36-Jähriger über den Überfall und sein Karriereende
Als Guido Burgstaller auf dem Bildschirm erscheint, trägt er ein grünes Trainingsshirt, das Logo von Rapid Wien ziert seine Brust. Der Pressesprecher des Vereins hat eine Berglandschaft als Hintergrund eingestellt, und so sitzt Burgstaller jetzt vor einem See, hinter dem sich die Gipfel erheben. Vor dieser Kulisse spricht er dann über sein bevorstehendes Karriereende, seine Zeit beim 1. FC Nürnberg, auf Schalke und beim FC St. Pauli - und über den Überfall in der Wiener Innenstadt im vergangenen Dezember, nach dem er 48 Stunden lang in Lebensgefahr schwebte.
Der Weg zurück auf den Rasen war äußerst beschwerlich, heute sagt er: "Am Anfang musste ich mich erstmal hinlegen, wenn ich zweimal ums Haus spaziert bin. Das war schwer zu akzeptieren. Aber dann habe ich mir doch gesagt: Sei froh! Sei glücklich! Wenn es ein bisschen anders ausgegangen wäre, könntest du jetzt gar nicht mehr herumspazieren."
Herr Burgstaller, Ihre Karriere ist in den letzten Zügen. Hatte der tätliche Angriff vor einem halben Jahr Einfluss auf die Entscheidung, Schluss zu machen?
Nein. Auf die Entscheidung nicht! Aber nach dem Vorfall wollte ich so schnell wie möglich fit werden, um der Mannschaft nochmal helfen zu können. Das war mir extrem wichtig, aber am Anfang wusste ich natürlich nicht, ob ich überhaupt nochmal zurückkomme. Deswegen bin ich sehr dankbar, dass ich jetzt wieder so fit bin.
Wie fit sind Sie denn?
Nach einem anstrengenden Training habe ich schon noch kleinere Einschränkungen, aber es geht mir gut. Ich habe das Ganze jetzt hinter mir gelassen - auch mental. Ich freue mich jetzt einfach auf die letzten Einheiten mit den Jungs.
Wie äußern sich diese kleinen Einschränkungen, die Sie angesprochen haben?
Ich habe manchmal Schwindelgefühle und merke auch, dass der Körper länger braucht, um zu regenerieren. Ich brauche mehr Schlaf und bin trotzdem müder als sonst.
Aber Sie machen Fortschritte?
Ja, es wird immer besser. Ich mache mal kleinere Fortschritte, mal größere. Dann gibt es auch mal kleine Rückschläge, aber im Großen und Ganzen geht es in die richtige Richtung.
Sie wurden am 16. Dezember in der Wiener Innenstadt von einem Mann unvermittelt angegriffen. Welche Erinnerungen haben Sie an den Vorfall?
Es ist alles gelöscht. Der Vorfall wurde aber aufgezeichnet. Bei der Polizei habe ich später zum ersten Mal im Video gesehen, was eigentlich passiert ist.
Wann setzt Ihre Erinnerung wieder ein?
Erst im Krankenhaus. Da bin ich zu mir gekommen. Meine Familie und die Ärzte standen bei mir am Bett. Wenn ich daran denke, ist es schwer, Worte zu finden. Da geht dir einiges durch den Kopf.
Es bestand Lebensgefahr.
So haben es die Ärzte zu meinen Angehörigen und dem Verein gesagt. Ich hatte Hirnblutungen, bin jede Stunde kontrolliert worden und habe einfach nur gewartet und gehofft, gewartet und gehofft. So eine gefährliche Verletzung kann lebensbedrohlich sein. Die Frage war, ob die Blutungen sich ausweiten oder rückläufig sind. Gott sei Dank ging es in die richtige Richtung. Auch, weil ich einen Schädelbruch hatte.
„Meine Eltern wohnen in einem kleinen Ort, der in einem Tal liegt. Da war ich oft im Wald. Das hat mir gut getan.“ (Guido Burgstaller über die ersten Wochen nach dem Überfall)
Weil? Sie meinen: obwohl.
Nein. Durch den Aufprall schwillt das Gehirn an und braucht mehr Platz. Und durch den Bruch konnte sich der Druck lösen. Wäre der Schädel nicht gebrochen gewesen, hätten die Ärzte ihn aufbohren müssen. Durch den Bruch war keine Operation nötig. Das war gut. Eine Operation am Kopf ist ja immer ganz heikel.
Können Sie Ihren Weg zurück auf den Platz skizzieren?
Ich war zwei Wochen im Krankenhaus, dann bin ich nach Hause gekommen. Meine Eltern und meine Freundin haben mich betreut, weil mir immer wieder schwarz vor Augen wurde. Ich konnte nicht weit gehen und habe Doppelbilder gesehen.
Doppelbilder? Wenn zum Beispiel eine Gabel vor Ihnen auf dem Tisch lag, haben Sie zwei Gabeln gesehen?
Ja, genau. Und wenn ich den Kopf ein paar Mal gedreht habe, was im Alltag ganz normal ist, wurde mir schwindelig. Aber ich habe jeden Tag Fortschritte gemacht. Meine Eltern wohnen in einem kleinen Ort, der in einem Tal liegt, umgeben von Bergen. Da hat man seine Ruhe. Ich war oft an der frischen Luft, im Wald, und habe kurze Spaziergänge gemacht. Da habe ich schon gemerkt, dass mir das guttut. Aber am Anfang musste ich mich erstmal hinlegen, wenn ich zweimal ums Haus spaziert bin.
„Ich habe mir gesagt: Sei glücklich! Wenn es anders ausgegangen wäre, würdest du hier jetzt gar nicht mehr herumspazieren.“ (Guido Burgstaller)
Wie schwierig war es für Sie, diese Situation anzunehmen? Sie sind Profifußballer, ein Hochleistungssportler - und auf einmal stoßen Sie schon bei Spaziergängen an Grenzen.
Vor allem am Anfang war es schwer zu akzeptieren. Natürlich hat es Phasen gegeben, in denen ich gehadert habe. Aber dann habe ich mir doch gesagt: Sei froh! Sei glücklich! Wenn es ein bisschen anders ausgegangen wäre, würdest du hier jetzt gar nicht mehr herumspazieren. Der Vorfall hat also schon ein anderes Bewusstsein geschaffen.
Wie ging es nach diesen ersten Gehversuchen an Ihrem Elternhaus weiter?
Nach eineinhalb, zwei Monaten bin ich zum ersten Mal nach Wien zurück und habe die Jungs in der Kabine überrascht. Das war sehr emotional. Ich habe dann mit fünf Minuten Radfahren angefangen - und als das gut gegangen ist, habe ich es auf zehn gesteigert. Das Radfahren war sowieso gut, weil der Kopf da nicht so arg wackelt. Ich musste immer aufpassen, dass ich nicht zu viel Druck auf dem Kopf bekomme.
Hat es Sie auf Ihrem Weg zurück angetrieben, dass Sie wussten, dass sich die Saison und damit auch Ihre Karriere dem Ende zuneigt?
Auf jeden Fall. Wenn ich jünger wäre oder noch länger Vertrag hätte, hätte ich meinem Körper sicher mehr Zeit gegeben. Es hätte die Genesungsphase leichter gemacht, wenn ich es langsamer angegangen hätte. Ein gewisses Risiko war sicher dabei, so früh wieder anzufangen. Aber das habe ich in Kauf genommen. Das war es mir wert. Ich wollte unbedingt nochmal auf dem Platz stehen!
„Ich werde mich mein ganzes Leben an den Vorfall erinnern.“ (Guido Burgstaller)
Wie oft denken Sie heute noch an die Tat?
Eigentlich nur, wenn ich darüber sprechen muss. (grinst schelmisch)
Entschuldigen Sie!
(lacht) Aber natürlich werde ich mich mein ganzes Leben an den Vorfall erinnern. Es war ein sehr einschneidendes Erlebnis - auch für meine ganze Familie, meine Freunde und alle, die einen Bezug zu mir haben. Sie haben die ganze Zeit mit mir gelitten.
Sie tragen jetzt ein Spezialstirnband, um den Kopf zu schützen. Am Samstag steht noch ein Auswärtsspiel bei RB Salzburg an, dann warten zwei Playoff-Partien. Mit welchen Gefühlen werden Sie abtreten? Mit Wehmut? Oder ist die Vorfreude auf das, was jetzt kommt, größer?
Natürlich werde ich den Fußball vermissen, ich war ja fast 20 Jahre lang Profi. Aber momentan überwiegt die Freude.
Wenn Sie auf diese knapp zwei Jahrzehnte zurückschauen: Würden Sie etwas anders machen?
Nein.
Sie haben ausschließlich für Traditionsklubs gespielt. War Ihnen das wichtig bei der Vereinsauswahl?
Ja. Extrem wichtig sogar. Ich weiß es einfach zu schätzen, wenn Fans sehr viel Aufwand betreiben, überall hinreisen und ihre Mannschaft jede Woche anfeuern. Es ist ein schönes Gefühl, wenn man bei Vereinen spielen darf, in denen so viel Herzblut und Emotionen stecken. In guten Zeiten ist das überragend, in schlechten Zeiten prasselt auch viel auf dich ein - aber diese Emotionen machen den Fußball aus. Ich konnte mich mit allen Vereinen, für die ich gespielt habe, sehr gut identifizieren.
Am besten vielleicht mit Schalke, weil der Verein und Sie gleichermaßen für dieses Malochertum stehen?
Das weiß ich nicht. Natürlich verkörpert Schalke viel von dem, wie ich Fußball spiele. Schalke ist ein Arbeiterverein, da haben sie früher unter Tage malocht. Wahrscheinlich spiegelt das schon am ehesten meinen Spielstil wider, aber ich habe bei meinen anderen Stationen genauso gespielt wie auf Schalke - und auch da wurde es immer honoriert.
Gab es mal ein Angebot von einem Nicht-Traditionsverein, der Sie verpflichten wollte?
Ja, das ist ja völlig normal, wenn man so lange Fußball spielt, wie ich es gemacht habe. Aber es waren nicht viele Anfragen - und wenn ich mich entscheiden konnte, habe ich mich für den Traditionsverein entschieden. Aber planen kann man das nicht immer, weil mehrere Parteien mitspielen müssen. Wenn ich jetzt meine Stationen sehe, hätte ich es mir nicht besser vorstellen und wünschen können.
Wie bewerten Sie im Rückblick Ihre Zeit in Deutschland?
Bis auf mein letztes Dreivierteljahr auf Schalke hatte ich eine wunderschöne Zeit. Ich habe mich auf jeder einzelnen Station sehr wohl gefühlt.
„2018 haben wir quasi einen Titel geholt: Vizemeister hinter Bayern!“ (Guido Burgstaller über seine Zeit auf Schalke)
Was ist auf Schalke schief gelaufen?
Damals ist auch von meiner Seite zu wenig gekommen, aber so ist es manchmal im Fußball. Ich habe meine Leistung nicht gebracht. Ich hatte zu wenige Scorerpunkte - und das ist halt das Wichtigste bei einem Stürmer. In der letzten Saison ist es einfach nicht mehr so gelaufen, wie ich mir das vorgestellt habe.
Dabei haben Sie 2018/19 mit Schalke noch Champions League gespielt. Heute hört sich das so an, als wäre es 1950 gewesen.
(lacht) Aber das ist noch gar nicht so lange her. 2018 haben wir quasi einen Titel geholt: Vizemeister hinter Bayern!
Mehr war nicht möglich bei dieser übermächtigen Konkurrenz?
So ist es. Dabei hatten wir eine super Mannschaft und einen super Trainer (Domenico Tedesco, Anm. d. Red.). Ein Jahr vorher waren wir im Europa-League-Viertelfinale gegen Ajax Amsterdam und haben in der Verlängerung 3:0 geführt (das Hinspiel hatte Ajax 2:0 gewonnen, Anm. d. Red.), aber wir haben erst das 3:1 kassiert und in der letzten Minute noch das 3:2. So sind wir ausgeschieden, sonst wäre vielleicht das Finale möglich gewesen. Das sind schon Momente, die sehr weh tun. Aber ich habe mit Schalke auch Champions League gespielt und mein erstes Champions-League-Tor geschossen (bei einem 2:0 im November 2018 gegen Galatasaray, Anm. d. Red.). Das war sehr schön! Ich hatte mir damals nur vorgestellt, dass ich noch ein bisschen länger bleibe.
Ist der Verein anständig mit Ihnen umgegangen?
Ja, das war alles völlig in Ordnung. Aber es ging eben nicht mehr weiter für mich.
„Damals auf Schalke habe ich auch gesagt: Das könnte mein letzter Verein sein. Und das habe ich auch so gefühlt!“ (Guido Burgstaller)
Gibt es sonst noch einzelne Erlebnisse, die Ihnen im Kopf geblieben sind?
Wenn ich an meine Nürnberg-Zeit denke, an die Relegation gegen Eintracht Frankfurt: Damals haben wir um den Aufstieg in die Bundesliga gespielt, aber leider verloren. Was da rund um das Spiel los war, war schon sehr beeindruckend. Das bleibt mir immer in Erinnerung. Genauso wie das 4:4 mit Schalke in Dortmund. Da habe ich das 4:1 geschossen. Und mit St. Pauli haben wir im Herbst überragend gespielt, im Frühjahr aber den Aufstieg versemmelt.
Sie haben keinen Titel geholt. Ein Wermutstropfen?
Das tut schon weh. Mit Rapid hatte ich zweimal die Chance. Wir waren im Pokalfinale, aber wir haben zweimal verloren. Das hat mich sehr beschäftigt - genauso wie die Relegation mit Nürnberg und der verpasste Aufstieg mit St. Pauli. Das wären alles super Geschichten gewesen.
Vor drei Jahren sind Sie von St. Pauli zu Rapid zurückgekehrt. Jetzt beenden Sie in Wien Ihre Karriere. Hatten Sie schon 2022 im Kopf, dass es Ihre letzte Station sein wird?
Ja. Aber man hat ja öfters was im Kopf. (lacht) Damals auf Schalke habe ich auch gesagt: Das könnte mein letzter Verein sein. Und das habe ich auch so gefühlt! Aber dann ist es doch anders gekommen.
Jetzt ist Rapid der Klub, bei dem Sie Schluss machen. Sie wurden beim letzten Heimspiel verabschiedet. Wie ergreifend war das?
Es war sehr emotional, als meine Mitspieler vor dem Spiel einen Spalier gebildet haben und die Fans mich empfangen haben. Nur mit dem Genießen war es so eine Sache! Ich hatte meinen Fokus ja auf dem Spiel.
Herr Burgstaller, was wartet nach der Karriere auf Sie?
Mein Projekt "Bande mit Herz". Letzten Herbst haben wir einen Verein gegründet, seitdem setzen wir uns für benachteiligte Kinder ein. Damit will ich etwas zurückgeben. Das ist mir schon lange ein großes Anliegen.