Als die Türkei bei einer EuroBasket letztmals sechs Spiele in Folge gewann, hatten die Boston Celtics gerade ihre allererste Meisterschaft gewonnen, war Dwight D. Eisenhower US-Präsident und Ergin Ataman längst nicht geboren. Als die Türkei letztmals in einem EuroBasket-Viertelfinale stand, fragten Menschen noch, ob Dirk Nowitzki die Fähigkeit besitze, ein Team zum Titel zu führen. Viel ist passiert seit 1957 und 2009. Gleichzeitig scheint diesmal vieles anders zu sein als während der vergangenen 16 Jahre.
"Wir sind mit einem großartigen Roster hierher gekommen", sagte Coach Ergin Ataman nach dem Achtelfinale gegen Schweden. "Alle Spieler sind unglaublich motiviert. Von er letzten Juli-Woche an haben wir Opfer gebracht, hart gearbeitet, jetzt sind wir bereit, uns in eine Medaillenposition zu bringen. Das ist unser einziges Ziel." Zwei Siege noch, dann ist es erreicht. Und tatsächlich wirkt das Team der Türkei wie eines auf einer Mission - was nicht zuletzt Serbien unsanft zu spüren bekam.
Türkei bei der EuroBasket: Statement gegen Serbien
Das abschließende Duell um den Gruppensieg gegen den großen Favoriten verstand Atamans Team als Gelegenheit zum Statement - und zur Selbstvergewisserung. Wer Jokic und Serbien schlägt, kann auch durchs Turnier marschieren. Zumal als Gruppensieger die vermeintlich leichtere Seite des Turnierbaums wartete. Also zog die Türkei durch, als Serbien und auch Jokic gern die geschundenen Körper geschont hätten.
Was immer das Team von Coach Svetislav Pesic versuchte, die Türken fanden Wege, noch einen drauf zu setzen. Entscheidender Faktor: Sie attackierten Serbien mehrdimensional. Häufig wanderte der Ball nach innen, regelmäßig wieder nach außen, um von dort abzuschließen. 42 Punkte erzielte die Türkei in der Zone, Serbien 26. Am Ende des dritten Viertels hatte sie zudem 15 ihrer 25 Dreier getroffen (18/31 am Ende). Alperen Sengün, Shane Larkin und Cedi Osman gingen voran, der Rest folgte.
Es ist eine der großen Stärken dieses türkischen Teams: Die Mannschaft beherrscht unterschiedliche Facetten des Spiels und lässt drei Stars auf Gegner los, von denen jeder seine ganz eigenen Stärken mitbringt. Larkin fehlt zwar die Explosivität vergangener Tage, regelmäßig in die Zone kommt er dennoch. Zudem kann er, wie gegen Serbien, jederzeit von draußen heiß laufen. Osman liefert Scoring vom Flügel, trifft über das Turnier fast schon unverschämte 54,3 Prozent seiner 5,8 Dreier pro Spiel. Dazu beginnt und endet vieles mit Sengün..
Spielbericht Türkei vs. Serbien
Der Sprung des Alperen Sengün
Der, der während der NBA-Playoffs noch illustrierte, dass er noch ein paar Schritte zu gehen hat, ehe er die klare erste Option eines dominanten Teams sein kann, scheint zwischen Erstrundenaus und EuroBasket-Start die Beschleunigungstaste gefunden zu haben. Sengün gibt der Türkei, was sie gerade braucht. Als Ludvik Hakanson im Achtelfinale kurz vor Schluss zum Dreier hochstieg, um auf einen Punkt zu verkürzen, schnellte dem Schweden Sengüns Hand entgegen. Der Center der Rockets schnappte sich den Ball, leitete den Fastbreak ein und schloss per Dunk selbst ab. Plus sechs, statt plus eins.
Zusätzlich punktet Sengün während der EuroBasket gern in der Zone, nutzt dort seine Fußarbeit, Physis und für einen Big häufig beeindruckende Geschwindigkeit. Zusätzlich sammelt er Rebounds ein, auch am offensiven Brett. Wie Franz Wagner beim DBB ist auch Sengün auf dem Weg in und durch die Zone nur schwer zu kontrollieren. Größte Komplikationen verursacht, dass Sengün den FIBA-Dreier bislang mehr als solide trifft. 2,3 Mal drückt er pro Spiel von draußen ab, in 42,9 Prozent der Fälle rutscht der Ball durch den Ring. Damit wirkt Sengün häufig wie eine kaum zu kontrollierende Naturgewalt. Selbst, wenn es gegen den derzeit wohl besten Basketballer des Planeten geht.
Sengün dominiert auch gegen Jokic
Nicht, dass der Nikola Jokic auch einer der besten Verteidiger der Welt wäre. Entscheidend im direkten Duell war jedoch ohnehin Sengüns Selbstverständnis. Jokic, das verriet sein Spiel, traf er seiner Ansicht nach auf derselben Ebene. 40 Minuten lang ging es nicht darum, ob der Schüler dem Lehrer etwas entgegensetzen konnte; es ging darum, wer der bessere war. Jokic, an dessen Spiel sich einigen erinnert sahen, als sie Sengün erstmals beobachteten, diente nicht etwa als (noch) unerreichbarer Standard. Stattdessen lautete die Frage, ob Sengün Jokic überpowern, im Staub liegen lassen konnte. Er konnte (wenngleich auch der Serbe ein gutes Spiel machte).
28 Punkte, 13 Rebounds und 8 Assists servierte Houstons Center den Serben, traft dabei vier seiner sieben Dreier. "Jokic ist einer der besten Spieler der Welt", sagte Sengün nach dem Spiel, "Zuletzt war er vielmehr der beste. Gegen ihn zu spielen und zu gewinnen, war sehr wichtig für uns. Ich persönlich hatte für dieses Spiel auch ein Stück Extramotivation. Wir sind glücklich. Ich bin glücklich, weil ich gut gespielt und wir gewonnen haben."
Mit Blick auf seinen Center dürften Ataman ebenfalls dezente Glücksgefühle überkommen. Während der mittlerweile rund zwei Wochen in Riga wirkt Sengün tatsächlich ein Stück gereift. Er übernimmt, wenn er übernehmen muss, trifft gute Entscheidungen, bezieht seine Teamkollegen regelmäßig mit ein.
6,7 Assists serviert Sengün pro Spiel und liegt damit turnierweit auf Rang drei. Zu seinem Spiel gehörte es schon immer. Während der EuroBasket scheint alles aber noch ein wenig langsamer abzulaufen. Als sich zwei Schweden auf Sengün stürzten, steckte der beispielsweise entspannt durch auf Ercan Osmani. Einfacher Dunk. Schnelle zwei Punkte.
Nicht nur Sengün: die Stärken der Türkei
Dass Sengün wie zuletzt auch in Houston neben einem weiteren physischen oder mobilen Big spielen darf, scheint ebenfalls zu helfen. Osmani tut dem Spiel mit seiner Länge und seinem Scoring in der Zone gut (10,5 Punkte, 5,3 Rebounds). Sixers-Sophomore Adem Bona nutzt seine sprunggefederten Beine wiederum für spektakulären Ringschutz. In einer Phase, in der für Schweden im Achtelfinale noch viel lief, räumte der Center binnen nicht einmal einer Minute zunächst Adam Ramstedt, danach Melwin Pandza ab. Kurz vor Schluss dachte Simon Birtgander wahrscheinlich bereits über den Ausgleich nach, als Bona, der kurz zuvor noch einen Wurf gestört hatte, heranschnellte und ihn abräumte.
So hat die Türkei 2025 vieles, das einen Mitfavoriten ausmacht: einen Star, der das Spiel auf mehreren Ebenen beeinflusst, Unterstützung, Tiefe, eine mehrdimensionale Offense, dazu Shooting. Mit 45 Prozent treffen die Türken den Dreier besser als jedes andere Team bei der EuroBasket (Griechenland folgt mit 40 Prozent auf Rang zwei). Dazu kommen die drittbeste Offense (90,7 Punkte pro Spiel), die fünftbeste Reboundarbeit des Turniers (38,7 Rebounds) und im Achtelfinale die Fähigkeit, überraschend komplizierte Situationen zu überstehen. Zudem dürfte das Team gegen Schweden etwas gelernt haben.
"Heute dient uns als sehr gute Erinnerung", sagte Larkin nach dem knappen Sieg. "Am Ende besitzt jedes Team, das es soweit gebracht hat, sehr viel Talent. Jedes Team kann dich schlagen. Vielleicht waren wir ein wenig eingebildet. Vielleicht waren wir etwas zu selbstbewusst. Daher hat uns dieses Spiel noch einmal sehr gut daran erinnert, das dich wirklich jedes Team schlagen kann."
Wie schnell eine Reise bei der EuroBasket enden kann, hat die Türkei über die vergangenen Jahre häufig erfahren. Gegen Polen besteht im Viertelfinale nun gleichzeitig die realistische Chance, den eigenen Rekord von sieben EM-Siegen in Folge einzustellen. Vielleicht steht am Ende des Turniers sogar eine neue Bestmarke; aus dem Jahr, als nicht die Celtics, sondern die Oklahoma City Thunder ihre allererste NBA-Meisterschaft gewannen.
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