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"Ernst hat uns niemand genommen": Wucherer über EM-Überraschung 2005

kicker

Herr Wucherer, das letzte deutsche Silbermetall bei einer Europameisterschaft ist inzwischen 20 Jahre her. Damals waren Sie als Spieler in Serbien dabei. Bei der bevorstehenden EM sind Sie als Experte im Einsatz. Was hat sich in dieser Zeit verändert?

Denis Wucherer: Die mediale Aufmerksamkeit ist heute eine andere. Deutschland ist amtierender Basketball-Weltmeister und diese Generation eine goldene, die bei jedem Turnier zum Favoritenkreis gehört. Dementsprechend ist es normal, dass die Aufmerksamkeit mittlerweile größer geworden ist. Zu unseren Zeiten kam diese Silbermedaille - trotz eines Dirk Nowitzki - ein bisschen überraschend. So richtig hat uns damals niemand ernst genommen.

Mit welchen Erwartungen sind Sie damals in das Turnier gegangen?

Denis Wucherer: Wenn du einen Dirk Nowitzki in der Mannschaft hast, musst du natürlich erstmal geschlagen werden. Ich vergleiche das ein bisschen mit dem aktuellen griechischen Kader. Die haben mit Antetokounmpo jemanden, der auf einem komplett anderen Niveau Basketball spielt, aber trotzdem auch einen Supporting Cast, der ebenfalls spielen kann. Dirk war überragend und hat uns getragen. Wir haben ihn gut genug unterstützt, vor allem defensiv. Insofern hatte man gehofft, Dirks Nationalmannschafts-Karriere vergolden zu können, am Ende war sie eher versilbert.

Wucherer über DBB-Team: "Muss sich noch verbessern"

Letztlich war erst gegen Griechenland im Finale Schluss. Eine Mannschaft ohne die ganz großen Stars, dafür mit reichlich Tiefe im Kader. Kann man diese Parallele zur aktuellen deutschen Nationalmannschaft ziehen?

Denis Wucherer: Die Griechen waren damals in der Tat sehr tief aufgestellt. Es war nicht der absolute Superstar dabei, aber eben Jungs, die einem wehtun konnten, die jederzeit die wichtigen Würfe treffen. Das kann man durchaus mit der heutigen deutschen Mannschaft von dieser EM vergleichen, denn die Tiefe des Kaders ist einer ihrer Stärken. Allerdings gibt es mit Dennis und Franz zwei absolute Stars im Team, die noch - das hat die Vorbereitung gezeigt - ihren Rhythmus finden müssen. Zur Not können sie dafür die Gruppenphase nutzen und dann wird das Deutsche Team für andere Mannschaften nur schwer zu schlagen sein.

Ihre Vorrunde trägt das DBB-Team in der finnischen Industriestadt Tampere aus. Viel Ablenkung wird es da wohl nicht geben. Bei der WM 2023 in Okinawa oder auch bei den Fußballern 2014 war diese Art der Isolation ja sehr erfolgreich. Auch Sie waren 2005 im 40.000 Einwohner-Städtchen Vrsac untergebracht …

Denis Wucherer: Wenn es erfolgreich ist, dann denkt man immer: 'Alles richtige gemacht'. Wenn das damals in Brasilien nicht funktioniert hätte, hätte man später gesagt: 'Das auf der Insel, mit den Hütten war dann doch etwas zu viel des Guten' (lacht). Aber dieser Klassenfahrt-Charakter und dieses Miteinander entsteht natürlich im Laufe des Sommers und kann bei guten Leistungen im Turnier zum Selbstläufer werden.

Wucherer: Deshalb war Dirk für uns beeindruckend

Ein ähnliches Gefühl hatte man auch im vergangenen Jahr bei der Olympia-Vorrunde in Lille …

Denis Wucherer: Da hat man vom Rest von Olympia nichts mitbekommen. Da war die Mannschaft in diesem Modus der Weltmeisterschaft. Dann kommt der Umzug nach Paris und plötzlich gibt es extrem viel Ablenkung. Plötzlich sieht man sich nicht mehr so häufig, weil man auch ein bisschen was von Olympia mitbekommen will, die Familie da ist und, und, und. Da hat man ab dem Viertelfinale einen kleinen spielerischen Bruch gesehen. Nicht viel, aber am Ende sind es Kleinigkeiten, die über eine Medaille entscheiden. Bei uns damals war der Umzug von Vrsac nach Belgrad etwas anderes. In Belgrad gab es trotzdem nur ein Basketballturnier und wir waren im Tunnel.

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Mehr Ablenkung gab es sicherlich für Nowitzki als Topstar der Mannschaft. Wie ist er mit dieser Belastung umgegangen?

Denis Wucherer: Ähnlich wie bei Franz und Dennis heute, hatte Dirk damals natürlich Termine, die wir anderen nicht hatten - ob mit seinen Sponsoren oder Werbeaufnahmen. Nach dem Training oder dem Flug war jeder andere von uns froh, abends endlich im Zimmer zu. Dirk war oft zusätzlich unterwegs und hat das alles hochprofessionell weggesteckt, das war beeindruckend. Aber wenn er einen freien Abend hatte, dann hat er mit mir, Demond Greene und Robse Garrett ein paar Stündchen Karten gespielt. Da konnte er abschalten und einer von uns sein. Genau das macht die Nationalmannschaft ja auch aus. Du machst es für den Adler auf der Brust, aber auch für die Jungs, auf die man sich jeden Sommer wieder freut.

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Diese Chemie scheint auch die aktuelle Nationalmannschaft aufgebaut zu haben …

Denis Wucherer: Da reicht nicht ein Sommer. Du musst es fünf, zehn Sommer mitmachen, wie Dirk oder heute Dennis. Wie wahrscheinlich auch Moritz und Franz, wie ich sie einschätze. Man macht es nicht, um Geld zu verdienen. Man macht es, weil es ein riesiger Spaß ist. Vor allem dann, wenn es auch ein erfolgreicher Sommer ist - so wie damals bei uns Serbien oder eben in den letzten drei Jahren. Und hoffentlich auch in diesem Sommer.

Beim bevorstehenden Turnier gehört Deutschland wieder zum Favoritenkreis. Bei einem Aufeinandertreffen mit Serbien prophezeien die meisten Experten allerdings das vorzeitige EM-Aus. Gehören Sie dazu?

Denis Wucherer: Serbien ist in der Tat der große Favorit bei dieser Europameisterschaft. Sie treten fast komplett an und man merkt, dass sie Lust auf dieses Turnier haben. Das ist quasi die Mannschaft, die bei den Olympischen Spielen den besten Basketball gespielt hat und die drauf und dran war, die US-Amerikaner zu schlagen. Man wird auch das Gefühl nicht los, dass sie noch eine Rechnung offen haben und sich für das verlorene WM-Endspiel revanchieren wollen. Sie mögen nominell den stärksten Kader haben, aber es ist eine Europameisterschaft. Da rechnen sich acht bis zehn Mannschaften Chancen auf Medaillen aus. Wichtig ist, dass Deutschland in der Vorrunde ihren Rhythmus findet und das Selbstbewusstsein aufbaut, was es für die do-or-die-Spiele braucht.

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