Das typische Lächeln, sein Lächeln, die kurze Umarmung. Dass Rudi Völler dabei mit einem "Nein, Nein" gleichzeitig das nett gemeinte Angebot der Dame ablehnt, sie in den 3. Stock zu begleiten, verpackt er dabei so charmant, dass es gar nicht groß auffällt und sie ihm das auch nicht weiter krumm nimmt. So wie wohl kaum jemand einer der größten Ikonen im deutschen Fußball lange böse sein kann.
Diese Popularität, die Völler als Spieler, Teamchef, Sportdirektor, vor allem aber eben als Mensch anhaftet, ist auch die Grundlage für eine Doku mit dem ob des bekannten Gesangs naheliegenden Titel "Rudi Völler - es gibt nur einen", die unter der Anleitung des erfolgreichen Regisseurs Marc Schlömer vom Sommer 2024 an mehr als ein Jahr lang mit viel Liebe zum Detail und Akribie produziert wurde. Der kurzweilige Film (Schlömer: "90 Minuten plus ordentlicher Nachspielzeit") wird an diesem Montag in Frankfurt einem ausgesuchten Publikum präsentiert, ab dem 3. Oktober ist er dann exklusiv bei Sky und Wow zu sehen.
Von Hanau in die weite Welt
Besagte Einladung der Frau, ausgesprochen übrigens vor einer wenig malerischen Kulisse von Mülltonnen in einem eher grauen Hinterhof in der Lamboystraße in Hanau, taugt jedenfalls nicht für eine skandalträchtige Schlagzeile. Die hat Völler ohnehin noch nie produziert. Vielmehr teilen der Star und seine Gesprächspartnerin, mit deren kleinem Sohn sich Völler, na klar, kurz über Fußball unterhält, die Gemeinsamkeit, im 3. Stock ebenjenes Mehrfamilienhauses in Hanau zu wohnen. Die Dame jetzt, Völler früher, zwischen 1960 - er wurde dort auch geboren - und 1977.
Dann ging's von Hanau in die weite Fußballwelt, erst mal nicht weit weg nach Offenbach, dann nach München, aber nur zu den Löwen, es folgten Bremen, Rom, Marseille und Leverkusen. Hanau ist einer von verschiedenen Orten, die Völler für diese Doku besucht. Und egal ob dort oder auch anderswo - der Mann wird erkannt, herzlich begrüßt.
Wer aber nun denkt, dass dieser Film den Zweck hat, beim Nachzeichnen des Völler'schen Lebens ständig das Weihrauchfässchen über ihm zu schwenken, liegt falsch. Natürlich kann niemand, der so viele Fans hat, seine Beliebtheit durch Vorgaukeln eines Charakters gewinnen, der nicht sein wirklicher ist. Nein, Völler ist bodenständig, ehrlich (solange es das Geschäft eben zulässt), bescheiden höflich. Werte, die er auch seinen Kindern erfolgreich vermittelt hat, das ist ihm wichtig. Kein Zufall ist auch, dass er in vier Stiftungen aktiv ist.
Aber er ist keineswegs immer nur der "liebe Ruuudi". Gar nur auf "30 Prozent" beziffert die Person, die ihn am besten kennt, diesen Anteil daran am "Komplettpaket" Völler: seine große Liebe und langjährige Ehefrau Sabrina, die er in seiner Zeit als Profi in Rom kennenlernte und die er 1995 heiratete, die ihm den Rücken freihält.
Völler konnte auch ein "Ekelpaket" sein
Die anderen 70 Prozent, so darf man vermuten, sind selbstredend nicht überwiegend schlecht, aber ihr "Rudolfo" - "Rudi" nennt sie ihn nicht - ist auch nur ein Mensch, der Fehler hat wie alle anderen. Wie immer nimmt Reiner Calmund, Völlers langjähriger Weggefährte und Manager-Mentor aus Leverkusen, auch in dieser Hinsicht kein Blatt vor den Mund: "Er", also der Rudi, "konnte auch ein Ekelpaket sein", sagt Calli. Hinter verschlossenen Türen.
„Bei vielen ist man ja froh, wenn man sie vielleicht nicht trifft. Bei Rudi ist es ganz anders. Rudi triffst du, Rudi umarmst du.“ (Oliver Kahn)
Und obwohl ihn, also Völler, die breite Öffentlichkeit zwar im einen oder anderen Interview tatsächlich auch als giftig und bissig erlebt hat, sind diese Szenen über fast 50 Jahre, in denen der Rudi nun im Showbiz Fußball unterwegs ist, die Ausnahme. So fasst es Oliver Kahn, der als damaliger Weltklasse-Torwart 2002 zusammen mit der deutschen Nationalmannschaft und eben dem Teamchef Völler Vizeweltmeister wurde, treffend zusammen: "Bei vielen ist man ja froh, wenn man sie vielleicht nicht trifft. Bei Rudi ist es ganz anders. Rudi triffst du, Rudi umarmst du. Man hat keine negativen Gefühle. Und das ist in diesem Fußballgeschäft sehr, sehr rar."
So etwas, so ein ereignisreiches Leben, schreit ja förmlich nach einer Doku. Fand Schlömer. Aber zunächst nicht der Protagonist selbst, der Völler Rudi. Der "Hanauer Bub" musste sieben, acht Monate überzeugt und bearbeitet werden, bis er diesen Dreharbeiten zustimmte ("Warum sollte ich? Die Leute wissen doch alles!").
Doch dann öffnete er buchstäblich die Türen, und es sind gerade die privaten Momente in Völlers Wohnung in Düsseldorf, in der Küche, im Wohnzimmer, beim Padel-Tennis mit seinen Söhnen oder eben der Besuch seiner Geburtsstätte in Hanau, welche die Authentizität des Menschen Völler stark herausarbeiten. Die Zuschauer treten quasi mit ein ins Leben und die Gefühlswelt. Schlömer: "Es war an der Zeit für diese Doku. Und das Neue ist der Eintritt in das Privatleben. Damit hätte ich nie gerechnet. Rudi hat schnell Freude daran entwickelt."
Gattin Sabrina redet Tacheles
Der Regisseur selbst hatte auch Spaß daran, der Frage auf den Grund zu gehen, warum Rudi Völler einer der beliebtesten Deutschen ist: "Das bringt Sabrina", die in der ganzen Doku sehr sympathisch rüberkommt, "gut auf den Punkt, als sie sagt, Franz Beckenbauer war der Herr Beckenbauer und Rudi ist eben der Rudi."
Sabrina ist es natürlich auch, die am ehesten Tacheles mit ihrem Gatten redet. So zum Beispiel, als Völler 2003 legendär auf Island wie ein Vulkan ausbrach und das Ganze sogar politische Dimensionen annahm, als er sich nach einem 0:0 dagegen wehrte, dass "alles", in dem Fall seine deutsche Nationalelf, für die er verantwortlich zeichnete, "immer in den Dreck gezogen" werden müsse. Der arme Waldi Hartmann, der nicht einen Tropfen Weizenbier getrunken hatte, bekam es ab, ebenso Günter Netzer und Gerhard Delling. Heute können alle darüber schmunzeln (Völler nach dem letzten Doku-Drehtag: "Jetzt gönne ich mir noch ein Weizenbier"), Sabrina aber war damals daheim vorm TV entsetzt: "Ich habe ihn auf Italienisch beschimpft."
Nachsicht mit Augenthaler und Rijkaard
Die Bodenständigkeit Völlers wird in einem Satz von ihm selbst am besten ausgedrückt: Er beneide die heutigen Profis um zweierlei. Eines davon, denkt mancher spontan, ist sicher das viel höhere Gehalt. Aber nein, es sind der Zustand der Plätze und die Art, wie die Schiedsrichter pfeifen, weil sie viel eher die Stürmer schützen. Völler selbst wurde 1985 von Klaus Augenthaler gefoult, doch es spricht für den einstigen Weltklassestürmer, der mit "Auge" zusammen übrigens knapp fünf Jahre später Weltmeister wurde, dass er dem Bayern-Libero zu Recht nie Absicht unterstellte. Damals nicht, heute nicht.
Im Rahmen der WM 1990 ist natürlich die doppelte Spuckattacke von Frank Rijkaard gegen Rudi ein Thema, das bis heute nachhallt. Auch hier: kein böses Wort von Völler. 1996 wäre er in seinem letzten Spiel für Leverkusen fast abgestiegen. Markus Münch, Torschütze zum 1:1 gegen Kaiserslautern, verhinderte dies. Was ihm Völlers ewigen Dank garantiert: "Wenn Markus Münch eine Eintrittskarte will, kriegt er notfalls meine."
Begleitet wird diese Doku übrigens durch Einblendungen von kicker-Schlagzeilen und -Statistiken. "Das war uns wichtig. Wie Völler steht der kicker für Seriosität", so Schlömer über diese naheliegende Verbindung. Und Völler steht für ein Leben mit prominenten Weggefährten. Seine Freunde kommen zu Wort, wie Lothar Matthäus, Marius Müller-Westernhagen. Letzterer sagt, er könne zwar nicht "alle Ansichten von Völler teilen", aber Rudi "begegnet jedem auf Augenhöhe". Und auf gleicher Höhe kann bekanntlich keiner im Abseits stehen.