Aus verschiedenen Gründen zählen die Thunder und Steve Ballmer im Sommer 2025 zu den maßgeblichen Figuren der NBA. Die Franchise, weil sie der amtierende Meister ist, erstmals in ihrer Existenz das letzte Spiel der Saison gewinnen konnte. Der Besitzer der Clippers, weil er bei Vertragsverhandlungen mit seinem Star Kawhi Leonard womöglich Grenzen übertreten hat.
Aufgrund eines Trades in der 2019er Offseason sind OKC und Ballmer direkt miteinander verbunden - allerdings führt dieses Band noch deutlich weiter zurück. Tatsächlich gibt es eine alternative Realität, in der die Thunder-Franchise Ballmer gehört - aber nicht Thunder heißt. Und auch nicht in Oklahoma City angesiedelt ist.
Vor mittlerweile 17 Jahren repräsentierte Ballmer eine der letzten Chancen der Seattle SuperSonics, sie selbst zu bleiben. Dummerweise entschied sich der aus Seattle stammende Milliardär erst einige Jahre später dazu, eine Sportfranchise besitzen zu müssen. Ein NBA-Team gab es in Seattle da bereits nicht mehr …
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Die Art und Weise, wie Seattle sein Team verlor, ist auch fast zwei Dekaden später noch immer schwer fassbar. Ein perfekter Sturm aus Naivität, mutwilligem Wegsehen und nicht allzu subtiler Täuschung, der eine leidenschaftliche Fan-Basis nach immerhin 41 Jahren, einem Titel und einem legendären Team in den 90er Jahren zu Sport-Waisen machte.
Und der nicht bloß einen "Bösewicht" hatte, sondern je nach Perspektive mehrere. Clay Bennett, der die Franchise kaufte und nie den Plan hegte, sie in Seattle zu behalten. NBA-Commissioner David Stern, der das Ganze durchwinkte. Und nicht zuletzt Howard Schultz, den scheidenden Besitzer, der Franchise-Legende Gary Payton zufolge einen sehr großen Anteil daran hatte, wie der "Diebstahl" überhaupt möglich wurde.
"Er hat unsere ganze Franchise durcheinandergebracht. Leute wandten sich von Seattle ab, als er das Team besaß", sagte Payton Jahre später zu NBC Sports. "Darum musste er das Team wieder verkaufen, weil er in finanziellen Schwierigkeiten war. Er hat eine Menge dumme Sachen in seiner Zeit gemacht."
Opfer der Rezession
Dabei hatte Schultz‘ Amtszeit 2001 mit großem Optimismus begonnen. Der CEO von Starbucks hatte die Franchise von Barry Ackerley gekauft, der in den 90ern bereits dafür plädiert hatte, eine Renovierung der Key Arena anzustreben, die mittlerweile zur kleinsten Halle der NBA geworden war. Schultz‘ Gruppe wollte diesen Plan nun wieder aufnehmen.
Nur zwei Monate nach der Übernahme allerdings platzte in den USA die "dot-com"-Blase, eine Rezession setzte ein. Für Schultz sank dadurch nicht nur die Hoffnung, vom Staate Washington eine neue Arena bezahlt zu bekommen - die Sonics verloren auch Geld, obwohl sie als Team noch einigermaßen solide unterwegs waren und 2005 immerhin 52 Spiele gewannen.
Schon ein Jahr später entschied sich Schultz dazu, seine Assets weiterzuverkaufen. Zuerst waren die Seattle Storm dran, sein WNBA-Team, wenig später folgten die Sonics. Nachdem er damit gescheitert war, einen lokalen Abnehmer für das Team zu finden, verkaufte er die Sonics stattdessen für 350 Mio. Dollar an eine Gruppe um Clay Bennett, einen Geschäftsmann aus Oklahoma City, der zuvor Anteilseigner der San Antonio Spurs gewesen war.
Der falsche Plan
Im Rahmen des Verkaufs hatte Bennett versichert, das Team in Seattle behalten zu wollen, sollte es öffentliche Gelder für den Bau einer neuen Halle geben. Der Plan, den die neuen Besitzer der Stadt vorlegten, wurde jedoch abgeschmettert, was einkalkuliert war. Offensichtlich stellten Bennett und Co. darin sehr unrealistische Forderungen an die Stadt.
Ihr eigentlicher Plan sah ohnehin etwas Anderes vor: Einen Umzug nach Oklahoma City. Im November 2007 gab Bennett dies gegenüber der NBA bekannt - wenige Monate übrigens, nachdem die Franchise einen talentierten Frischling namens Kevin Durant an Position 2 im Draft gezogen hatte.
Beschlossen hatten sie den Plan schon von Anfang an, wie veröffentlichte E-Mails aus der Besitzergruppe aufzeigten. "Gibt es einen Weg, für nächste Saison nach OKC zu ziehen, oder sind wir dazu verdammt, eine weitere Lame-Duck-Saison in Seattle zu haben?", hieß es in einer. "Wir haben das Team nicht gekauft, um es in Seattle zu behalten", in einer anderen.
Verklagt wegen Naivität
Dass diese Nachrichten das Tageslicht erblickten, lag an nun folgenden Rechtsstreiten. Die Stadt klagte gegen Bennetts Gruppe, da die Sonics eigentlich bis 2010 an die Key Arena gebunden waren; diese Klage wurde außergerichtlich beigelegt, die Besitzer mussten 45 Mio. Dollar an die Stadt zahlen (sowie noch einmal 30 in dem Fall, dass Seattle fünf Jahre später noch immer kein neues Team haben würde, der eintrat).
Schultz hingegen scheiterte mit seiner Klage, in der er Bennett & Co. Betrug vorwarf und versuchte, wieder die Kontrolle über das Team zu erlangen. Man habe sich darauf verlassen, dass Bennett das Team tatsächlich in Seattle behalten wolle, hieß es in der Anklageschrift. Die NBA - die dem Umzug bereits zugestimmt hatte - wies jedoch nach, dass Schultz einen Vertrag unterschrieben hatte, der ihm untersagte, Bennett zu verklagen.
In der Zwischenzeit wurde in und um Seattle alles Mögliche versucht, um das Unheil doch noch abzuwenden. Als die 07/08er Saison endete (in der die Sonics 20 Spiele gewannen), wusste noch keiner, wie das Ganze ausgehen würde. In der Hoffnung, dass die Sonics wenigstens bis 2010 bleiben müssten, wurde erneut auch die Suche nach einem lokalen Käufer aufgenommen.
"Wir konnten die Leute aus Oklahoma City nicht dazu zwingen, das Team zu verkaufen, aber wir dachten, wir suchen eine Alternative, falls sie es doch tun wollten", erklärte Sonics-Executive Wally Walker später dem Podcast "Sonic Boom".
Der letzte Strohhalm
Tatsächlich fanden Walker und Slade Gorton, ein Senator, einen interessierten lokalen Kandidaten. "Steve Ballmer war damals der CEO von Microsoft und ein riesiger Sportfan", sagte Gorton. Letzten Endes habe dieser jedoch entschieden, eines Tages zwar ein Team besitzen zu wollen, nun aber noch nicht an diesem Punkt angekommen zu sein.
"Er wollte nicht zwei Dinge gleichzeitig tun", sagte Gorton. "Wenn wir zwei Jahre später dran gewesen wären und er gewusst hätte, dass er Microsoft bald verlässt, dann glaube ich, dass er es getan hätte. Dann hätte er die Sonics gekauft und würde nicht heute die Clippers besitzen. Das war schlechtes Timing, sehr kostspielig für uns."
Ballmer sagte damals dennoch zu, 150 Millionen Dollar seines eigenen Vermögens in den Bau einer neuen Halle zu stecken, de facto als Spende. Das Angebot reichte jedoch nicht und kam zu spät, der Umzug war nicht mehr aufzuhalten. Ab 2008 legten die Thunder in Oklahoma City los, die seither zu den erfolgreicheren NBA-Franchises zählen, nicht zuletzt dank Team-Architekt Sam Presti, der genau wie Durant schon im letzten Seattle-Jahr Teil der Organisation war.
Alles ist bereit
Seattle wartet derweil noch immer auf die Rückkehr seiner Sonics. Die Trikots sind in der Stadt weiter allgegenwärtig, die Fan-Bindung besteht weiterhin - und auch die Halle ist mittlerweile kein Thema mehr, seitdem die einstige KeyArena 2021 für 1,15 Milliarden Dollar aufwändig renoviert wurde (heute heißt sie Climate Pledge Arena).
2013 stand einmal eine "Rückkehr" im Raum; damals wollte eine Gruppe um (unter anderem) Ballmer die Sacramento Kings kaufen und nach Seattle umsiedeln. Nachdem dieses Unterfangen platzte, fällt der Name Seattle immer dann als erstes, wenn irgendjemand über eine mögliche Expansion der NBA spricht. Was kein Wunder ist, wie Payton erklärte.
"Uns wurde das Team gestohlen. Und, wenn man auf die 90er blickt, seht, was wir getan haben. Wir waren eine der Vorzeigefranchises der NBA. Warum würde man dieses Team nicht zurückhaben wollen?"
Eine berechtigte Frage. Im Juli 2025 erklärte NBA-Commissioner Adam Silver immerhin, dass die Liga eine tiefgehende Analyse von Chancen und Risiken einer Expansion in Auftrag gegeben habe. Wann diese realistischerweise erfolgen könnte, ist zumindest nach außen hin aber noch nicht bekannt.
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