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Der Besessene: Wie sich Wagner für die Bundesliga interessant machte

kicker

Nagelsmanns Noch-Assistent im Porträt

Zum Glück kommt Sohn Markus gerade zur Tür rein, als Manfred Schwabl am Telefon hängt. Weil er, der Geschäftsführer der SpVgg Unterhaching, sich gar nicht mehr sicher ist. Gab es nun eine Aufstiegsparty im Garten von Trainer Sandro Wagner oder nicht? "Das war so, ja", bestätigt Sohn Markus, was Papa Manni ins Grübeln bringt. "Dann war ich nicht eingeladen …" Ein Skandal. Aber Schwabl, den in Unterhaching nun mal jeder kennt, kann darüber lachen. Denn sonst lief es ja ganz gut mit "dem Sandro".

Eine Sondergenehmigung hatte die SpVgg im Juli 2021 verwendet, um Wagner nach nur wenigen Spielen als Trainer der hauseigenen U 19 schon zu den Profis zu befördern, die damals als Drittliga-Letzter in die Regionalliga abgestiegen war. Wagner, parallel TV-Experte, besaß eigentlich nur die B-Lizenz, brauchte für die vierte Liga aber eigentlich die mit einem "A" davor.

Man behalf sich irgendwie, und Wagner merkte schnell, dass seine Vorstellungen von Fußball sich alle gut anhörten, aber nicht immer umsetzen ließen im grauen Alltag zwischen Champions League als Co-Kommentator und Schalding-Heining an der Seitenlinie. "Wir haben richtig schlecht gespielt", erinnert sich Schwabl, ohne Wagner einen Vorwurf zu machen: "Er hatte sich was ganz anderes vorgestellt."

„Ich habe seine Frau mal gefragt, wie sie das mit dem aushält. Von 24 Stunden am Tag ist er 23 beim Fußball!“ (Unterhachings Geschäftsführer Manfred Schwabl über Wagner)

Die Mannschaft sollte aggressiv, attraktiv und aktiv spielen, "aber sie war nicht fit", erklärt Schwabl. Also folgte nach Tabellenplatz 9 zur Winterpause eine "brutale Schweinevorbereitung", "so hart hat eine Mannschaft noch nie trainiert", in Unterhaching zumindest. Platz 3 sollte es in der Rückrunden-Abrechnung werden, vor allem aber der Grundstein für das, was danach passierte.

"Eines donnerstags", das weiß Schwabl noch ganz genau, standen am Trainingsplatz in der Münchner Vorstadt plötzlich dutzende Ordner, Bengalo-Rauch schränkte die Sicht ein. Und über die Lautsprecher dröhnten Fangesänge. Haching hatte die Saison als Meister beendet, musste aber noch in zwei Aufstiegsspielen gegen Energie Cottbus um die Qualifikation für die 3. Liga kämpfen.

Also stellte Wagner die gesamte Auswärtserfahrung nach und stimmte seine Mannschaft auf das ein, was sie im Stadion der Freundschaft in Cottbus erwarten würde. "Da habe ich gemerkt: Das ist ein Profi, der will nichts dem Zufall überlassen", lobt Schwabl und klingt irgendwie ein bisschen stolz, dass diese vielleicht mal große Karriere bei ihm angefangen hat. "Ein bisschen verrückt" sei der Sandro zwar, aber das ist auch gut so. "Um ein ganz Großer zu werden", findet Schwabl, "musst du wahrscheinlich positiv verrückt sein."

Die Vorbereitung lohnte sich, Haching gewann beide Spiele und stieg auf. Und Wagner, der bereits vorher seinen Abschied angekündigt hatte, lud Mannschaft und Staff zur großen Party in den Garten ein, unweit des Sportparks. Um 6 Uhr morgens soll der scheidende Cheftrainer die letzten Spieler herausgeschmissen haben, angeblich flossen auch Tränen. Nur bei Geschäftsführer Schwabl nicht, denn der lag ja längst im Bett.

„Er ist unfassbar fleißig und strukturiert, sensationell gut.“ (Bundestrainer Nagelsmann über seinen Assistenten Wagner)

Erholungszeit blieb Wagner nicht viel, auch wenn er am liebsten gleich nach dem Aufstieg eine Pause gemacht, mehr Eindrücke gesammelt und mehr von Fußball-Europa gesehen hätte. Doch dann hätte die Pro-Lizenz warten müssen, und die braucht es nun mal, um tatsächlich ein ganz großer Trainer zu werden.

Also wurde er Co-Trainer von Hannes Wolf bei der U-20-Nationalmannschaft - für genau ein Spiel, denn dann brach etwas weiter oben im September 2023 das bekannte Chaos aus. Hansi Flick und Co. mussten gehen, Rudi Völler sprang ein und holte sich nicht nur Wolf, sondern auch Wagner für das Länderspiel gegen Frankreich (2:1) an die Seite. Dann kam Julian Nagelsmann, und Wagner blieb. Und der, der eigentlich nur Chef- und nie Co-Trainer werden wollte und am liebsten eine Trainer-Pause gemacht hätte, war nun Co-Trainer der wichtigsten Mannschaft des Landes.

Und auch das lief ja dann wieder ganz gut, auch wenn sich ein Viertelfinal-Aus bei einer Heim-EM nicht so gut anhört, wie es sich vielleicht anfühlte. "Er ist unfassbar fleißig und strukturiert, sensationell gut", sagte Chefcoach Nagelsmann mal über Wagner, der nicht nur mit "frechen Sprüchen" überzeugte, sondern vor allem mit einem guten Draht zu den Spielern.

"Er kann sehr gut nachvollziehen, was die Spieler fühlen. Was sie für Probleme haben, womit sie zu kämpfen haben", erklärt Robin Gosens, der Wagner gleich auf der ersten Reise in die USA erlebt hat. "Diese Empathie gibt es bei Trainern selten. Er sagt, dass er in seinem Leben einige Fehlentscheidungen getroffen hat. Dadurch hat einen guten Blick auf die Spieler und kann sie abholen."

„Ich bin überzeugt davon, dass ich als Trainer besser werde, als ich es als Spieler war.“ (Wagner selbst vor fünf Jahren)

Wagner selbst ist auffallend ruhiger geworden, das Haar etwas gräulicher und der Bart deutlich buschiger. Er, der immer durch markante Aussagen aufgefallen war, hält sich heute lieber zurück, im Hintergrund. Dabei ist das, was bald folgt, wohlüberlegt und mit Weitsicht vorbereitet. "Ich bin überzeugt davon, dass ich als Trainer besser werde, als ich es als Spieler war", hatte Wagner bereits vor fünf Jahren im kicker-Interview gesagt. "Weil ich für den Trainerberuf bessere Voraussetzungen mitbringe als damals für meine Spielerkarriere."

Und weil er dann doch die Zeit fand, hier und da vorbeizuschauen und zu merken, dass das Trainerdasein "noch mehr Spaß macht" als die Spielerkarriere, die etwas weniger gradlinig verlief, als es die Trainerlaufbahn hoffentlich mal werden wird. Wagner schaute in Brighton vorbei oder in Marseille, gilt als großer Fan von Roberto de Zerbi, der seine Mannschaften stets dominanten Ballbesitz-Fußball spielen lässt. Das fängt beim flach ausgeführten Abstoß an und hört vorne bei Ligue-1-Torschützenkönig Mason Greenwood auf.

Das spielerische Element von de Zerbi ist der eine Vorbild-schaffende Faktor, die Emotionalität von Diego Simeone der andere. Wie der Argentinier zum Beispiel ein ganzes Stadion mitnehmen kann oder hochbegabte Fußballer wie Antoine Griezmann von einer nicht unbedingt auf hochbegabte Fußballer ausgerichteten Spielidee überzeugt.

Die Parallele zwischen Simeone und Wagner sieht Schwabl durchaus. "Der zieht die Spieler voll in den Bann", sagt er über seinen einstigen Schützling. "Er hat die Gabe, auch die Nummer 18, 19 und 20 mitzunehmen. Was ich ihm sehr hoch anrechne: Dass er zu jedem auf der Geschäftsstelle gleich ist, ob das sein Kapitän oder die Putzfrau ist." Die ja - bis auf Schwabl - auch alle zur Gartenparty eingeladen waren.

Nach der Nations League zieht es den positiv Verrückten schon früher als ursprünglich mal geplant wieder weg vom DFB und zurück auf die Cheftrainer-Position, vermutlich in die Bundesliga, der TSG Hoffenheim hat er mehrmals abgesagt.  Auch um den FC Augsburg, bei dem Jess Thorup am Freitag entlassen wurde, ranken sich seit Tagen Gerüchte.

Nebenbei kümmert sich Wagner um die letzten Schritte für seine Pro-Lizenz. Bis Januar 2026 finden noch sieben Lehrgänge statt, immer von Sonntagabend bis Mittwoch, was einen Job bei einem Europapokal-Teilnehmer schwierig gestalten würde.

"Der ist prädestiniert für die Bundesliga", meint Schwabl, "ein absoluter Cheftrainer." Auch Gosens glaubt, dass aus Wagner "ein herausragender Trainer" werden wird. Wenn er denn dann Fußball spielen lässt wie de Zerbi und ein Stadion fängt wie Simeone. Aber da macht sich Schwabl keine Sorgen. "Der ist besessen von Fußball, definitiv. Ich habe seine Frau mal gefragt, wie sie das mit dem aushält. Von 24 Stunden am Tag ist er 23 beim Fußball!"

Wunderbar findet Schwabl das, so soll es ja sein. Und irgendwann wartet dann vielleicht nochmal eine Party im Garten der Wagners. Nur weiß ja heute noch niemand, wer dann eingeladen wird. Die Putzfrau auf jeden Fall.