Aus Tampere/Finnland berichtet Robert Arndt.
Bundestrainer Alex Mumbru mag zwar noch immer nicht an der Seitenlinie stehen, seine Handschrift ist dennoch eindeutig erkennbar. Gebetsmühlenartig wiederholte der Spanier seine Intentionen, etwas schneller zu spielen und seinen Stil mit dem seines Vorgängers Gordon Herbert zu vereinen.
Ein mutiges Unterfangen. Warum schließlich etwas ändern, wenn es funktioniert? If it ain’t broke, don’t fix it! Mumbru tat dies und nahm in Kauf, dass es in der Vorbereitung trotz fünf Siegen aus sechs Spielen bisweilen holprig aussah. "Neuer Trainer, neues Konzept, neues System", bilanzierte Kapitän Dennis Schröder nach der einzigen Niederlage in der Vorbereitung gegen Serbien. "Wir müssen zusammenkommen, aber wir sind so weit in Ordnung. Wir schauen Video, dann werden wir besser."
Und so war es auch. Bei der EM brauchte es noch eine Halbzeit gegen Montenegro, danach kam der deutsche Zug so richtig ins Rollen. Über die vier Spiele erzielt das DBB-Team 105 Punkte im Schnitt, trifft 65 Prozent seiner Zweier und über 47 Prozent der Distanzwürfe. Das ergibt ein Offensiv-Rating von rund 148. Zum Vergleich: An Rang zwei steht die Türkei mit lediglich 130 Punkten pro 100 Ballbesitzen.
DBB-Team: Die Philosophie passt zum Kader
"Wir haben einfach wahnsinnig viel Talent, einen tollen Kader und ein Spielziel, was zu unserem Roster passt", erklärte Maodo Lo gegenüber basketball-world.news. "Es macht einfach Spaß, wir haben hier viele Freiheiten und es ist toll, dass wir diese Siege zusammen teilen können."
Der Schlüssel ist das schnelle Umschalten. Während unter Herbert zwar auch Tempo in den Aktionen war, beginnt der Gegenstoß nun schon mit dem Rebound. Es ist nicht mehr nur der Guard, der den Ball bringt, auch Isaac Bonga oder Franz Wagner haben das grüne Licht, sofort in den Angriffsmodus zu schalten. Auch deswegen verbucht der Magic-Forward über den Sommer über acht Freiwurfversuche pro Partie, eine Verdopplung im Vergleich zum Vorjahr.
Und wenn der Zug zum Korb nicht da ist? Dann steht meist schon Andi Obst in der Ecke für den Dreier bereit. Deutschland hat unzählige Optionen im Angriff, im Halbfeld wie auch in Transition. "Wir wissen, dass wir für alle Gegner sehr schwer zu scouten sind", wiederholte Schröder nach gefühlt jedem Spiel und hat damit vollkommen recht.
DBB-Team: Immer im Rhythmus
Zu der passenden Spielidee kommt dann noch der Umstand, dass sich der Großteil des Teams seit Jahren kennt. Jeder kennt die Bewegungen und Tendenzen des anderen, daraus entsteht ein stimmiges Gesamtbild. "Für den Moment sieht es so aus, dass sie immer besser werden. Man kann kaum Schwachpunkte identifizieren", staunt auch der ehemalige Bundestrainer Henrik Dettmann im Interview mit basketball-world.news.
Dirk Nowitzkis Förderer Holger Gschwindner sprach gerne davon, dass Basketball Jazz sei. Die Spieler reagieren aufeinander, sie hören einander zu und sind alle Teil der großen Idee. Je mehr Wiederholungen es gibt, desto besser wird es - das zeigt dieses deutsche Team.
So war es möglich, innerhalb weniger Wochen die Idee von Mumbru - und das betonen alle Spieler, dass es der Stil des Spaniers ist, obwohl er nicht an der Seitenlinie stehen kann - umgesetzt werden konnte. "Es ist seine Idee", beteuerte Lo und gab an, dass es vor allem deswegen klappt, weil die Mannschaft seit Jahren eingespielt sei.
DBB-Team: Gefahr von allen Positionen
Dazu kommt die individuelle Qualität und Homogenität, was womöglich die größte Stärke ist. Alle Rotationsspieler können dribbeln, werfen und passen. Außer Oscar da Silva und Leon Kratzer hat jeder deutsche Spieler mindestens einen Dreier pro Spiel genommen. Das Team strahlt von allen Positionen Gefahr aus und besitzt auf FIBA-Level in Schröder und Wagner zwei Creator und Scorer der Extraklasse.
Beide sind vielleicht keine NBA-Superstars, in diesem Konstrukt können sie aber glänzen. Und dann ist immer wieder ein anderer zur Stelle. Gegen Montenegro verwandelte Andi Obst fünf Dreier, gegen Schweden war plötzlich Lo heiß, im Litauen-Spiel traf Daniel Theis alle neun Würfe und gegen Großbritannien erzielte plötzlich Tristan da Silva 25 Punkten in ebenso vielen Minuten.
Kein anderes Team hat eine solche Vielfalt in seinem Kader, kann auf so vielen Ebenen scoren. Zumindest macht es nach den ersten vier Spieltagen den Anschein. Zur Wahrheit gehört auch, dass mit Abstrichen Litauen der einzige Prüfstein war, doch wie viele davon gibt es in diesem Turnier wirklich?
DBB-Team: Klappt es auch gegen die anderen Spitzenteams?
Das wird die K.o.-Runde zeigen, auch wenn sich die Basketball-Welt einig zu sein scheint, dass der Titel in diesem Jahr nur über Serbien oder Deutschland gehen wird. "Deutschland ist für mich spätestens seit der Verletzung von Serbiens Bogdan Bogdanovic der Turnier-Favorit", ist sich Dettmann sicher. "Sie spielen tollen, modernen Basketball."
Doch nicht immer gewinnt der schönste oder modernste Basketball. Auch in solchen Turnieren wird in den entscheidenden Spielen oft langsamer gespielt, Top-Teams sind eher dazu in der Lage, die Stärken des Gegners zu minimieren. Ob sich Deutschland mit seiner Spielweise durchsetzen wird? Das wird sich zeigen.
"Wir müssen unser Spielziel durchsetzen", fordert zumindest Lo. "Es ist wichtig, eine Identität und eine Idee zu haben." Ähnlich sah es auch Bundestrainer Alex Mumbru im Interview mit basketball-world.news zu Beginn der Vorbereitung. "Es geht nicht nur ums Gewinnen, sondern darum, wie man gewinnt", stellte der Spanier klar. Wie das Gewinnen letztlich aussehen soll, das haben die ersten vier Spiele mehr als deutlich gezeigt.
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