Heute vor 20 Jahren
Wien, 26. Mai 2005. Praterstadion. Es läuft die 79. Minute im 274. Wiener Derby. Die Sonne senkt sich langsam über dem brodelnden, grün-violetten Tollhaus. Ein weiter Ball segelt in hohem Bogen in die Austria-Hälfte - kurz darauf ein Moment, der sich unauslöschlich in die Annalen dieses so prestigeträchtigen Duells brennen wird.
Rapid-Stürmer Axel Lawarée setzt zum Sprint an, lässt Austria-Verteidiger Sasa Papac hinter sich. An der Strafraumgrenze sucht er sich energisch den nötigen Raum, schiebt Papac zur Seite - der Blick des Belgiers nun fest auf den Ball gerichtet. Doch was dann geschieht, ist mehr als nur ein gewöhnlicher Zweikampf: Es ist ein brutaler Zusammenstoß. Denn der herauseilende Austria-Torhüter Joey Didulica springt Lawarée - mit dem Knie voran und mit voller Wucht - entgegen und trifft ihn frontal im Gesicht. Lawarée geht zu Boden, bleibt regungslos liegen.
Für Schiedsrichter Fritz Stuchlik ein glasklares Vergehen des Austria-Keepers, dem er auch folgerichtig die Rote Karte zeigt. Und Didulica? Der quittiert die Entscheidung des Unparteiischen süffisant mit einem Lächeln, während er weiter an seinem Kaugummi kaut. Nach minutenlanger Behandlung verlässt Lawarée den Platz, die Zuschauer spenden Applaus - aufmunternd, mitfühlend. Er erlitt einen Nasenbeinbruch und wurde noch am gleichen Abend operiert. Sein Trainer Josef Hickersberger sagte nach dem Spiel: "Lawarée schaut aus, wie wenn er gegen Mike Tyson zehn Runden geboxt hätte." Austrias Ernst Dospel sprach von einem "großen Veilchen beim Auge" und meinte: "Der Joey ist, wenn man ihn kennt, kein einfacher Typ, doch heute ist er zu weit gegangen."
Die Bilder vom 26. Mai 2005 gingen um die Welt. Und sie waren so verstörend, dass sich bald nicht nur Sportgremien (Didulica wurde für acht Spiele gesperrt), sondern auch die Justiz damit beschäftigte. Denn was auf dem Rasen geschah, landete vor Gericht. Die Staatsanwaltschaft Wien erhob Anklage wegen Körperverletzung. Mögliches Strafmaß: Bis zu drei Jahre Freiheitsstrafe. Es war ein Strafprozess mit Signalwirkung, der Fußball hatte seine Immunität verloren. Das Ergebnis: Eine erstinstanzliche Verurteilung zu einer Geldstrafe in Höhe von 60.000 Euro. Eine Premiere in der österreichischen Sportgeschichte. Ein Fußballmatch sei "kein Gladiatorenkampf" meinte die Richerin Bettina Neubauer.
„Diese Richterin weiß nicht einmal, was Abseits bedeutet und darf über die Köpfe von Profis entscheiden.“ (Austria-Verteidiger Sasa Papac)
Die Wiener Austria zeigte sich empört. Austria-Trainer Peter Stöger sprach von einem "brandgefährlichen" Urteil. Didulicas Teamkollege Papac wütete: "Diese Richterin weiß nicht einmal, was Abseits bedeutet und darf über die Köpfe von Profis entscheiden." Auch für Lawarée, der sich immer wieder in den Medien zum Vorfall geäußert haben soll, hatte Papac wenig übrig: "Wenn ein Stürmer in die Zeitung möchte, dann soll er Tore schießen und nicht versuchen, so in den Blickpunkt zu kommen."
Freispruch in zweiter Instanz
Das Urteil war allerdings nicht rechtskräftig, Didulica ging in Berufung - und wurde im Juni 2007 in zweiter Instanz freigesprochen, mit der Begründung, dass es sich "um eine für die Kampfsportart Fußball spartenspezifische Begleiterscheinung gehandelt habe". Didulica-Verteidiger Oliver Scherbaum sagte über den Freispruch: "Damit ist Rechtssicherheit auch bei Profi-Fußballspielen wieder hergestellt." Auch Didulica selbst beteuerte seine Unschuld: "Ich bin kein Verbrecher. Ich bin ein Fußballer, der alles für sein Team, seinen Trainer und die Fans gibt. Falls das ein Verbrechen ist, ist es das einzige, dessen ich schuldig bin."
Das 274. Wiener Derby war eines für die Geschichtsbücher, nicht aber für das Sportliche. Am Ende gewann die Austria durch den Treffer von Sigurd Rushfeldt mit 1:0. Rapid stand schon vor dem Spiel als Meister fest. Bevor sich Lawarée auf den Weg ins Krankenhaus machte, feierte der Belgier mit seinen Teamkollegen den Titel.
Sechs Tage später standen sich Rapid und Austria erneut gegenüber. Im ÖFB-Cupfinale, das allerdings ohne den verletzten Lawarée und ohne den gesperrten Didulica über die Bühne ging, gewann die Wiener Austria mit 3:1.