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Stärker als Beton, grundverschieden und doch so gleich: Wie die Jugend-Freundschaft von Chinedu Ede und Kevin-Prince Boateng beiden half, ihren Weg zu finden

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Es erscheint völlig irre. Dass da etwas wachsen kann. Auf Beton. Aber es gibt ja Beweise. Sie heißen Kevin-Prince Boateng, Chinedu Ede, Ashkan Dejagah, Änis Ben-Hatira oder Patrick Ebert. "Gewachsen auf Beton", wie ein Wandgemälde im Großformat auf einer Hausfassade im Berliner Wedding niemals müde wird, zu erinnern. Gewachsen wie all die Pflanzen, die das ebenfalls schaffen. Das scheinbar Unmögliche. Die von ganz unten kommen, fest verwurzelt. Die zum Licht streben und selbst die scheinbar härtesten Widerstände durchbrechen. Nur um dann feststellen zu müssen, dass sie hier einfach nicht hingehören oder gewollt sind.

Kevin-Prince Boateng ist sechs Jahre alt, als er 1994 erstmals Spieler von Hertha BSC wird. 1996 ist es auch schon wieder vorbei mit der Ha-Ho-Herrlichkeit. Boateng wechselt zu den Reinickendorfer Füchsen, weil er seinen damaligen Trainer "nicht so toll" fand, wie er später dem Hertha-Vereinsmagazin Herthaner erzählt. Dort trifft Boateng auf Chinedu Ede, ebenfalls Jahrgang 1987.

Es ist der Beginn einer besonderen Freundschaft. Kurz darauf, im Sommer 1998, geht es für KPB trotzdem zurück zur Hertha. Die Füchse sind bekannt für ihre gute Nachwuchsarbeit, doch wer Anfang der 2000er in Berlin Fußballprofi werden will, muss bei der Alten Dame in die Lehre gehen. Und Kevin-Prince Boateng will Profi werden, um jeden Preis. In der E-Jugend der Hertha, der Boateng jetzt angehört. 

Gegensatz oder beste Kumpels?

Ede sagt im Gespräch mit DAZN über Boateng: "Ich hatte nie das Herz, er hatte das Herz, um es allen zeigen und beweisen zu wollen." Klingt nicht gerade nach besten Kumpels, eher nach Gegensatz. Hier Chinedu, der nie davon träumte, Profifußballer zu werden. Dort Kevin-Prince, der den Profifußball als einzigen Ausweg sah, der einmal sagte, ohne den Fußball wäre er wohl kriminell geworden.

Und doch zieht es sie zueinander hin, Chinedu und Kevin-Prince. Weil sie einander unter Gleichen erkennen auf dem Platz. Weil ihre Wurzeln einander doch so sehr ähneln. "Seit wir neun waren, haben wir zusammengespielt. Wir haben den ethnischen Hintergrund, mit dem afrikanischen Vater und der deutschen Mutter. Wir hatten einfach viele Gemeinsamkeiten, auch an Problemen, die entstanden sind", sagt Ede.

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Kevin-Prince, der Sündenbock

Der Wedding ist ein hartes Pflaster. Und Ede und Boateng stehen immer wieder vor ähnlichen Hürden und Widerständen. In der Schule, die sie nicht sonderlich interessiert. Auf dem Platz. "Das hat eine Verbundenheit geschaffen. Dass wir jeweils für den anderen eingestanden sind. Weil es genauso gut uns hätte treffen können", sagt Ede etwa über Rassismus-Erfahrungen. Und dann ist da das Größte überhaupt. Dann ist da das Spiel.

Der Hertha-Jahrgang um Boateng und Ede dominiert in ganz Deutschland. In der B-Jugend, 2003, holt die Mannschaft unter Trainer Dirk Kunert Meisterschaft und Pokal. Boateng wird als eines der größten Talente im deutschen Fußball überhaupt gehandelt. Das bringt auch Probleme mit sich. Zwar debütiert er 2005 unter Falko Götz in der Bundesliga, wird ein Jahr später mit der Fritz-Walter-Medaille als bester Nachwuchsspieler des Landes ausgezeichnet. Doch die älteren Spieler der Profi-Mannschaft gehen auf die jüngeren los.

Kevin-Prince wird nach Niederlagen als Sündenbock abgestempelt. So erzählt es sein Halbbruder Jerome Boateng im Herbst 2007 in einem Stern-Interview. Da hatte Kevin-Prince Berlin längst Richtung London, Richtung Tottenham verlassen. Der goldene Jahrgang der Hertha fühlt sich ungerecht behandelt, Jerome spricht davon, sie seien regelrecht "fertiggemacht" und finanziell hingehalten worden. Dabei ist doch vor allem Respekt ihre Währung.

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Kevin-Prince Boateng: "Er war der Einzige, der mir etwas sagen durfte"

Auch in der Beziehung von Kevin-Prince Boateng zu Chinedu Ede. "Er war der Einzige, der mir etwas sagen durfte. Du kriegst nur Respekt, wenn du selbst gut bist. Oder wenn du vorangehst. Und er war ein überragender Spieler", sagt Boateng im neuen DAZN Original Underground of Berlin über Ede und die gemeinsame Zeit im Jugendfußball. Ede sagt: "Mal wurde er bester Spieler, mal ich. Mal er Torschützenkönig, mal ich."

Wer der geilere Kicker sei, das hätten sich allerdings nur Außenstehende gefragt. Für die beiden Kumpels war das keine Kategorie. Ede sagt: "Wenn ich nicht den besten Tag hatte, hat es Kevin geregelt. Und wenn er nicht seinen besten Tag hatte, hab ich es geregelt." Egoismen? Fehlanzeige. "Wir waren jung, haben Fußball gespielt, man hat sich gefreut", sagt Ede.

Für ihn wird aus der Freude bald eine Art Albtraum. In der Saison 2004/05 noch wird er Torschützenkönig der A-Junioren-Bundesliga, erzielt in der U19 insgesamt 21 Tore in 39 Spielen. Auch Ede debütiert unter Falko Götz in der Bundesliga-Mannschaft Herthas. 2006, ein Jahr nach Kevin-Prince Boateng. Doch die Konkurrenz im Kader ist groß, in jenen Jahren spielt der Klub um die internationalen Plätze mit. Ede kommt nur zu Kurzeinsätzen und wechselt 2008 zum Bundesliga-Absteiger MSV Duisburg. Er ist trotzdem Teil des deutschen U21-Europameisterschaftsteams 2009, jener Mannschaft, von der gleich sechs Spieler 2014 Weltmeister werden sollen.

Ede ist schnell, technisch stark, trickreich. Und schwer genervt vom Profigeschäft. Spieler, die ehrlich ihre Meinung äußern, würden zu 99 Prozent ausgetauscht, wird Ede später sagen. Die hohen Gehälter seien nichts als "Schmerzensgeld". Ede fremdelt mit dem Business und kommt auch deshalb nie auf dem Level an, dass sein Talent vorgegeben hat. Stattdessen spielt er irgendwann in Zypern, Thailand und der Regionalliga Nordost. Inzwischen macht Ede Musik. Kevin-Prince Boateng spielt wieder da, wo alles angefangen hat. Bei der Hertha. Der Kreis, er soll sich schließen.

"Dann war ich sauer: Warum ist das bei mir nicht so?"

Es ist, als wolle Boateng endlich miteinander versöhnen, was damals nicht zusammenpassen wollte. Die Hertha aus Berlin Charlottenburg. Diesem gut-bürgerlichen, etwas piefigen Inbegriff von West-Berlin. Und die Bolzplatz-Jungs aus Berlin Wedding. Diesem kunterbunten Allerlei, bei dem man manchmal nicht weiß, was übertriebener daher kommt, die Realität oder ihre Behauptung.

Heute sehnt sich Hertha nach Typen wie Boateng. Nach Typen, die auch mal anecken, die sagen, was Phase ist. Die Fehler gemacht haben, um daraus zu lernen. Müssen ja nicht gleich abgetretene Autospiegel sein wie im März 2009, als Boateng und sein Mitspieler Patrick Ebert aus Lust und Laune zwölf Autos und einen Motorroller demolierten.

Inzwischen sind Ede und Boateng 34 Jahre alt, haben Familie. Die das eine war, das damals, vor 20 Jahren, Neid entfachte bei Kevin-Prince Boateng. "Bei denen hat es funktioniert", sagt Boateng in Underground of Berlin mit Blick auf die Familie Ede, auf die Eltern, ihre Ehe. Boateng war häufig zu Besuch, blieb über Nacht. Er sagt: "Da habe ich gesehen, wie schön das ist. Dann war ich sauer: Warum ist das bei mir nicht so?"

In verschiedene Richtungen gewachsen 

Auch wenn Ede eine andere Wahrnehmung hatte. Er sei von "Intellektuellen erzogen worden - in einer asozialen Gegend". Nicht jeder Kontrast lässt einen klarer auf die Welt blicken. Vielleicht auch deshalb suchte Ede die Nähe zu Boateng. Er habe nie viel gesprochen, sagt Kevin-Prince über Chinedu. "Er hat die Füße sprechen lassen, wenn er auf dem Platz war." Und Boateng sprach seine Sprache. 

"Freundschaft fließt aus vielen Quellen, am reinsten aus dem Respekt", heißt es bei Daniel Defoe, Autor von Robinson Crusoe. Es scheint, als beruhte die Jugend-Freundschaft zwischen Chinedu Ede und Kevin-Prince Boateng vor allem darauf. Auf dem Respekt darüber, die gleichen Wurzeln zu haben, die gleichen Probleme.

Und darüber, auf einem Level Fußball zu spielen. Auf einem Level, das nur die Wenigsten erreichen. "Kevin wird immer Teil meiner Geschichte sein. Und ich Teil seiner Geschichte", sagt Ede heute über Kevin-Prince Boateng. Zwei Berliner Pflanzen, die in verschiedene Richtungen gewachsen sind. Doch ihre Wurzeln liegen für immer beieinander. Im Underground of Berlin.

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