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Wie hält Großbritannien seinen Basketball klein?

kicker

Chris Finch konnte Terrell Myers gar nicht schnell genug um den Hals fallen. Gerade hatte er gesehen, wie der spätere MVP sein finales Play vollendete. 85:85 hatte es gestanden, als Myers quer über das Feld sprintete. Er bekam den Einwurf, baute rechts am Perimeter einen kleinen Shotfake ein. Ein Dribbling nach Links. Myers stieg hoch. Die Sirene ertönte, der Ball glitt durch den Ring.

Nick Nurse war bedient. Arme verschränkt blickte er leer zu Boden, kratzte sich immer wieder am Ohr. Nach 36 Spielen hatte ein einziger Wurf im Entscheidungsspiel seinen Manchester Giants den Ligatitel geraubt, während Finchs Sheffield Sharks feierten. Träfen die beiden Coaches heute aufeinander, brächten sie einige der besten Spieler des Planeten mit. Anthony Edwards wäre dabei, Tyrese Maxey ebenfalls. Eventuell auch Joel Embiid.

So oder so gingen Finch und Nurse den Weg, den auch die British Basketball League (BBL) zu gehen schien. Sie entwickelten sich immer weiter, wurden besser, um irgendwann in der absoluten Elite anzukommen. So paradox es klingt: In einem Land, das seit 2013 kein einziges Spiel bei einer EuroBasket gewann, schien 1999 eine Liga zu entstehen, die bald zu den interessantesten Europas zählen könnte. Ein Land, das den eigenen Basketball über die vergangenen Jahre zu behandeln scheint wie John Stockton die Idee, lange Shorts zu tragen, schien sich in den Sport zu verlieben. Basketball hatte Aufmerksamkeit.

Für das Entscheidungsspiel um den Ligatitel für das beste Team der Regulären Saison strömten 11.000 Leute in die Halle. Begleitet wurde die Spielzeit von namhaften Sponsoren. Das Fernsehen sah Chancen. Im Jahr darauf schloss die BBL mit ntl einen 10-Jahresvertrag über 22 Millionen Pfund ab. Es hätte ein Plateau, eine Zwischenstation auf dem Weg nach ganz oben sein sollen. Stattdessen befand sich die BBL zur Jahrtausendwende bereits auf dem Gipfel.

Britisch Basketball League: Auf die Pleite folgt der Streit

Nur zwei Jahre nach dem Vertragsschluss ging ntl Pleite. Itv Digital übernahm, rutschte jedoch ebenfalls in die Zahlungsunfähigkeit. Die BBL stand nicht nur ohne Geld da, auch die Plattform fehlte. Die Aufmerksamkeit schwand, die Liga taumelte zurück in den Schatten, bis sie 2024 selbst den Spielbetrieb einstellen musste, nachdem Großanteilseigner 777 abgewickelt wurde.

Neun Teams schlossen sich daraufhin zur Super League Basketball (SBL) zusammen. Übergangsweise. Parallel suchte die British Basketball Federation (BBF) nach einem neuen Lizenznehmer, der den Spielbetrieb einer neuen Liga sichern könnte. Am Ende entschieden sich die Verantwortlichen für ein Konsortium rund um den ehemaligen President der Portland Trail Blazers, Marshall Glickman. Zum Ärger der SBL. Die Klubs stellen die Rechtmäßigkeit des Ausschreibungsverfahren in Frage. Sie drohen mit Klage - und Abspaltung.

Tatsächlich pausierte die BBF die dreijährige Lizenz, die sie der SBL eigentlich gewährt hatte. Bei aller Hoffnung auf eine Einigung, bleibt der Ton unversöhnlich. Laut Guardian besteht daher durchaus die Möglichkeit, dass die neue GBBL ohne die arrivierten Teams beginnt. "Wir haben mehrmals versucht, Kontakt zu den SBL-Teams aufzunehmen", sagt Sir Keith Mills, der eine entscheidende Rolle bei Londons Bewerbung für Olympia 2012 spielte und Glickman bei der Gründung der neuen Liga unterstützen soll, dem Guardian. "Sie wollten das bislang nicht. Wir würden uns wirklich gern annähern, aber ich weiß nicht, ob und wann das passiert. Es gibt schriftliche Antworten, die im Grunde besagen: 'Wir haben kein Interesse, mit euch zu sprechen.'"

Die Klubs scheinen sich übergangen zu fühlen. Dabei hätten sie gewusst, dass die Liga die langfristige Lizenz ausschreiben würde, hätten sich auch selbst bewerben können. "Wir waren ziemlich überrascht, als sie das nicht taten", sagt Mills. Hilfreich ist der Streit für den britischen Basketball natürlich nicht. Gleichzeitig bringt Glickman durchaus vielversprechende Ideen mit.

Er möchte den Hang der Briten zum Beisammensein nutzen und den Sport in die Öffentlichkeit tragen. Hoffnung besteht, dass die BBC Interesse an der Übertragung mindestens eines Spiels pro Woche zeigt. "Wir wollen eine gewisse Anzahl an Spielen im frei empfangbaren Fernsehen", sagt Glickman dem Guardian. "Wir glauben, das ist sehr wichtig, um den Sport so vielen Menschen wie möglich zugänglich zu machen."

Basketball in Großbritannien: der Nummer zwei fehlt die Infrastruktur

Im Grunde möchte Glickman nutzen, was da ist. Denn abseits der Probleme der heimischen Liga wächst das Basketballinteresse auf der Insel in den vergangenen Jahren beständig. Um NBA-Spiele zu sehen, schließt das Vereinigte Königreich weltweit die neuntmeisten League-Pass-Abos ab. Europaweit steht es an erster Stelle. Eine interne Studie der NBA schreibt UK Europas größte Online-Fan-Community zu.

Eine Untersuchung von Active Lives unterstreicht den Trend. Gemäß der Studie ist Basketball unter den 18- bis 34-Jährigen nach Fußball der zweitpopulärste Sport. 14 Prozent spielen einmal die Woche. Eine Million Briten geben an, regelmäßig Bälle auf Körbe zu werfen. Dabei war es jahrelang gar nicht so einfach, überhaupt einen Ort zum Spielen zu finden.

2019 musste Joshua Pattison-Neill seine Tasche nach der Universität in Nordwest-London noch quer durch die Stadt hieven, um im südlich der Themse gelegenen Lambeth eine Halle zu finden. Das erzählte er damals der Washington Post. Die Infrastruktur. Jahrelang war sie ein großes Problem.

"Es gibt viel Talent. Viele Athleten", sagte Nurse 2019 der Washington Post. "Es wirkt, als sei Basketball der perfekte Sport, um hier zu übernehmen, aber die Infrastruktur war nie wirklich da. Es gibt schlicht nicht genügend Orte zum Spielen. Es gibt nicht genügend Infrastruktur beim Coaching, durch das Schulsystem."

Wann gibt der Fußball die Talente frei?

Als großes Argument für die Wachstumsschwierigkeiten von Basketball in Großbritannien muss der Fußball herhalten. Er ließe schlicht zu wenig Raum, heißt es dann. Dazu kämen Rugby und Cricket. Das erklärt jedoch nicht, weshalb die FIBA-Weltrangliste Großbritannien an 48. Stelle führt, Deutschland, Frankreich und Spanien an drei, vier und fünf. Einen Mangel an Fußballbegeisterung lassen sich die drei nur ungern vorwerfen. Und auch dort gibt es andere populäre Sportarten wie Handball oder Rugby (Frankreich). Gleiches gilt für Argentinien (8.) oder Australien (7.).

Ein Problem verursachte der Fußball jahrelang jedoch tatsächlich. "Bis du jung, athletisch und talentiert, zieht es dich womöglich zum Fußball", erzählte der britische Basketballjournalist Mark Woods ESPN 2019. Nur entließen Fußball-Akademien nur ungern Spieler aus dem System, die es nicht schaffen werden. Es könne dauern, bis sie 17 oder 18 sind. "Bis dahin ist es zu spät. In diesem Alter kannst du nicht mehr einfach zu etwas wie Basketball wechseln."

Der Prozess liefert einen Erklärungsansatz, weshalb Luol Deng, bei all seiner Klasse und Verdiensten, bis heute Großbritanniens bester Basketballer ist. In der NBA aktiv sind derzeit OG Anunoby, Tosan Evbuomwan und Amari Williams. Wobei die beiden letzteren über Kurzzeitverträge versuchen, Fuß zu fassen. Dabei ist bei der EuroBasket keiner. Ohnehin ist der Fußball nur ein Faktor für die stotternde Entwicklung. Denn am Ende ist Aufmerksamkeit nicht gleich Aufmerksamkeit.

Basketball in Großbritannien: unrealistische Vorgaben, geringe Förderung

Zwar vereinnahmen sie das Interesse am Basketball nicht exklusiv, doch fühlen sich laut der Active-Live-Studie vor allem Minderheiten zum Sport hingezogen. Die, die entscheiden, blieben über die Jahre häufig bei Altbekanntem. Viele von ihnen besuchten Privatschulen, kamen dort hauptsächlich mit Fußball, Cricket und Rugby in Berührung. Basketball fand und findet in Großbritannien vor allem in den größeren Innenstädten, deren Belange häufig hinten anstehen.

"Auf politischer Ebene kämpft einfach niemand für Basketball", sagte Kevin Routledge, Chairman der Leicester Riders und zwischen 1998 und 2002 Chef der BBL 1999 ESPN. Und tatsächlich fehlt es schlicht an der Förderung.

Für die Olympischen Spiele 2012 erhielt Basketball Fördergelder von acht Millionen Pfund. Zum Vergleich: Dem Rudern sprach UK Sport 27 Millionen zu. Segeln erhielt 23, das Reiten 13 Millionen. Sicherlich spielen diverse Faktoren mit hinein. Ein entscheidender: Prestige. Medaillenchancen hellen auch die Aussicht auf zusätzliche Gelder auf. Soweit, so fast verständlich. Gleichzeitig fällt es so schwer, nachhaltig etwas aufzubauen. Zumal UK Sport seine Förderung für den Basketball mit einer kaum umzusetzenden Forderung versah.

"Wir fanden es kompliziert, als wir damals zu Olympia gingen", verriet Pops Mensah-Bonsu, der in der NBA für die Mavericks, Spurs, Raptors und Rockets spielte, der Washington Post. "Sie sagten uns, dass wir eine Medaille gewinnen müssten, und natürlich, hätten wir eine gewonnen, wäre es eine weitere gewesen, und sie hätten gut ausgesehen. Wenn nicht: 'Ok, ihr habt den Standard nicht erfüllt, dann entziehen wir euch die Förderung.'"

Trotz einer herausragenden Leistung gegen den späteren Silber-Gewinner Spanien - Großbritannien unterlag mit nur zwei Punkten - holte das Team wenig überraschend keine Medaille. Und tatsächlich kürzte der Verband die Förderung über die kommenden Jahre drastisch. Die EuroBasket 2015 und Olympia 2016 fanden ohne Großbritannien statt. Ohne Geld kam kein Erfolg, ohne Erfolg kein Geld. 2023 erhielt die BBF weniger als 500.000 Pfund von UK Sport.

Gibt es Fortschritte?

Gleichzeitig wächst die Hoffnung auch in Großbritannien schüchtern. OG Anunoby investiert beispielsweise in die London Towers. Zudem gewährt UK Sport der BBF für Los Angeles 2028 2,925 Millionen Pfund an Förderungen, während Sport England über vier Jahre 2,4 Millionen Pfund in Talente und Trainerausbildungen investiert. Dazu kommen die Europa-Pläne der NBA, für die London und Manchester eine zentrale Rolle einnehmen.

Auch das Angebot an Spielstätten wächst sanft. Zudem werden bestehende Plätze teils aufwändig aufgewertet. Dass das Nationalteam bei der EuroBasket einen Schub gibt, erscheint jedoch unwahrscheinlich. Vieles deutet auf ein Vorrunden-Aus hin. Zudem reisten weder Journalisten mit dem Team zur EuroBasket, noch werden die Spiele zuhause übertragen. Der Weg zurück in Aufmerksamkeitssphären der späten 1990er bleibt weit.

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