Vielleicht hätten sie es ahnen müssen. Dass es keine so gute Idee war, ausgerechnet diese beiden Charaktere miteinander zu kombinieren - beide durchaus mit großem Ego "gesegnet", beide in ihren 30ern und trotzdem an einem Punkt, an dem sie etwas beweisen wollten. Doch Charles Barkley, Scottie Pippen und die Rockets waren allesamt an Bord für dieses Experiment.
Pippen hatte gerade seine sechste Meisterschaft in Chicago gewonnen, aber genug von den Bulls, und das eigentlich schon vor dieser später als "Last Dance" berühmten Saison; aufgrund seiner finanziellen Unzufriedenheit hatte er bereits vor der Spielzeit gestreikt, einen Trade gefordert. Nach dem Rücktritt von Michael Jordan stand 1998 endgültig die Trennung an.
Das einzige Team außerhalb Chicagos, das nach 1990 ebenfalls Titel gewonnen hatte, witterte nun seine Chance. Clyde Drexler trat zeitgleich mit MJ zurück, Hakeem Olajuwon war jedoch immer noch da - genau wie Barkley, der dabei half, Pippen zu rekrutieren. Der sogar auf Geld verzichtete (1,2 Mio. Dollar), um Pippens Fünfjahresvertrag über 67 Millionen Dollar zu ermöglichen, der dessen Jahresgehalt aus der Vorsaison fast exakt vervierfachte.
Barkley wollte Pippen, auch wenn er diesen in der Vergangenheit einige Male recht abschätzig als Jordans Sidekick dargestellt hatte. Und Pippen wollte Houston, wollte Barkley: Vor Beginn der verkürzten 98/99er Lockout-Saison nahm er sogar Jordans Trainer Tim Grover mit nach Houston und lud Barkley dazu ein, sich gemeinsam auf diese strapaziöse Saison vorzubereiten.
Eine kurze Zeit lang ging das gut.
Barkley ist nicht Jordan
"Tatsächlich fing Charles damit an, mit mir zu trainieren, und er war sehr determiniert", sagte Pippen später im PBD Podcast. "Wir haben gearbeitet, er, Grover und ich. Charles hat in etwa einen Monat lang durchgehalten. Es war zu viel für ihn. Er wollte sein Nachtleben genießen. Und unsere Workouts waren dafür gedacht, dass sie morgens vor dem Training begannen."
Pippen fühlte sich vor den Kopf gestoßen, als Barkley zu den Workouts nicht mehr auftauchte - erst recht, als er dann später einen eigenen Personal Trainer anschleppte, mit dem er gemäß seines eigenen Zeitplans zu arbeiten begann. Pippen war die Arbeit mit Jordan gewöhnt, der seine eigenen zwischenmenschlichen "Herausforderungen" mitbrachte, der jedoch niemals ein Workout abgeschlagen oder ein Training nicht ernst genommen hätte.
Barkley war - was 1998, als er bereits 14 Jahre in der NBA verbracht hatte, eigentlich auch jeder wusste - anders drauf. Ein Lebemann, kein Workout-Fanatiker, der gerade im Vorjahr erstmals seit seiner Rookie-Saison kein All-Star gewesen war und langsam, aber sicher Alterserscheinungen zeigte.
"Michael konnte damit davonkommen, Golf zu spielen und ein hektisches Leben zu führen. Charles konnte das nicht", urteilte Pippen in seiner 2021 erschienen Autobiographie "Unguarded". "Etwas musste weichen, und das war Basketball. Er war in dieser Hinsicht Shaq sehr ähnlich. So großartig er war, er hätte besser sein können."
Unterwältigende Resultate
So ähnlich ließ sich auch über die Rockets-Saison 98/99 urteilen. Das vermeintliche Superteam litt mehr als andere Teams unter dem absurden Spielplan (50 Regular-Season-Spiele in exakt drei Monaten), eigentlich auch kein Wunder, zumal ihre drei besten Spieler 36, 35 und 33 Jahre alt waren und ihre Prime allesamt hinter sich hatten.
Die drei Stars standen zwar fast immer zur Verfügung (nur Barkley verpasste acht Spiele), die große On-Court-Chemie entstand jedoch nie. Trotz Olajuwon und Pippen, zwei der besten Verteidiger der NBA-Geschichte, war die Defense lediglich durchschnittlich. Offensiv fühlte sich Pippen im langsamen, Post-zentrierten Rockets-Spiel nie so richtig wohl, angeblich störte es ihn zudem, wie oft Barkley und Olajuwon den Ball darin hatten, und wie er zum reinen Spot-Up-Shooter degradiert wurde.
Mit 31-19 legte Houston dennoch eine gute Saisonbilanz hin. In der ersten Runde war jedoch direkt Schluss, die jüngeren und athletischeren Lakers schickten Houston mit 3-1 direkt in den Urlaub. Woraufhin es zwischen Barkley und Pippen erst so richtig hässlich wurde.
Keine Entschuldigung
Nach einem Jahr hatte Pippen bereits genug von Houston. Ursprünglich versuchte er, einen Weg zu finden, um bei den Lakers und dem in der Offseason verpflichteten Coach Phil Jackson zu landen. Im August verbrachten Pippen, Barkley und einige andere NBA-Spieler einen Promo-Trip für Nike auf Hawaii - wenig später sickerte dann durch, dass Pippen einen Trade gefordert hatte.
Davon fühlte sich Barkley wiederum beleidigt - und forderte eine Entschuldigung von Pippen. Was diesen dazu verleitete, bei ESPN erstmals öffentlich kundzutun, was er von seinem Star-Mitspieler hielt. "Ich würde Charles Barkley keine Entschuldigung geben, wenn er mir eine Waffe an den Kopf hält", sagte Pippen.
"Er kann niemals eine Entschuldigung von mir erwarten. Wenn überhaupt schuldet er mir eine Entschuldigung dafür, dass ich gekommen bin, um mit seinem lausigen, fetten Arsch zu spielen." Und dabei beließ er es nicht - Pippen involvierte außerdem noch den einen Menschen, zu dem sowohl er als auch Barkley ziemlich intensive Beziehungen pflegten.
"Ich hätte wahrscheinlich letztes Jahr auf Michael hören sollen, als er mir sagte, dass Charles nie einen Titel holen wird, weil er nicht den letzten Willen mitbringt", sagte Pippen - natürlich wohlwissend, dass Barkley und Jordan gut befreundet waren. "Er ist sehr selbstsüchtig. Er hat nicht den unbedingten Willen, zu gewinnen. Darum will ich weg von ihm."
"Es gibt eine Chance"
Pippen bekam seinen Wunsch in Form eines Trades nach Portland, wo er im Folgejahr denkbar knapp kurz vor den Finals scheiterte - an den Lakers, natürlich. Mehrere Retourkutschen von Barkley, der sich früh in der 99/00er Saison schwer verletzte und an deren Ende seine Karriere beendete, bekam er logischerweise aber auch noch mit auf den Weg.
"Er hat ja gesagt, er würde sich nie entschuldigen. Aber, wie ihr wisst, ich trage immer eine Waffe mit mir rum", sagte Barkley. "Es gibt also eine Chance. Ich gehe zu meinem Truck und hole meine Waffe und dann sehen wir weiter. Wenn ich also wegen Mordes verhaftet werde, wisst ihr, dass er sich nicht entschuldigt hat."
Auch Jordan wurde von Barkley mit einbezogen - nachdem er Pippens Aussagen hörte, habe er MJ direkt angerufen, wie er der Sports Illustrated erzählte. "Ich weiß nicht, ob Michael wütender darüber war, dass Scottie all das gesagt hat oder dass er seinen Namen mit da reingezogen hat", so Barkley.
"Ich habe ihm gesagt, dass es für mich okay ist. Ich wusste über Scottie Bescheid. Die ganze Liga wusste, dass das jemand ist, auf den man nicht zählen kann. Du kannst den Medien und den Fans einiges vormachen, aber nicht den Spielern. Scottie wurde schon lange vor dieser Sache entblößt."
Zu alt für diesen Sch … ?
Vertragen haben sich die beiden auch in der Folge nie so richtig. Gerade im Nachgang von "The Last Dance" nutzte Pippen nahezu jede Gelegenheit, um sich mit Konkurrenten und Weggefährten von damals anzulegen (darunter auch Jordan und Jackson), und dabei bekam auch Barkley wieder sein Fett weg.
Im Jahr 2021 behauptete Pippen gegenüber GQ, Barkley habe immer "auf hart" gemacht, er kenne aber niemanden, den dieser tatsächlich verhauen habe. Die Entschuldigung habe es nie gegeben, die Konfrontation mit der Waffe auch nicht („Ich wünschte, er hätte das wirklich getan“, so Pippen).
Barkley konterte erneut: "Ich bin mit Sicherheit nicht der härteste Typ auf der Welt. Aber ich bin verdammt sicher härter als Scottie Pippen", sagte er der Dan Patrick Show. "Ich habe Scottie immer gemocht, hatte nie einen Streit mit ihm. Aber jetzt greift er mich an, und ich lache nur darüber, weil ich mir denke: 'Alter, wir sind 60 Jahre alt, wir müssen keine Beefs mehr haben!'"
So richtig konnte aber wohl auch der Chuckster diese merkwürdige Fehde zwischen zwei All-Time-Legenden nicht gehen lassen.
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