Brisante Mail wirft Fragen auf
Für Regionalligist Viktoria Berlin geht das Zittern um den sportlichen Klassenerhalt weiter - auch noch nach dem Ablauf der Saison 2024/25. Da die Berliner am 34. Spieltag nicht über ein 1:1 gegen den Chemnitzer FC hinauskamen, rangieren die Hauptstädter auf einem möglichen Abstiegsplatz. Denn die Konkurrenz aus Luckenwalde (0:0 gegen Altglienicke) und Eilenburg (1:1 gegen Plauen) patzte nicht. Somit beendeten die Hauptstädter die Serie sportlich auf Tabellenrang 17 - dem "Schleuderplatz". Die Viktoria hat nur noch die Chance auf den Klassenerhalt, wenn Nordost-Meister Lok Leipzig in den Aufstiegsspielen (28. Mai/1. Juni) gegen den Nord-Meister TSV Havelse der Sprung in die 3. Liga gelingt. Bei einem möglichen Scheitern der Lok würde es dann Oberliga-Fußball im Stadion Lichterfelde geben. Soweit ist es noch nicht.
Doch unabhängig vom Klassenerhalt in der 4. Liga oder dem Abstieg in die Oberliga Nord stellt sich aber schon jetzt die Frage, wie es bei der Viktoria in der neuen Saison weiter geht? "Unabhängig von der Spielklasse arbeiten wir intensiv daran, den Spielbetrieb für die kommende Saison abzusichern", teilte der Verein auf Anfrage mit. Denn schon seit Wochen und Monaten mehren sich die Themen rund um den Verein, die allesamt nicht sportlicher Natur sind. Dies ergab eine gemeinsame Recherche des kicker und der Berliner Fußball-Woche (FuWo).
Massive Vorwürfe
Die Sachlage: Zuletzt wurde eine E-Mail mit brisantem Inhalt verschiedenen Medien zugespielt, die auch dem kicker vorliegt. In dieser werden massive Vorwürfe laut. So behauptet der anonyme Verfasser, der sich als aktueller Spieler des Vereins ausgibt, Spieler und Mitarbeiter der Viktoria würden seit einiger Zeit nur verzögert Geld bekommen, was zu "Existenzängsten" bei allen Beteiligten führe. Ein Teamkollege soll sogar obdachlos geworden sein.
Die Vorgänge sind mittlerweile auch dem Nordostdeutschen Fußballverband (NOFV) als Träger der Regionalliga Nordost bekannt. Dennoch wollte sich der Verband auf Nachfrage nicht offiziell äußern, steht dem Vernehmen nach aber in Kontakt mit den Vereinsverantwortlichen. Doch bevor nichts von Amtswegen eingeleitet werde, sei auch der NOFV machtlos, heißt es. Zuletzt sagte Dennis Kutrieb, Ex-Viktoria-Coach und mittlerweile Trainer des Ligakonkurrenten BFC Dynamo: "Hut ab an alle, die hier arbeiten und immer wieder Woche für Woche versuchen, das wankende Schiff, was man so mitbekommt, am Laufen zu halten." Diese Worte richtete der 45-Jährige nach dem Duell des BFC gegen seinen Ex-Verein im April in der Pressekonferenz.
Probleme auch in Klagenfurt und Sibenik
Ähnliche Probleme betreffen auch andere Projekte der Sports & Entertainment Holding (SEH), dem Mehrheitsgesellschafter der Viktoria - also auch die Fußballvereine Austria Klagenfurt (Österreich) und HNK Sibenik (Kroatien). So bekam Klagenfurt, Tabellenschlusslicht in der Admiral-Bundesliga-Qualifikationsgruppe, zuletzt erst in zweiter Instanz die Lizenz für die Saison 2025/26 in der 1. Liga sowie die Zulassung für die 2. Liga. Bei den Kärntnern wurden zunächst finanzielle Bedenken angemeldet. Aufgrund des verspätet eingereichten Konzernabschlusses und einer nicht erfüllten Auflage (monatliche Liquiditätsberichterstattung) wurden die Klagenfurter in der Folge allerdings mit drei Punkten Abzug zur neuen Saison und einer Geldstrafe von 44.000 Euro belegt.
Finanziell angeschlagen soll auch HNK Sibenik sein. Wie lokale Medien berichteten, gab es in der laufenden Saison bereits einen Trainingsboykott. Der Protest-Aktion vorausgegangen seien nach Angaben mehrerer Medien ausbleibende Lohnzahlungen. Konkret gehe es dabei um Gehaltsrückstände dieses Kalenderjahres.
Wie die Teams aus Österreich und Kroatien gehören auch die Berliner zur SEH-Gruppe. Zu den Vorgängen bei der Viktoria schreibt die SEH auf Anfrage lediglich: "Auch in der aktuell schwierigen Phase wird die SEH dem Verein partnerschaftlich zur Seite stehen und ihn im Rahmen der bestehenden Möglichkeiten bestmöglich unterstützen." Auch Lohnabrechnungen für Steuererklärungen würden, den anonymen Vorwürfen nach, nicht mehr an die Spieler der Viktoria ausgestellt. Dazu heißt es von den Himmelblauen: "Wir kommentieren grundsätzlich keine Details zu Vertragsverhältnissen." Und weiter: "Trotz wirtschaftlicher Herausforderungen arbeiten wir sportlich wie strukturell mit Nachdruck an einer nachhaltigen Zukunftsperspektive. Ein freiwilliger Rückzug ist derzeit nicht geplant. Im Falle des sportlichen Klassenerhalts planen wir auch in der Saison 2025/26 die Teilnahme an der Regionalliga Nordost."
Boateng nicht mehr im Amt?
An der Zukunft des Klubs dürfte George Boateng wohl nicht mehr mitarbeiten. Der Bruder von Jérôme und Kevin-Prince wurde erst Anfang Februar als neuer Sportdirektor des Vereins vorgestellt, sagte in einem Interview mit dem Rundfunk Berlin-Brandenburg kurz nach seiner Installierung: "Wir wollen kurzfristig in die 3. Liga aufsteigen und stets am Maximum kratzen". Doch nach Informationen des kicker ist dieser längst nicht mehr im Amt, schon seit dem Vormonat. Offiziell wollte der Verein das nicht kommunizieren, teilte auf Anfrage jedoch mit: "George Boateng ist aktuell nicht operativ in das Tagesgeschäft eingebunden."
Boateng folgte während der Serie 2024/25 in seiner Position auf Henry Berg und Bernd Nehrig. Schon bei seinem Abschied im Dezember 2024 sagte Berg gegenüber dem kicker: "Die ökonomischen Voraussetzungen für die Regionalliga sind nicht gegeben." Diese Thematik scheint den Verein, der in der abgelaufenen Serie vier verschiedene Trainer, zwei Geschäftsführer Sport sowie drei Sportdirektoren verschliss, auch Monate später weiter zu begleiten. Die sportliche sowie wirtschaftliche Zukunft des Klubs scheint in diesen Tagen offener denn je.