Erwartungen können in der NBA ein zweischneidiges Schwert sein. Einerseits verdeutlichen sie, dass ein Team dabei ist, erwachsen zu werden, sich von einer jungen, netten Story zu einem ernstzunehmenden Konstrukt mit Ambitionen zu entwickeln. Andererseits gehen sie mit Druck einher - gerade dann, wenn die Resultate nicht von Anfang an da sind.
Die Magic durchlaufen diese Entwicklung gerade; nach dem Trade für Desmond Bane sind sie offiziell im Win-Now-Modus, selbst wenn das Team noch immer jung ist. Nicht wenige Experten trauten ihnen zu, in der dezimierten Eastern Conference eine Top-3-Bilanz aufzulegen. Ein Start mit einem Sieg aus fünf Spielen passte zu dieser Idee jedoch … überhaupt nicht.
Zumal dieser Start eine unter der Oberfläche schon länger keimende Frage lauter als zuvor in den Vordergrund gebracht hat. Die da wäre: Kann Paolo Banchero die erste Option einer guten Offensive sein?
Banchero: Eine Frage der Perspektive
Seit einiger Zeit schon zählt der Nr.1-Pick von 2022 zu den polarisierenden Spielern der Liga. Die eine Seite sieht sein offensichtliches Talent als Scorer und Playmaker, seine elitäre Physis und Athletik, seine Scoring-Outbursts in den Playoffs: In seinen bisher zwölf Postseason-Auftritten hat Banchero 28 Punkte im Schnitt erzielt und keinerlei Angst vor der großen Bühne gezeigt.
Die andere Seite verweist unter anderem darauf, dass Banchero in den letzten drei Jahren zu den ineffizientesten Volume-Scorern der Liga zählte, noch nie auch nur in der Nähe des Ligadurchschnitts rangierte. Dass er keine gute Wurfauswahl an den Tag legte, viel zu oft aus der Mitteldistanz und viel zu selten am Ring abschloss, dass er das Tempo zu oft verschleppte.
Und dass er - das wohl größte Problem - sein Team bis dato nicht besser machte. Drei Jahre in Folge beeinflusste Banchero das Net-Rating seines Teams negativ, noch nie gewann Orlando seine Minuten. Ganz anders als bei seinem Co-Star Franz Wagner übrigens, der vergangene Saison sogar eine der größten positiven On/Off-Differenzen der gesamten NBA aufwies (+14).
Nicht dass Wagner mit seinen wohldokumentierten Wurfproblemen komplett frei von Fragezeichen wäre - die im Hinblick auf Banchero könnten angesichts dieser Diskrepanz indes für wesentlich mehr Alarmsignale sorgen. Zum Saisonstart schien dies nun erstmals tatsächlich der Fall zu sein.
Ein bisschen wie … Josh Smith?
Viermal in Folge verloren die Magic, wirkten weder offensiv noch defensiv so recht auf einer Wellenlänge. Bei Banchero bereitete insbesondere das Spiel gegen Atlanta Sorgen, in dem er - ohnehin eiskalt - kurz vor Schluss einen Notdreier ohne Not nahm und deutlich vergab, der den Magic das Spiel effektiv verlor.
Wenig später ließ sich NBA-Autor und -Experte Kirk Goldsberry im "Zach Lowe Podcast" zu einem interessanten Vergleich mit einem der frustrierendsten Offensivspieler der jüngeren NBA-Geschichte hinreißen: "Ich zögere, das zu sagen, aber manchmal erinnert er mich an Josh Smith. […] Er hat ein Jumpshooting-Problem."
Banchero ist zwar ein anderer Spielertyp und der Vergleich nicht wirklich passend, im Prinzip verdeutlichte die Aussage aber auch nur, dass die Geduld Stück für Stück aufgebraucht wird - zumal die Magic mit Bane und besserem Spacing nun ja eigentlich einen großen Schritt nach vorn machen sollten.
Die Resultate waren zunächst tatsächlich schwach, die alten Probleme sind nach mittlerweile sieben Spielen immer noch da: Bancheros Net-Rating (-2,7) und On/Off-Differenz sind negativ (-3,3), die Offense in seinen Minuten wieder mal schlecht (112,2). Ganz ohne Lichtblicke war der Saisonstart dabei allerdings auch nicht.
Banchero: Nicht alles ist verkehrt
Seine Herangehensweise hat sich signifikant verändert, in gewisser Weise scheint die Kritik doch angekommen zu sein. In jedem Fall hat Banchero noch nie so selten aus der Mitteldistanz und so oft am Ring abgeschlossen, seine 47% dort sind sogar elitär für einen Forward. Er muss zwar besser finishen (67% am Ring sind unterdurchschnittlich), trotzdem ist das gestiegene Volumen ein klarer Schritt in die richtige Richtung, zumal es auch mit einer höheren Anzahl an Freiwürfen einhergeht (9,9 pro Spiel).
Bane hat in Orlando zwar noch nicht richtig Fuß gefasst, insbesondere als Scorer, seine Anwesenheit hilft Banchero aber dennoch zweifelsohne. Gerade dann, wenn dieser für Bane screent und dann abrollt, kommt er immer wieder zu soliden Abschlüssen und kann seine körperlichen Vorteile im Eins-gegen-Eins ausspielen.
In den ersten drei Saisonspielen schoss Banchero dennoch massig Fahrkarten, was den Gesamteindruck ein wenig trübte. Die letzten vier Spiele waren dann aber deutlich besser, 26 Punkte bei 55,7% aus dem Feld, 35,3% von der Dreierlinie und 73,2% vom Charity Stripe entsprachen viel eher dem, was die Magic von ihrem bisher einzigen All-Star brauchen.
Will Banchero schnell spielen?
Wie haltbar diese Zahlen sind, wird sich indes zeigen müssen, zumal eine gewisse Frustration bestehen bleibt (und Siege über Charlotte und Washington definitiv noch nicht "reichen"). Für einen Leader zeigt Banchero nicht immer die beste Körpersprache, vielmehr ist ihm der Frust über Fehler seiner Teamkollegen recht oft anzusehen.
Auch die neue Ausrichtung des Teams - nach Jahren mit der langsamsten Pace sind die Magic neuerdings eines der schnelleren Teams der Liga - sieht Banchero offenbar etwas kritischer, als es sich Head Coach Jamahl Mosley wohl vorgestellt hat. "Ich denke, wir müssen klüger damit sein, wie schnell wir spielen", sagte Banchero nach einer Niederlage gegen Philly, als die Sixers den eigentlich so defensivstarken Magic 136 Punkte eingeschenkt hatten.
"Wenn wir einfach nur schnell spielen, ohne Plan, ist das nicht so gut. Die Ausrichtung ist wichtiger als die Geschwindigkeit. Wir können schon schnell spielen, aber wenn es keine Ausrichtung gibt, wird uns das Probleme bereiten."
Dazu sei gesagt, dass der Pfeil zuletzt nach oben zeigte, die Magic mehr in der Lage dazu wirkten, schnell zu spielen und ihre defensive Identität trotzdem nicht zu vergessen. Banchero beteiligte sich daran, mit verbesserter Defense, guter Rebound-Arbeit und zum Teil schönen Outlet-Pässen direkt danach. Ganz klar: Hier ist noch nichts verloren.
Eine Chance, "Geschichte" zu schreiben
Eigentlich soll die neue Pace ja durchaus auch Banchero entgegenkommen. Dass Wagner in Transition dominieren kann, ist vom DBB-Sommer bestens bekannt, aber auch sein Nebenmann kann immens davon profitieren, nicht immer gegen sortierte Defensiven schwere Würfe erzwingen zu müssen, stattdessen leichtere Abschlüsse für sich und andere zu kreieren.
Simpel gesagt ist genau das seit Jahren die größte Baustelle der Magic, die seit mehr als einer Dekade darauf warten, eine Top-20-Offense (!) zu stellen. Dieses Problem hat nicht bei Banchero angefangen, es ist auch jetzt nicht allein ihm zuzuschreiben. Es könnte jedoch, wiederum simpel gesagt, bei ihm enden, solange er die größte Usage an der Offense innehat.
Oder es müsste. Orlando ist zu tief, zu teuer und zu ambitioniert, um auf der Stelle zu treten. Das Ökosystem ist besser, die Ausrichtung eigentlich auch. Den nächsten Schritt jedoch macht dieses Team nur, wenn Banchero mit- und vorangeht. Andernfalls wird die Debatte um ihn mit Sicherheit nicht leiser werden.