Vor knapp über drei Jahren begann in Deutschland eine neue Ära des Basketballs. Der damals neue Bundestrainer Gordon Herbert sollte das DBB-Team zurück an die Weltspitze führen und Medaillen in einer Taktung erringen, auf die man zuvor über Jahrzehnte hatte warten müssen.
Aber noch etwas war 2022 passiert. Dennis Schröder, seiner Zeit bereits seit vielen Jahren inoffizieller Anführer der deutschen Nationalmannschaft übernahm nun auch ganz offiziell das Kapitänsamt des DBB-Teams. Ebenfalls eine Entscheidung, zudem eine völlig überflüssige, vom späteren Weltmeistertrainer Herbert.
Nicht nur für den deutschen Basketball, auch für Dennis Schröder markierte dieser Moment einen Bruch mit der Vergangenheit. In der Tat war der Point Guard bereits seit vielen Jahren Deutschlands bester Spieler. Von der Position des Anführers oder gar Kapitäns war er zeitweise jedoch weit entfernt.
"Von Leadership so weit entfernt, wie die Erde vom Mars"
Zu exzentrisch, zu polarisierend, so der jahrelange Vorwurf. Sein überbordendes Selbstbewusstsein war nun mal immer schon sein Markenzeichen. Mit der traditionell deutschen Zurückhaltung fremdelte er dagegen. Nach seinem Eintritt in die NBA belohnte sich Schröder mit einem Luxusauto im vergoldeten Stil. Mehr Protz geht kaum. Der Unterschied: In den USA wurde Schröder dafür gefeiert, in Deutschland bekam er aus der Presse teils heftigen Gegenwind für die Aktion.
Aber auch innerhalb der deutschen Nationalmannschaft sorgte Schröder mehrfach für Unruhe. Nach der EM-Niederlage gegen Italien im Jahr 2015 nannte er eine taktische Entscheidung vom damaligen Bundestrainer Chris Fleming öffentlich "nicht smart". Seine vermeintlich egoistische Spielweise begründete er dann damit, dass er eben auch der beste Spieler sei: "Ich habe die meisten Assists gegeben, auch gut gepunktet und Rebounds geholt. Auch in der Verteidigung habe ich gegen die besten Spieler der Gegner gespielt", so der damals 22-Jährige.
Die Öffentlichkeit sparte daraufhin nicht mit der Kritik an Schröder. "'Ich hab' viele Punkte gemacht, dann hab' ich dies gemacht, dann hab' ich das gemacht'", äffte Bayerns Geschäftsführer und Ex-Nationalspieler Marko Pesic den jungen Guard damals nach. "Wenn Schröder in Zukunft Anführer der Nationalmannschaft sein möchte, wird das so nicht funktionieren: ich, ich, ich! Dann werden sich sehr bald Teamkollegen von ihm abwenden." Reporter-Legende Frank Buschmann war damals der Meinung, Schröder sei von einer Leadership-Rolle so weit entfernt, "wie die Erde vom Mars".
Familiäre Verbundenheit als Schlüssel
Wer den Basketball hierzulande erst seit wenigen Jahren verfolgt, für den dürften sich Vorfälle wie diese, wie Relikte längst vergangener Zeiten anhören. Und das sind sie auch. Anders als es Pesic damals prophezeite, gelang Schröder die Kehrtwende.
Im Verlaufe seiner sportlichen Karriere lernte er durchaus, Verantwortung zu übernehmen. 2018 stieg er als Investor bei seinem Heimatverein, den Basketball Löwen Braunschweig ein. Da war er gerade einmal 24. Im folgenden Jahr wurde er erstmals Vater und heiratete Frau Ellen, mit der er noch heute ein scheinbar allgegenwärtiges Duo bildet.
Diese familiäre Verbundenheit, die Schröder so wertschätzt, transportierte er daraufhin auch mit auf nationale Ebene. Mitspieler wie Daniel Theis, Johannes Voigtmann oder Niels Giffey kennt der Braunschweiger teils noch aus seinen Tagen in den Jugendnationalmannschaften. Zusammen bildeten sie den Kern des Erfolgs der letzten Jahre, mit Schröder als Kopf der Mannschaft.
Schröder heute: Anführer und Vorbild
Dafür verantwortlich war freilich auch seine permanente Weiterentwicklung, sowohl sportlicher als auch charakterlicher Natur. "Ich erlebe ihn als sehr positiven Menschen", sagte Justus Hollatz einmal. "Er ist immer für uns da, er macht das als Anführer supergut."
Franz Wagner beschrieb Schröders Führungsstil als einen praktischen: "Er gibt als Leader einem nicht die Chance, nicht mitzuziehen, weil er einfach so hart arbeitet und vorangeht. Er verbessert sich jedes Jahr und das ist als Mitspieler sehr beeindruckend zu sehen." Für das 24-jährige deutsche Toptalent ist Schröder auch ein direktes Vorbild: "Ich wäre gern der Anführer, der Schröder gerade ist."
Sportlich ist der Mann mit gambischen Wurzeln aus dem DBB-Team auch heute noch nicht wegzudenken. Zwar muss er nicht mehr so viele Lasten schultern wie zu Beginn seiner Nationalmannschaftskarriere, da mit Wagner, Obst, Bonga und Co. weitere Eckpfeiler des deutschen Erfolgs hinzugekommen sind. In den entscheidenden Momenten übernimmt Schröder auch weiterhin die Verantwortung.
Nach Rassismus-Eklat: Schröder gibt sportliche Antwort
20,2 Punkte und 5,7 Vorlagen sind es für den 31-Jährigen bisher beim laufenden EM-Turnier. Sein wohl bestes Spiel machte Schröder ausgerechnet gegen Litauen, wo er zur Halbzeitpause offen rassistisch attackiert wurde. Seine Reaktion: Ein persönlicher Turnierbestwert von 26 Punkten, sechs Vorlagen, vier Steals - und null Ballverlusten.
"Er ist mental unglaublich stark, dass er sich in so einem wichtigen Spiel davon nicht hat rausbringen lassen", meinte Teamkollege Daniel Theis im Nachlauf. "Er hat die Antwort auf dem Platz gegeben."
Das soll auch heute wieder gelingen. Im Viertelfinale gegen Slowenien rund um Superstar Luka Doncic will Deutschland zum zweiten Mal nacheinander ins Halbfinale der Europameisterschaft. Dabei wird es auch auf den gereiften Schröder ankommen - den Anführer und Taktgeber.
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