Fehlercode: %{errorCode}

Wie Shai Gilgeous-Alexander die volle Kontrolle zurückgewann

kicker

Ein paar Kniffe genügten

Wahrscheinlich hat Shai Gilgeous-Alexander die Finals bereits durchgespielt. Nicht, weil ihm und den Thunder der Titel nicht mehr zu nehmen wäre. Shais Mutter brachte ihm einst bei, Momente zu leben, bevor er sie wirklich erlebte, um sie irgendwann tatsächlich Realität werden zu lassen. Daher besuchten Charmaine Gilgeous, Shai und sein Bruder Thomasi samstags regelmäßig ein Luxuskaufhaus in Toronto. Nicht um einzukaufen. Die Jungs sollten eine bessere Zukunft sehen, um zu erfahren, was möglich war, wenn sie hart dafür arbeiteten.

Derzeit durchlebt SGA seine erste MVP-Saison, seine ersten Finals, dazu Historisches. 3000 Punkte, dazu 600 Assists legten über eine gesamte Spielzeit bislang nur Michael Jordan, Luka Doncic und James Harden auf. 72 Zähler während seiner ersten beiden Finals-Partien gelangen genau niemandem. Neun Playoff-Heimspiele in Folge mit mindestens 30 Punkten brannte zuvor nur Wilt Chamberlain aufs Parkett - und einen Postseason-Run mit mindestens 30 Punkten, 6 Assists, 5 Rebounds und 1,8 Steals - Shai steht in 18 Playoff-Spielen bei 30,8 Punkten, 6,8 Assists, 5,6 Rebounds und 1,8 Steals - fabrizierten in der gesamten Ligahistorie einzig Michael Jordan und LeBron James.

Kurz: Shai befindet sich in höchst elitärer Gesellschaft. Auch, weil er vorbereitet war auf seine erste Postseason, die OKC als Favorit begann, um am Ende erstmals die Meisterschaft zu gewinnen. Um dann doch dezente Anpassungen vornehmen zu müssen. Zwar beendete SGA Spiel 1 der Finals mit 38 Punkten. Für die nahm er jedoch 30 Würfe. Untypisch für einen, der über die Postseason zuvor durchschnittlich gut 20 Mal abgedrückt hatte.

Die Strategie der Pacers gegen Shai in Spiel 1 der Finals

Andrew Nembhard bearbeitete den MVP so gut, dass Indiana kaum Double Teams schicken musste (und wollte). So fand SGA Momente, selbst zu scoren, brachte die Defense der Pacers insgesamt aber selten so sehr in Bewegung, dass auch Gelegenheiten für seine Mitspieler entstanden. Dass weder Chet Holmgren noch Jalen Williams einen Rhythmus fanden, lag nicht an Shai. Vielmehr entdeckten die Pacers in Spiel 1 ein Mittel, OKCs Offense eine gewissen Dynamik zu nehmen.

Sie machten Shai noch mehr zum Scorer, ließen ihn gleichzeitig arbeiten und entrissen den Thunder so den Fluss. Individuell entwickelte SGA eine gewissen Dominanz, gleichzeitig wirkten er und das gesamte Team, als entfalteten sie sich nicht vollständig.

In Normalfall gewinnen die Thunder das Spiel dennoch. Nur kam 0,7 Sekunden vor Schluss diesmal Tyrese Haliburton, sorgte für den einzigen Führungswechsel der gesamten Partie und drehte damit alles auf den Kopf.

Niederlagen verursachen gern einen gedanklichen Tsunami, der Positives wegwäscht. Dabei war längst nicht alles schlecht. Schlüsse mussten Shai und die Thunder dennoch ziehen - und das taten sie auch. Wenngleich der MVP keine grundsätzliche Kehrtwende sah.

Shai über Veränderungen in Spiel 2: Nicht versucht, "das Rad neu zu erfinden"

"Ich bin einfach ich selbst", sagte Shai nach Spiel 2. "Ich glaube nicht, dass ich versucht habe, das Rad neu zu erfinden oder mit einem anderen Mindset alles zu verändern. Ich versuche einfach, auf die richtige Art zu attackieren. Das ist mir bis jetzt, glaube ich, gut gelungen. Natürlich würde ich all die Punkte gern gegen zwei Siege eintauschen. Aber nun stehen wir nun mal hier. In die Vergangenheit kannst du nicht zurückgehen. Du kannst nur die Zukunft besser machen. Darauf konzentriere ich mich."

Der Blick nach vorne. Er begleitet Shai sein gesamtes Leben. Wahrscheinlich half er auch, in Spiel 2 Dinge anzupassen, ohne das Rad gleich einer Generalüberholung zu unterziehen. Als Team schickte OKC deutlich häufiger Blocksteller in Richtung SGA. Wollten die Pacers nicht von sich aus doppeln, involvierten die Thunder so regelmäßig einen zweiten Verteidiger. Defense und Offense kamen gewissermaßen synchron in Bewegung.

Auch, weil Shai den harten Block nicht zwingend benötigte, um ihn zu nutzen. Das gefühlt Spontane zeichnet sein Spiel aus. Eben wirkt es noch, als entspanne er ein wenig, explodiert er im nächsten Moment bereits Richtung Ring. So war es auch, wenn beispielsweise Isaiah Hartenstein für den Block nach oben kam. Shai ließ die Defense glauben, auf den Screen zu warten, sprintete dann aber immer wieder los, bevor der Blocksteller final angekommen war. Die Defense war überrascht, Möglichkeiten taten sich auf. Möglichkeiten, die Shai und die Thunder genüsslich nutzten.

SGA in Spiel 2: Mehr Playmaking, maximale Kontrolle

Tatsächlich ließ sich ein gewisser Fokus auf das Playmaking erahnen. Brachte SGA die Defense in Rotation, suchte er beim Zug zum Korb gern den Pass auf offene Schützen an der Dreierlinie. Insgesamt wurde er den Ball schneller los, brachte alles so noch ein Stück pointierter in Bewegung. Dabei fand Shai eine exzellente Balance aus eigenem Attackieren und Tischdecken für seine Mitspieler.

Sinnbildlich dafür stand auch seine Reaktion auf zwischenzeitliches Doppeln, ein Stilmittel, das die Pacers in Spiel 2 regelmäßiger auspackten. Gefühlt wusste Shai immer genau, wann er passen, wann er sich selbst des Double Teams entledigen musste. Es wirkte, als träfe er permanent die richtige Entscheidung und führe Indianas Defense dabei regelmäßig in die Irre.

Im dritten Viertel schickte SGA beispielsweise Cason Wallace auf die andere Seite des Halbfelds. Alle rechneten mit ein paar Dribblings, diversen Richtungswechseln und dem Wurf: Man stellte sich auf ein Iso-Play ein. Auch die Pacers, deren Defense sich sachte in Richtung Shai orientierte, um schnell aushelfen zu können. Stattdessen bediente Shai den angesichts der nahezu ungeteilten Aufmerksamkeit für seine Person fast komplett offenen Jalen Williams. Dessen Dreier klatschte zwar auf den Ring, dennoch illustriert die Sequenz einen entscheidenden Aspekt: Der MVP hatte die maximale Kontrolle zurück.

Wirkte er in Spiel 1 mitunter noch wie ein Hochbegabter, der gegen eine neue Situation ankämpft, sie teilweise meistert, dabei aber immer wieder seine Komfortzone verlassen muss, schwebte Shai in Game 2 gefühlt über den Dingen. Er sezierte Indianas Defense und fand obendrauf noch genügend Zeit, um hinten für defensives Playmaking zu sorgen, den Pacers immer wieder den Ball zu klauen und OKC so ins Laufen zu bringen.

SGA bereitet den Boden für OKCs Dominanz in Spiel 2

Zur Wahrheit gehört auch, dass der großer Lauf der Thunder im zweiten Viertel mit einer ausgedehnten Verschnaufpause Shais zusammenfiel. Auch so lässt sich bei einem 16-Punkte-Sieg SGAs Plus-Minus-Wert von +5 erklären. So wenig er in Spiel 1 die Verantwortung trug, da weder Holmgren noch Williams ihren Rhythmus fanden, so sehr funktionierte OKC in Spiel 2 als Team. Gleichzeitig gab Shais Spiel die Richtung vor. Gepaart mit einigen Ideen des Coaching Staff brachte er Indianas Defense mehr in Bewegung und öffnete so Räume. Seine Mitspieler nutzten sie.

Durch den Kontrollrückgewinn sorgte der MVP zudem dafür, dass die Pacers diesmal vielleicht an ein mögliches Comeback dachten, ihre Idee jedoch nie in die Realität übersetzen konnten. Versuchte Indiana etwas, fanden Shai und die Thunder eine schnelle Antwort, traf SGA die passende Entscheidung. Aus der Ruhe ließ er sich ohnehin nicht bringen. Auch dann nicht, wenn ihn Obi Toppin über das gesamte Feld verfolgte, ihm an der Hüfte klebte. Shai dribbelte einfach nach vorne, ließ sich foulen und traf zwei Freiwürfe.

Gilgeous-Alexander? "Kannst schon 34 Punkte einbuchen"

30 Punkte, 8 Assists, 5 Rebounds und 4 Steals bei 11/21 aus dem Feld standen am Ende im Boxscore. Ein ganz normaler Arbeitstag. "Mittlerweile überrascht es nicht mehr", sagte auch Coach Mark Daigneault. "Es ist das, was er macht. Er verbessert sich immer weiter und wächst mit jedem Moment, in den er sich selbst bringt und in den wir uns bringen. Für mich hatte sein Spiel heute einen großartigen Rhythmus. Ich hatte den Eindruck, dass heute jeder individuell besser spielte und dass wir kollektiv besser spielten. Das war gewissermaßen das Nebenprodukt."

Kollektiv und individuell stellen die Thunder nun den Pacers - ganz im Sinne einer langen Playoff-Serie - eine neue Denkaufgabe. Vor allem SGA zu lösen, wird dabei nicht einfach. "Bei Shai kannst du schon 34 Punkte einbuchen, bevor sie morgen überhaupt für das nächste Spiel in den Flieger steigen", kommentierte Indianas Coach Rick Carlisle SGAs Performance. "Er wird punkten. Wir müssen Wege finden, es ihm so schwer wie möglich zu machen." Gedanklich dürfte Shai bereits diverse Optionen durchgegangen sein.

Erkenntnisse nach Spiel 2: Indiana vermisst seinen guten Freund