Aus Riga/Lettland berichtet Julius Ostendorf.
Waren die deutschen Basketballer in der Gruppenphase in Tampere noch allen Zweifeln erhaben, bekam das dominante Image nach dem Umzug nach Riga einen kleinen Knick. Gegen Portugal war man nur im Schlussviertel souverän, gegen Slowenien musste man - trotz der scheinbar klaren Favoritenrolle - bis zum Spielende zittern.
In beiden Partien erwischte Kapitän Dennis Schröder jeweils nicht seinen besten Tag, blieb aus dem Feld ungewohnt ineffizient. Zwar kam der 31-Jährige am Ende des Abends stets auf 16+-Punkte, eine kleine Delle der Formkurve war aber klar erkennbar.
Zum Rematch mit den Finnen, die man bereits zum Vorrundenabschluss geputzt hatte, meldete sich Schröder nun wieder zurück. Allein im ersten Viertel verteilte der Dirigent sieben Vorlagen an seine Mitspieler - so viele wie kein anderer Spieler vor ihm in den ersten zehn Minuten eines EM-Halbfinals.
Schröders historische Statline gegen Finnland
Nach zwei Spielen, in denen der deutsche Offensivmotor mächtig gestottert hatte, lief die Maschinerie nun wieder flüssig und gut geölt. Dennis Schröder, die Zentrale fast aller Angriffsbemühungen mittendrin. Dabei half es auch, dass der Point Guard wieder seinen Dreier traf. In den Spielen gegen Portugal und Slowenien schaute lediglich 1/16 Versuchen ins Netz. Im Halbfinale gegen Finnland waren es wieder 4/9, was sich wiederum positiv auf alles weitere auswirkte.
Läuft der Dreier, muss Schröder enger verteidigt werden. Dank seines schnellen ersten Schrittes kommt er so einfacher an seinem ersten Bewacher vorbei. Dazu hat der Kapitän in seiner Karriere gelernt, auch seine Mitspieler gewinnbringend in Szene zu setzen. Rühmte sich der Braunschweiger einst noch damit, egoistisch zu spielen, stellt er im deutschen Spiel den entscheidenden Distributor dar.
Neben seinen 26 Punkten beendete Schröder die Partie gegen Finnland auch mit zwölf Vorlagen - so vielen wie kein anderer Spieler jemals zuvor in einem EM-Halbfinale. Überhaupt wird dieser Wert in der K.o.-Phase nur von drei Spielern der Geschichte überboten. Nur fünf Spieler haben in der EM-Geschichte mehr Assists als Schröder verteilt.
Wagner über Schröder: "Nicht überraschend"
"Ja, mal wieder - nicht überraschend", sagte Franz Wagner nach dem Einzug ins Finale über Schröders Leistung. "Ich glaube, er hat oft genug bewiesen, dass er in großen Spielen zu so etwas imstande ist." Maodo Lo fügte hinzu: "Dennis macht, was Dennis macht. Er führt uns an und hat heute wieder wahnsinnig gut gespielt. Das ist das, was wir von ihm erwarten."
Neben der sportlichen Komponente geht aus Los Zitat auch noch eine zweite, hinzugewonnene Fähigkeit hervor: Führung, aber noch viel eher Menschenführung. Schröder hat es in seinen zurückliegenden Karrierejahren geschafft, diese Mannschaft zu einer Einheit verschmelzen zu lassen. Dabei fungiert er einerseits als emotionaler Anführer, andererseits aber auch als Mentor.
"Sie geben den Takt vor", erklärte Tristan da Silva seinen Einfluss, wobei er auch Franz Wagner im gleichen Atemzug nannte. "Von Beginn des Trainingslagers in Malaga an haben wir alle gesehen, wie die beiden mit gutem Beispiel vorangegangen sind, wie kommunikativ sie auch sind." Das mache die Aufgabe für die gesamte restliche Mannschaft einfacher: "Sie bekommen so viel Aufmerksamkeit. Das öffnet die Räume für uns."
Schröders Weg zum Routinier
Ein Grund dafür ist auch, dass Schröder im Laufe seiner Karriere gelernt hat, kluge Entscheidungen auf dem Feld zu treffen. Ließ einen der Guard doch früher das eine oder andere Mal fragend zurück, scheint er inzwischen immer die passende Antwort parat zu haben. Von seinem gefährlichen Zug zum Korb macht er nun häufiger Gebrauch, ebenso von einem Kickout-Pass in die Ecken, insofern es sich anbietet. Dabei kontrolliert er clever das Tempo, stoppt ab, hält seinen Gegenspieler hinter sich und behält bei alle dem stets die Dennis-typische Coolness am Ball.
Auch ein Zeichen von gewonnener Reife: Als der Dreier gegen Slowenien mal so gar nicht fiel, entschied er sich bewusst gegen weitere Würfe. Der alte Dennis hätte da wohl durchaus den bekannten Spruch "Shooters gonna shoot" zitiert. Der neue Dennis gibt den Ball aber auch mal ab, ohne im Highlight-Reel landen zu wollen.
Aus dem Schatten heraus ins Rampenlicht zu treten ist schwer. Noch viel schwerer ist es aber, seine Rolle im Rampenlicht gegen eine kleinere einzutauschen. Genau das ist es aber, was Schröder in den vergangenen Jahren im Trikot der deutschen Basketball-Nationalmannschaft getan hat. Vom Alleinunterhalter zum Teamplayer. Der Preis: ein WM-Titel - und bald auch die Europameisterschaft?
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