Aufstiegsspiele zur 3. Liga
Die knapp 10.000 hoffnungsfrohen Leipziger Fans waren "bereit für den Traum unseres Lebens", so prangte es auf einem kolossalen Banner zu Spielbeginn. Dann rutschte dem frenetischen Stimmungs-Kollektiv gegen 20:45 Uhr das Herz in die Hose, als der Havelser Kraftwürfel Marko Ilic, laut Aussage seines Trainers Samir Ferchichi an dessen 40. Geburtstag, mit seinem Traumtor kurz vor Schluss "nicht nur mir, sondern der ganzen Mannschaft und dem ganzen Verein ein schönes Geschenk" machte.
Die Ereignisse in einer ansonsten von Nervosität und Fehlervermeidung geprägten Begegnung ohne die ganz großen Torchancen überschlugen sich in der Schlussphase. Lok Leipzig, gleichermaßen stadtbekannt für sportliche Selbstgeißelung und mentale Kraftakte in ganz tiefen Wassern, schlug umgehend zurück. Ganz Blau-Gelb, allen voran Dorian Cevis (23), war noch nicht bereit, den Lebenstraum den unerbittlichen Mühlrädern der Realität zu opfern.
"Momentum auf unserer Seite"
Nach seinem Last-Minute-Ausgleich brachen alle Dämme, das (verdiente) Remis fühlte sich für die Leipziger urplötzlich wieder wie ein Sieg an. Sportdirektor Toni Wachsmuth sah nach Spielschluss folgerichtig "das Momentum auf unserer Seite, das wollen wir am Sonntag mit in das Rückspiel nehmen."
Der junge Stuttgarter Cevis, sonst nicht gerade als Torjäger verschrien, beschrieb die verrückten letzten Minuten und seinen wichtigen Treffer wie folgt: "Es ging am Ende alles relativ schnell, aber es war überragend, wie wir zurückgekommen sind und mentale Stärke bewiesen haben. Bei meinem Tor stand ich einfach gut, der Ball lag vor meinem Fuß und dann schieße ich das verdiente Tor."
„So wie wir heute gegen den Ball gearbeitet haben, wird auch im Rückspiel sehr wichtig sein.“ (Dorian Cevis)
Eine Aufstiegsrunde wird nie im Hinspiel schon entschieden, das war im Vorfeld der Partie multilateral zu vernehmen - das eherne Fußball-Gesetz bewahrheitete sich erneut. Den Leipzigern müsse aber nicht angst und bange werden, die 90-minütige Scouting-Sitzung unter Wettkampfbedingungen brachte auch Erkenntnisse zu Tage: "So wie wir heute gegen den Ball gearbeitet haben, wird auch im Rückspiel sehr wichtig sein", fordert Cevis. "Ich bin guter Dinge, dass wir am Sonntag das Ding auf unsere Seite ziehen und eine glückliche Heimreise antreten werden."
Auch sein Trainer Jochen Seitz zeigte sich mit dem Ergebnis im Reinen: "Die Mannschaft hat alles versucht und gegeben, ich bin nicht unzufrieden", postulierte der 48-jährige Erlenbacher. Freilich war nicht alles spielerisches Gold, was glänzt, aber nach dem kräftezehrenden Pokalfinale gegen Erzgebirge Aue vom vergangenen Samstag hatte der Coach eine erhöhte Toleranzschwelle.
Mikro-Faserriss bei Maderer
Zu allem Überfluss fiel Top-Torjäger Stefan Maderer der Knochenmühle kurzfristig zum Opfer. Der Stürmer klagte: "Ich habe einen Mikro-Faserriss in der Sehne und da ist Flüssigkeit drin - ich kann weder schießen noch passen." Bis Sonntag hofft der Erlanger 16-Tore-Mann, dass er "irgendwie spielen" kann, sein Trainer wird unterdessen weiter tüfteln müssen: "Wir müssen in eigenem Ballbesitz zielstrebiger in Richtung gegnerisches Tor kommen und die Box besser besetzen. Aber die Konter von Havelse hatten wir gut im Griff", so die erste Analyse in der Mixed-Zone.
Einigen Leipzigern, unter anderem dem Übungsleiter, ist der etwas provokante Jubel der Gäste direkt vor der heimischen Bank sauer aufgestoßen: "Nach dem 1:0 dachten die gefühlt schon, dass sie aufgestiegen sind, feiern da vor unserer Kurve", unkte Seitz: "Ich finde, das gehört sich nicht, aber wie dem auch sei - wir liefern am Sonntag einen heißen Fight!" Für die Erfüllung tausender Lebensträume.