auf den sich die neu zusammengestellte Equipe bei der EuroBasket verlassen kann, mit dem sie gegnerische Teams vor größere Probleme stellen sollte.
Mit JL Bourg stand Coach Fauthoux auch deshalb im Eurocup-Finale, weil er eine intensive, switch-lastige Defense spielen ließ; sprich, eine, bei der Verteidiger nach jedem Block des Gegners ihre Zuteilung tauschen, um keine Räume zu bieten. Theoretisch müssen große Spieler so regelmäßig kleinere weit entfernt vom Korb verteidigen. Geschwindigkeitsnachteile und in der Konsequenz freie Wege Richtung Ring können entstehen. Die Equipe hat den Vorteil, auf nahezu allen Positionen Länge, Athletik UND Geschwindigkeit aufbieten zu können.
So kann sie in der Theorie maximalen Druck aufbauen, gegnerische Teams zu Fehlern zwingen, um danach ins Laufen zu kommen und selbst vorne schnell abschließen zu können. "Die Stärke dieser Mannschaft", sagt Fauthoux in einem Interview mit L’Equipe, "liegt in ihrer Fähigkeit, defensiv aggressiv zu spielen. Wir müssen noch aggressiver spielen, um Gegner zu stören, wie wir gegen Spanien gesehen haben."
Genau diese intensive Defense dürfte das Fundament der neuen Equipe sein. Auf absehbare Zeit. Erstrecht, wenn Wembanyama zu den nächsten Turnieren zurückkehrt. Auf dem Flügel hetzen Coulibaly, womöglich auch Risacher, der körperlich beste Voraussetzungen mitbringt, jedoch seine defensiven Instinkte noch etwas verbessern muss, Gegenspieler übers Feld. Entkommen sie, wartet unter dem Brett der vielleicht jetzt schon beste Defender des Planeten. Einer, der dank seiner Länge und Beweglichkeit eigentlich keinen Spielzug verloren geben muss. Welche Rolle Sarr einnehmen kann, muss sich noch zeigen. Bringt er Vorlieben, Talent und Körper in Einklang? Kann er regelmäßig den Ring beschützen?
Frankreichs Mangel an Länge und das Guard-Puzzle
Genau das soll Sarr bei der EuroBasket unter anderem tun. Mit Jaiteh ist er der einzige Franzose über 2,11 Meter, bekam gegen Spanien jedoch Foulprobleme. Überhaupt wirkt sein Spiel immer noch roh, was eine Schwierigkeit der Equipe illustriert. Ohne Wembanyama, Gobert und auch Lessort ist die Rotation auf den großen Positionen sehr ausgedünnt. Kürzlich verletzte sich zudem Poirier. Fauthoux wollte Moussa Diabaté, den er zuvor bereits aus dem Kader gestrichen hatte, nachnominieren. Der Hornets-Center lehnte jedoch ab.
In Sachen Länge fehlt Tiefe. Wenngleich Yabuseles Energie und Physis in der Zone durchaus helfen sollten. Gerade bei der Rebound-Arbeit. Hinzukommt das Wechselspiel im Aufbau. Fauthoux entschied sich für den finalen Kader gegen den scorenden Nadir Hifi. Stattdessen setzt er auf Maledon, Strazel, Okobo und Francisco. Gerade letzterer überzeugte gegen Spanien. Der ehemalige Münchner zog immer wieder Richtung Zone, brachte die Defense durch seine schnellen, pointierten Drives regelmäßig ins Wanken.
Wichtig war für Fauthoux die Mischung. Francisco, Strazel, Maledon und Okobo ergänzen sich im Backcourt gut. So sieht es jedenfalls der Coaching-Staff. "Wir haben uns für eine komplementäre Kombination entschieden", sagte Fauthoux L’Equipe. Jeder bekomme sein Aufgabenfeld. Und jeder hat seine Berechtigung. Für LDLC ASVEL Villeurbanne legte Maledon in der vergangenen Euroleague-Saison im Schnitt 17 Punkte und 4,6 Punkte auf, sucht seine Rolle jedoch noch ein bisschen. Okobo steuerte knapp 12,5 Punkte zu Monacos Euroleague-Finaleinzug bei. Es ist vielleicht keine herausragende, dennoch eine gute Rotation - und in Zukunft stößt womöglich Nolan Traoré dazu.
Vor der abgelaufenen Saison galt der als eines der größten Point-Guard-Talente des Kontinents. Danach wurde er zum besten jungen Spieler der Basketball Champions League gewählt. Auch, weil er gegen Rhodos mehr Punkte auflegte (27) als jeder andere Spieler unter 21 zuvor. Im Draft wählten ihn die Brooklyn Nets an 19. Stelle aus. Vielleicht schon zum nächsten Turnier ergänzt Traore Risacher, Sarr und Coulibaly. Am Ende besitzt das französische Team so nicht nur einen der potenziell besten Spieler des kommenden Jahrzehnts (Wembanyama), sondern auch derart viel junges Talent, dass die EuroBasket der erste Schritt zu einer neuen dominanten Epoche werden könnte. Womöglich einer, an deren Ende wir uns erneut fragen, ob denn wirklich nichts für immer ist.
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