Eigentlich wäre er jetzt wohl auf Länderspielreise. WM-Qualifikation mit Ungarn. Bence Dardai aber ist in Wolfsburg geblieben, beim VfL, wo er in dieser Saison noch keine Minute Einsatzzeit erhalten hat. "Ich habe im Moment keine großen Argumente", sagt der Mittelfeldspieler, der nach seinem Abschied vom DFB schon drei A-Länderspiele absolviert hat, im Gespräch mit dem kicker. "Es ist eine schwierige Phase, durch die ich jetzt einfach durchmuss."
Harte Zeiten in Wolfsburg. So schnell kann es gehen im Fußball. Nach der vergangenen Saison kürte der kicker den von Hertha BSC gekommenen Teenager noch zum Gewinner der durchwachsenen VfL-Saison. 21 Bundesligaspiele in seinem Premierenjahr, sein erstes Tor im Oberhaus, das Debüt für Ungarn. Und jetzt? Sechsmal die Ersatzbank, einzig im Pokal beim Fünftligisten SV Hemelingen (9:0) kam Dardai in der 70. Minute ins Spiel - beim Stand von 5:0.
"Ich habe mir natürlich mehr erhofft, gerade weil ich in der letzten Saison gezeigt habe, dass ich auf dem Niveau spielen kann", erzählt der Youngster, "deshalb ist es schon bitter, aktuell gar keine Rolle zu spielen. Ich bin davon ausgegangen, dass ich auch in dieser Saison zumindest Minuten bekomme."
„Ich hoffe, dass ich später mal sagen kann, dass mich diese Zeit stärker gemacht hat.“ (Bence Dardai über seine Reservistenrolle beim VfL Wolfsburg)
Es ist die erste Delle in der noch jungen Karriere dieses aufstrebenden Großtalents. Das sich voll auf den VfL ("Ich fühle mich extrem wohl in diesem Verein") eingelassen hat, das die Kritik und Ablehnung nach seinem Abschied aus der Heimatstadt Berlin und von seinem Klub Hertha BSC in Leistung umgewandelt hat.
Dardai klingt gereift, wenn er sagt: "Ich weiß, dass solche Phasen zu einer Entwicklung dazugehören. Ich werde weiter hart arbeiten und um Einsatzzeiten kämpfen. Ich hoffe, dass ich später mal sagen kann, dass mich diese Zeit stärker gemacht hat."
Aktuell aber überwiegt der Frust, die Enttäuschung. Gerade dann, wenn der VfL wie zuletzt in Augsburg (1:3) untergeht, Trainer Paul Simonis es aber bei drei Einwechslungen belässt. "Ich will unbedingt spielen", unterstreicht Dardai, "ich will der Mannschaft helfen." Die für ihn schmerzhafte Realität: "Der Trainer setzt momentan auf andere Spieler. Obendrein sind auch einige erfahrene Jungs dazugekommen."
Und dann noch Eriksen - "Wir haben brutal viel Konkurrenz"
Der Konkurrenzkampf ist enorm. Für drei Positionen im zentralen Mittelfeld, die Dardai allesamt besetzen könnte, stehen acht (!) Spieler zur Verfügung. Oder wie es der 19-Jährige beschreibt: "Wir haben brutal viel Konkurrenz."
Im September kam noch Christian Eriksen dazu. Dardai schwärmt: "Ein riesiger Spieler mit einer unglaublichen Vita. Von ihm kann man enorm viel lernen." Erfahrung und fußballerische Klasse, von der er profitieren kann. Aber gleichzeitig auch ein interner Kontrahent mehr, was seine Chancen auf Einsatzzeit zusätzlich verringert.
Training in ungewohnten Rollen
Was Dardai aktuell bleibt, ist das Training. Er arbeite hart, versichert er, "ich zeige mich jede Woche und versuche alles zu geben, um mich reinzukämpfen". Nicht so einfach angesichts des zentralen Überangebots. Hinzu kommt: Nicht selten trainiert der Mittelfeldmann auf ganz ungewohnten Positionen, zum Beispiel als Rechtsverteidiger. Wie soll er sich da aufdrängen?
Mit dem Wissen von heute wäre es für Dardai und den VfL gewiss besser gewesen, im Sommer eine Veränderung hinzubekommen, womöglich eine Leihe. Mit einem Großtalent auf der Bank ist schließlich weder dem Spieler und dessen Entwicklung noch dem Klub geholfen. Wird im Winter ein Wechsel zum Thema? Aktuell sei dies kein Gedanke, sagt der Spieler. "Zu gegebener Zeit werde ich mich mit dem Trainer und meinem Berater zusammensetzen und überlegen, was das Beste ist."
Durch die Nicht-Nominierung zur ungarischen Nationalmannschaft kommt es für Dardai nun zu einem Wiedersehen, auf das er angesichts der verpassten Länderspiele gerne verzichtet hätte. Jetzt will es das Schicksal aber so, dass er am Mittwoch (13.30 Uhr, LIVE! bei kicker) auf Hertha trifft. Jenen Klub, für den er zwölf Jahre lang spielte, wo er zum Profi wurde.
Dardai freut sich "auf viele bekannte Gesichter"
Erstmals in seinem Leben geht es gegen die alte Dame. "Das ist ein besonderes Spiel für mich", betont Dardai. "Ich freue mich sehr darauf, viele bekannte Gesichter wiederzusehen - Athletiktrainer, Physios, ehemalige Mitspieler." Bruder Marton ist beim Nationalteam, er selbst will die Chance nutzen, sich zu zeigen. "Für mich ist es wichtig", unterstreicht Bence Dardai, "Spielpraxis zu bekommen."