Die Favoriten-Frage ist so eine Sache. Die Buchmacher sehen Frankreich im Viertelfinale in Basel relativ deutlich vorne, in Anbetracht der bisherigen Auftritte der beiden Teams bei der EM alles andere als verwunderlich. Les Bleues überzeugten, haben mittlerweile elf Spiele am Stück gewonnen. Das DFB-Team? Das startete mit einem Arbeitssieg gegen Polen, benötigte ein Comeback gegen Dänemark und verlor zum Vorrundenabschluss mit 1:4 gegen Schweden.
Als einer der Titelfavoriten in das Turnier gestartet, sind die DFB-Frauen nun in die Außenseiterrolle gerückt. Auch wenn das die Nachbarn aus Frankreich ganz anders sehen. Cheftrainer Laurent Bonadei schob am Montag Deutschland die Favoritenrolle zu und bezog sich in seiner Argumentation in erster Linie auf die Historie. Achtmal waren die DFB-Frauen immerhin schon Europameister, führte der 55-Jährige richtigerweise an. Und das bei bislang 13 Ausgaben des Nationenturniers.
Bei der Premiere der Frauen-EM 1984 sowie bei der zweiten Austragung 1987 waren die DFB-Frauen noch nicht am Start, das änderte sich erst 1989 bei der Europameisterschaft im eigenen Land. Soll heißen: Elfmal war die deutsche Frauen-Nationalmannschaft bei einer EM-Endrunde am Start, achtmal holte sie den Titel und aus insgesamt 25 K.-o.-Spielen gingen gerade einmal vier verloren.
Elfer-Drama, Regengüsse und zweimal Dänemark
Das aber teils auf recht dramatische Weise, zum Beispiel bei der ersten Niederlage 1993. Damals war das deutsche Team bei Europameisterschaften noch ungeschlagen, hatte sowohl 1989 als auch 1991 Halbfinale und Finale gewonnen und zweimal den Titel geholt. Damals wurde das Turnier noch in einer deutlich abgespeckten Variante ausgetragen.
Zwei Jahre später allerdings war dann nach dem ersten Spiel, dem Halbfinale, schon Schluss. Heidi Mohr hatte Deutschland in der 56. Minute gegen Italien in Führung gebracht, nur sieben Minuten später folgte der Ausgleich. Die Partie ging in die Verlängerung, in der 95. Minute sah Jutta Nardenbach Gelb-Rot und damit den ersten deutschen Platzverweis der EM-Geschichte, wenig später musste das Elfmeterschießen entscheiden. Ausgerechnet Mohr verschoss vom Punkt, Italien siegte mit 4:3 i. E. Drei Tage später verlor Deutschland auch das Spiel um Platz 3 gegen Dänemark (1:3).
Der Dominanz der DFB-Frauen bei Europameisterschaften sollte dies aber keinen Abbruch tun. Sechsmal in Folge holte Deutschland in verschiedenen Austragungsformaten den EM-Titel, gewann 15 K.-o.-Spiele hintereinander. Diese Serie endete erst 2017. Erstmals verlor die Mannschaft unter der damaligen Bundestrainerin Steffi Jones ein Viertelfinale, erst acht Jahre zuvor wurde die K.-o.-Runde im Anschluss an die Gruppenphase auf eine Runde der besten Acht ausgeweitet.
1:2 - wieder gegen Dänemark - hieß das Endergebnis, nachdem die Partie aufgrund heftiger Regenfälle um einen Tag verschoben worden war. Dem Titelverteidiger gelang dank der Führung in der 3. Minute der Traumstart, in der zweiten Hälfte drehten die Däninnen, die später das Finale gegen die Niederlande verlieren sollten, die Partie.
Respekt ja, Vorteil nein?
Dieses Mal folgte keine Serie auf diese Pleite. Bei der wegen Corona verschobenen EM fünf Jahre später in England schafften es die DFB-Frauen immerhin wieder ins Finale, im ausverkauften Wembley-Stadion aber schoss Chloe Kelly die Gastgeberinnen in der 111. Minute der Verlängerung zum Sieg (2:1).
Die vierte und bislang letzte Niederlage in einem K.-o.-Spiel bei der Frauen-EM für Deutschland. Den Respekt des kommenden Gegners haben sich die DFB-Frauen also zweifelsohne verdient. Doch wirklich helfen wird diese Bilanz am Samstagabend bei der schweren Aufgabe Frankreich dann doch eher nicht.