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Amtsinhaber-Malus und mehrstufige Castings: In Köln tobt der Kampf ums Geißbockheim

kicker

Vorstandswahl beim Aufsteiger

Anfang Mai musste Werner Wolf mal wieder auf einem Podium sitzen. Ob er selbst kein Fan des Scheinwerferlichts ist oder auf die hört, die ihm nachhaltig abraten, zu oft in Mikrofone zu sprechen, ist nicht ganz klar. Doch sicher ist, dass Wolf eigentlich nur spricht, wenn es wirklich sein muss. Diesmal musste es mal wieder sein, denn sein 1. FC Köln hatte gerade den Trainer und den Sport-Geschäftsführer rausgeworfen. Also sprach der Präsident, erklärte sich und diese Entscheidung. Und stellte dann klar, was eigentlich gar nicht klar ist: "Der Vorstand ist so lange der Vorstand, wie er gewählt ist."

Im ersten Moment klingt das nach einer Plattitüde, in Köln aber registrierte man diese Worte ganz genau. Denn was Wolf sagen wollte, ist: Der Vorstand des 1. FC Köln, dem er vorsteht, sei durchaus dazu fähig, in Sachen Trainer und Sport-Geschäftsführer Entscheidungen zu treffen. Zentrale Positionen, die langfristig und mit Weitblick besetzt sein sollten. Aber auch Personalien, die eng mit dem Vorstand zusammenarbeiten müssen. Und der wird im Herbst neu gewählt: Wolf und seine Mitstreiter Eckhardt Sauren und Carsten Wettich treten dann nicht mehr gemeinsam an.

Nicht wenige in Köln finden deswegen, dass der aktuelle Vorstand eigentlich keine zentralen Personalentscheidungen mehr treffen sollte. Ganz besonders, weil sich hinter den Kulissen ein Gerangel um die Macht am Geißbockheim entfaltet - bei dem bislang nur klar ist, dass in Köln noch gar nichts klar ist.

„Wir wollen, dass die Mitglieder im September erstmals eine echte Wahl haben.“ (Sven Adenauer)

Kandidat Adenauer kritisiert den Vorschlagsprozess

Schauplatz Rhein-Energie-Stadion. Sven Adenauer steht in der Sonne und lächelt. Der 65-Jährige will Wolfs Nachfolger werden, gemeinsam mit Martin Hollweck und Thorsten Kiesewetter ins zentrale Gremium des FC. "Viele Mitglieder sind mit der Entwicklung und der Außendarstellung des 1. FC Köln in den vergangenen Jahren unzufrieden", begründet der Enkel des ersten deutschen Bundeskanzlers und ergänzt: "Wir wollen, dass die Mitglieder im September erstmals eine echte Wahl haben. Das war bis heute noch nie der Fall, weil jeweils nur über ein Präsidiumstrio abgestimmt wurde."

Tatsächlich müssen Adenauer und Co. eine Hürde nehmen, um zur Vorstandswahl zugelassen zu werden: Drei Prozent der Mitglieder müssen per Unterschrift ihre Zustimmung signalisieren, bevor ein Team antreten kann. Derzeit wären das bei 150.000 Mitgliedern also 4500 Unterschriften. Eine ordentliche Zahl. Der einzige Weg, diese Hürde zu umgehen, ist eine Nominierung durch den Mitgliederrat - aber den haben Adenauer, Hollweck und Kiesewetter offenbar nicht im Rücken.

Ein Prozess, der für Kritik sorgt. In den vergangenen Wahlperioden gewann stets das Team des Mitgliederrates - andere traten ja auch nicht an. Das Team um Werner Spinner, der 2012 erstmals gewählt wurde, und das aktuelle Team von Wolf genoss die Zustimmung des direkt von den Mitgliedern gewählten Gremiums. Für die Stimmberechtigten auf der Versammlung bedeutete das dann: Entweder zustimmen oder ablehnen - eine Auswahlmöglichkeit bestand nicht. Jetzt, ausgerechnet am sportlichen Scheideweg nach dem siebten Bundesliga-Aufstieg, könnte das erstmals anders sein.

Wettich: Unterstützung von Podolski, Ablehnung in der Kurve

Denn nicht nur Adenauer warf seinen Hut bereits in den Ring, sondern auch Wolfs derzeitiger Vorstandskollege Wettich. Bereits vor Wochen wurde die Kandidatur des Juristen bekannt - ganz auf kölsche Art natürlich nicht per offiziellem Statement, sondern durchgestochen im lokalen Boulevard. Dafür hat sich Wettich, ehemals Teil des Mitgliederrats und einst durch den Rückzug von Spinners Co-Pilot Jürgen Sieger in den Vorstand gerutscht, den Unternehmer Wilke Stroman sowie Ex-FC-Spielerin Tugba Tekkal an die Seite geholt. Und sogar den Segen von Lukas Podolski erwirkt, der allerdings zugegeben eher halbherzig erteilt wurde.

Auch Wettich wird jedoch Unterschriften sammeln müssen. Dass seine ehemaligen Mitstreiter dem Amtsinhaber das Vertrauen aussprechen und sein Team nominieren, ist eher unwahrscheinlich. Viele sehen Wettich zu sehr als Gesicht der Misserfolge der vergangenen Jahre: Abstieg, Transfersperre - das wirkt nach. Und ein wenig übel nimmt man Wettich in der Kurve auch, dass er ein Funktionär geworden ist, der nicht von der Macht lassen kann - und eben kein Fan mehr, der das Beste für seinen Herzensverein will. So jedenfalls ist die Sichtweise in großen Teilen der aktiven Fanszene.

Guter Kontakt zu den Medien als Saurens Plus

Neben Wettichs Team und Adenauers Trio dürfte deswegen noch ein weiteres Gespann an den Start gehen - mindestens. Als durchaus ambitioniert gilt Wettichs Co-Vorstand Sauren.

Der millionenschwere Unternehmer ist bestens in Köln vernetzt und hat den Vorteil, dass er aus dem bestehenden Trio am wenigsten beschädigt ist. Während Wolf den Abstieg auf Pressekonferenzen erklären musste und dabei auch schonmal den falschen Vornamen des gerade Entlassenen verwendete, machte Wettich in Sachen Transfersperre nicht unbedingt eine glückliche Figur.

Sauren hielt sich da oft raus, pflegte im Gegenzug die Kontakte zu den Kölner Medien - und gilt deshalb als nicht chancenloser Kandidat. Dem Vernehmen nach steht der 53-Jährige mit einem Team quasi startbereit parat - und wartet nur auf den passenden Zeitpunkt, seine Kandidatur zu verkünden.

Komplizierter Prozess: Mitgliedsrat castet eigenes Trio

Auch ihm haftet allerdings der Amtsinhaber-Malus an, weshalb der Mitgliederrat seit Wochen nach einem eigenen Trio fahndet. Bis Ende Mai führen die zwölf Räte Gespräche mit möglichen Kandidaten, im Juni soll eine Entscheidung gefällt werden. In mehrstufigen Castings müssen mögliche Kandidaten dann zum Beispiel Präsentationen zum Thema Satzung, Sport oder Mitgliederversammlung vortragen - oder sich zur Frage positionieren, ob Strafen für den Einsatz von Pyrotechnik umgelegt oder auf Einzeltäter abgewälzt werden sollen.

Ein komplizierter und detaillierter Prozess, der keinesfalls vor Laien stattfindet: Viele der Mitgliederräte leiten im Brotberuf selbst Unternehmen oder sind zumindest erfahren, was Einstellungsprozesse angeht. Mögliche Kandidaten werden deshalb auch schon mal gezielt ins Schwimmen gebracht, um zu prüfen, wie die Personen in Drucksituationen reagieren. Der neue Vorstand soll schließlich das Gesicht des FC werden - und mit den oftmals wackligen Auftritten von Wolf hatten viele Kölner in der Vergangenheit durchaus ihre Probleme.

Das Mitgliederrats-Trio wird dabei zunächst einzeln gecastet. Neben dem Kölner Sparkassenchef Alexander Wuerst gilt auch Ex-Profi Stephan Engels als aussichtsreicher Kandidat, entschieden ist aber noch nichts. Stehen drei Namen fest, wird erst im zweiten Schritt überprüft, ob die Konstellation harmoniert. Einige Kandidaten, die nicht erste Wahl sind, halten sich deswegen bereit, um bei Unstimmigkeiten nachrücken zu können.

Denn der Harmonie-Faktor ist wichtig: Dass nun mindestens Wettich unabhängig von seinen derzeitigen Amtskollegen antritt, spricht Bände, der aktuelle Vorstand gilt längst als zerstritten. Auch das soll zukünftig besser werden, denn jeder interne Konflikt macht das komplizierte Konstrukt am Geißbockheim noch anfälliger für Intrigen und Streitereien.

Entscheidungsprozess beim FC soll schlanker werden

Auch deshalb könnte der Entscheidungsablauf zukünftig umgestaltet werden. Derzeit sieht die Satzung vor, dass der Vorstand bei "Maßnahmen und Geschäften von besonderer wirtschaftlicher Bedeutung" die Zustimmung des berüchtigten "Gemeinsamen Ausschusses" benötigt. Darin sitzen neben dem Vorstandstrio auch der Vorsitzende und die stellvertretende Vorsitzende des Mitgliederrates (derzeit Fabian Schwab und Stacy Krott), der Vorsitzende des vom Vorstand für dessen Amtsperiode berufenen Beirats (derzeit McKinsey-Manager Klaus Behrenbeck) sowie der Vorsitzende des Aufsichtsrats der 1. FC Köln GmbH & Co. KGaA (derzeit der CEO des Hauptsponsors Rewe, Lionel Souque).

Trainer- und Geschäftsführer-Entscheidungen zum Beispiel müssen hier abgenickt werden. Aber ist diese Vorgehensweise noch zeitgemäß im immer schneller werdenden Geschäft? Die Zweifel daran wachsen jedenfalls, zukünftig könnte der Gemeinsame Ausschuss auch ersatzlos gestrichen werden und dafür der KGaA-Aufsichtsrat mehr Einfluss erhalten. Darin sitzen neben Souque bislang nur die drei Vorstände. Für eine Satzungsänderung braucht es eine Zweidrittelmehrheit, zumindest der Mitgliederrat wäre wohl gesprächsbereit, einen schlankeren Entscheidungsprozess einzuführen.

Souque könnte dann zukünftig eine noch gewichtigere Roll einnehmen. Der gebürtige Franzose gehörte zuletzt schon zu denjenigen, die sich kritisch zum inzwischen freigestellten Sport-Geschäftsführer Christian Keller positionierten. Der Rewe-Chef war nicht die alleinige Triebfeder für die Trennung von Manager und Trainer Gerhard Struber, aber eine der zentralen. Auch, weil er im Gegensatz zum durch die anstehende Neuwahl geschwächten Vorstand eine starke Position vertreten konnte - während Wolf, Wettich und Sauren Keller in den vergangenen drei Jahren stets öffentlich gestützt hatten.

Auch deshalb denken Souque, der ebenfalls Keller-kritisch positionierte Behrenbeck und der Mitgliederrat darüber nach, zukünftig wieder stärker der Rolle als Kontrollorgan nachzukommen. Kontrolleure sollen auch kontrollieren, lautet die Idee - und nicht im blinden Vertrauen den Vorstand gewähren lassen. Wer auch immer das Rennen um den Einzug ins Geißbockheim gewinnt, muss deswegen - unabhängig von der Gremienstruktur - damit rechnen, dass die Zahl der kritischen Nachfragen eher ansteigt als abnimmt.

Mitgliederversammlung soll gestärkt werden

Dasselbe gilt auch für den Mitgliederrat, der zuletzt eine hybride Mitgliederversammlung verhinderte. Seit Jahren begleitet den FC der Vorwurf, Mitgliederräte und Vorstände würden nach dem Willen einer kleinen Gruppe aufgestellt und gewählt: Abstimmungen fänden oft tief in der Nacht an Wochentagen statt, eine echte demokratische Auswahl gebe es nicht.

„Je größer die Mitgliederbeteiligung, desto stärker der Ausdruck unseres gemeinschaftlichen Vereinswillens.“ (Kölner Mitgliederrat)

In einem Schreiben begründete der Mitgliederrat zuletzt: "Das höchste Organ unseres Vereins bildet nicht 'die Mitgliedschaft' an sich, sondern der Moment, in dem die Mitglieder zusammenkommen, die physische Mitgliederversammlung. Beschlüsse, die in diesem Rahmen gefasst werden, sind demokratisch legitimiert. (...) Je größer die Mitgliederbeteiligung, desto stärker der Ausdruck unseres gemeinschaftlichen Vereinswillens. Daher ist es unser stetes Ziel, möglichst viele Mitglieder zur Teilnahme zu motivieren."

Die kommende Mitgliederversammlung im Herbst findet deshalb auch im Müngersdorfer Stadion und am Wochenende statt, vermutlich während einer Länderspielphase. Die Möglichkeit, auch digital teilzunehmen und abzustimmen, wird es aber nicht geben. Die Mitgliederräte beharren auf ihrer Position - ungeachtet davon, dass die Kritik am Vorgehen nicht abreißt.

Kessler wahrt die Handlungsfähigkeit des Klubs

Es ist verworren in Köln und kompliziert, verklüngelt und alles miteinander verstrickt. Dass der Klub nicht komplett handlungsunfähig ist, dokumentiert die dauerhafte Beförderung von Thomas Kessler zum Sportlichen Leiter - die Trainerfrage wiederum hängt derzeit noch im Gemeinsamen Ausschuss fest. Kessler wird den Kader für die Bundesliga zusammenstellen, aber muss damit rechnen, im Herbst eventuell von einem neuen Vorstand einen neuen Sport-Geschäftsführer vor die Nase gesetzt zu bekommen.

Womit die zentrale Frage übrig bleibt: Wofür stehen die diversen Vorstandsteams eigentlich inhaltlich? Bislang sind weder Adenauer noch Wettich offen auf Konfrontationskurs gegangen. Die Frage, wieso die FC-Mitglieder für den einen oder anderen stimmen sollten, ist noch ungeklärt. Aber das kann ja noch kommen. Gewählt wird schließlich erst im September. Nur wen?