Das gab es noch nie: Chemie Leipzig stellt einen Negativ-Startrekord der Regionalliga Nordost auf. Nach sechs Spielen null Punkte - so schlecht stand in der Historie noch nie ein Verein in der Tabelle. Bislang "hielt" Auerbach den fragwürdigen Rekord mit fünf Niederlagen und einem Remis. Auch die Chemiker selbst haben in ihrer langen Historie keine vergleichbare Statistik hingelegt.
Nach der 0:2-Heimpleite gegen den FC Carl Zeiss Jena muss man sich eingestehen: Der Neuanfang mit komplett neuer Mannschaft, 15 Abgängen und 13 Neuzugängen, ging komplett schief. Trainer Adrian Alipour, eigentlich bekannt für seine gute Arbeit mit Talenten, hat inklusive der Vorsaison, als er im April eine angeschlagene Mannschaft übernahm, eine verheerende Bilanz: In 14 Punktspielen gewann das Team unter ihm lediglich ein einziges Mal und schaffte vier Unentschieden. Für das überalterte und verunsicherte Team des letzten Jahres trug Alipour keine Verantwortung, für das neu aufgestellte schon.
Waren das Setzen auf die vielen neuen und entwicklungsfähigen Spieler, die es in Halle, Erfurt, Chemnitz und Greifswald nicht zum Stammspieler geschafft hatten, doch falsch? Waren es zu viele gleichzeitig? Der inzwischen schon wieder entlassene Sportchef David Bergner hatte freie Hand und seine zahlreichen Kontakte weidlich genutzt.
Das Setzen auf die Jugend machte Sinn für Chemie, das sich die Verpflichtung gestandener Leistungsträger nicht leisten kann, zumal die sportliche Perspektive ein Stück weit fehlt. Das Nachdenken über einen Angriff auf die vorderen Tabellenplätze verbietet sich angesichts des immer noch nicht für größere Aufgaben tauglichen Alfred-Kunze-Sportparks von selbst, und auch auf der Erlösseite klafft ein großes Loch gegenüber eventuellen Ansprüchen auf höhere Weihen. So können die Leipziger keinem Spieler eine Perspektive für höhere sportliche Aufgaben bieten und demzufolge bleibt nur der Anreiz für junge Kicker, in Leutzsch den nächsten Entwicklungsschritt zu gehen und sich somit für andere, aktuell ambitionierte Vereine anzubieten.
Derzeit sind die Grün-Weißen in einer klassischen Abwärtsspirale gefangen. Nach durchaus guten Ansätzen fehlten anfangs Glück und ein Schuss Frechheit, später, wie gegen Greifswald und jetzt gegen Jena, wurden Leistungsgrenzen offenbar. Der Spielplan tut ein Übriges, denn nun reist Chemie zum Tabellenführer HFC und empfängt danach den FC Rot-Weiß Erfurt, ehe der BFC Dynamo kommt. Kaum Luft, kaum Hoffnung also derzeit.
Alipour kann mit jungen Spielern
Was bleibt also? Die Diskussion um den Trainer kommt in Fahrt. Die Fans, als die vielleicht geduldigsten der gesamten Liga bekannt, feierten das Team nach der letzten Pleite unverdrossen. Dennoch sind viele Stimmen zu vernehmen, die ihre Zweifel formulieren. Die üblichen Gerüchte wehen durch den Sportpark, erste Namen von Nachfolgern werden gehandelt. Fakt ist: Der Jugendkurs ist unverhandelbar und notwendig. Alipour hat hinlänglich bewiesen, dass er sehr gut mit jungen Spielern kann. Der Verein steht vor der unvermeidlichen Gretchenfrage: Handeln oder laufen lassen, Aktion oder Geduld?