Serie "Was für eine Zeit": Mythos und Magie Mönchengladbach, Teil 4
Von allen Spielern, die mit dem FC Twente in zwei Finalspielen gegen Borussia Mönchengladbach antraten, hat nur der damalige Star Epi Drost mehr Spiele für den Verein absolviert (466 Einsätze) als Kick van der Vall (434). Und keiner von ihnen war so lange für Enschede aktiv wie der damalige Spielmacher, der - bis zu seinem Rücktritt als Botschafter vor einigen Monaten - mehr als 50 Jahre für seinen Verein tätig war. Erst im Alter von 79 Jahren zog sich das Ehrenmitglied zurück.
"Die Leute sprechen mich immer auf die Spiele gegen die Borussia an", sagt van der Vall, "es ist meine größte Enttäuschung als Fußballer, aber dennoch ein Höhepunkt in der Klubgeschichte. Wolfgang Kleff, Berti Vogts, Herbert Wimmer, Jupp Heynckes oder Allan Simonsen, dreimal hintereinander Meister - die Borussia hatte eine tolle Mannschaft." Der kicker hat van der Vall in seiner Heimat besucht.
Herr van der Vall, was fällt Ihnen als Erstes ein, wenn Sie an die Spiele gegen Borussia Mönchengladbach zurückdenken?
Dass wir nach dem 0:0 in Düsseldorf dachten, wir würden es zu Hause schon richten. Aber dann lagen wir nach zehn Minuten mit 0:2 zurück. Ausgerechnet die beiden Spieler, die immer ihre Leistung brachten, Rechtsverteidiger Kees van Ierssel und Linksverteidiger Kalle Oranen, haben Fehler gemacht. Ebenjene, die in besagter Eredivisie-Saison mit dafür gesorgt haben, dass Twente immer noch den Rekord hält mit den wenigsten Gegentoren in einer Spielzeit - 13 in der Saison 1971/72. Und van Ierssel war auch bei der Weltmeisterschaft 1974 dabei.
Die beste Leistung in dieser UEFA-Pokal-Saison war das Ausschalten von Juventus Turin im Halbfinale mit zwei Siegen, 3:1 zu Hause und 1:0 auswärts. Hat Sie das vielleicht dazu veranlasst, das Rückspiel etwas zu selbstbewusst zu beginnen - so wie die Elftal bei der Weltmeisterschaft 1974?
Das war das Selbstvertrauen, das wir als Mannschaft hatten. Im Jahr zuvor waren wir fast Meister. Wir haben in Rotterdam im Kuip ein Endspiel um die Meisterschaft gespielt. So wie diese Niederlage sehr lange nachwirkte, so war es auch bei der gegen die Borussia. Gladbach hatte eine hervorragende Kontermannschaft. Wir sind in eine Falle getappt.
Wie konnte das passieren?
Vergessen Sie nicht, dass wir europäische Gegner damals nur kurz im Fernsehen gesehen haben. Und man darf auch nicht vernachlässigen, was im Halbfinale passiert ist. Wir hatten Juventus zu Hause geschlagen und auch die Prüfung in Turin dank eines Weltklassetores von Johan Zuidema mit 1:0 bestanden. Wir haben also zweimal gegen Dino Zoff, Claudio Gentile, Gaetano Scirea, Roberto Bettega und Fabio Capello gewonnen. Das war eine großartige Mannschaft. Diese Jungs wurden ein paar Wochen später italienischer Meister. Wir wurden Meister in den östlichen Niederlanden. Das gibt Selbstvertrauen.
„Das Rondo war regelmäßig Bestandteil des Trainings. Wer in die Mitte ging, kam nicht mehr raus.“ ()
Der Einzug ins UEFA-Pokal-Finale ist neben der Meisterschaft 2010 der größte Erfolg in der Geschichte des FC Twente.
Es soll keine Angeberei sein, aber wir hatten eine sehr gute Mannschaft. Wir haben etwa zehn Jahre lang mit demselben Kader gespielt. Ajax Amsterdam und Feyenoord Rotterdam gehörten zu den besten Mannschaften der Welt, wir kamen knapp dahinter. Wenn wir den Ball hatten, war es für den Gegner fast unmöglich, dazwischenzukommen. Das Rondo war regelmäßig Bestandteil des Trainings. Wer in die Mitte ging, kam nicht mehr raus. Willy und René van de Kerkhof, die später nicht die schlechtesten Spieler wurden, waren neu zu uns gestoßen. Und unser damaliger Trainer Kees Rijvers sagte irgendwann: Jungs, hört jetzt auf! Sonst wären sie nie rausgekommen.
Am Tag des Hinspiels war rund um Volkmar Groß eine Menge los. Wie hat die Mannschaft das erlebt?
(Van der Valls Frau, die bei dem Interview anwesend ist, fängt sofort an zu lachen). Wir saßen im Hotel und spielten Karten. Plötzlich kamen Leute und sagten, Groß müsse mit der Polizei mitgehen. Niemand wusste, was vor sich ging. Dann wurde dafür gesorgt, dass niemand an Volkmar rankam. Stellen Sie sich das vor: ein Finale um den Europapokal, und dann passiert so etwas. Dann stellte sich heraus, dass er zwei Frauen noch 65.000 Mark Unterhalt zahlen musste.
Die Borussia half dann dabei, dass Groß auflaufen durfte. All das klingt nach einer ziemlichen Störung der Vorbereitung auf das Spiel.
Volkmar hat nicht so viel gesprochen. Erst hinterher haben wir verstanden, warum das so war. (lacht) Dann hat man uns zunächst gesagt, dass er nicht spielen dürfe. Unser Trainer Spitz Kohn war natürlich völlig aus dem Häuschen. Schließlich war er geholt worden, weil wir ein Torwartproblem hatten. Volkmar war ein sehr guter Torhüter, aber wir kannten ihn nicht wirklich. Er war so eigensinnig. Später, bei dem Spiel in Düsseldorf, machte er die Deutschen wahnsinnig. Er hat wirklich alles gehalten. Das hätte er eigentlich auch zu Hause machen müssen, aber ja, da lagen wir nach zehn Minuten mit 0:2 zurück.
Und das, obwohl Twente defensiv sehr stark war.
Das hatte mit dem Mittelfeld zu tun und mit unserer grundsoliden Abwehr, Libero Epi Drost im Besonderen. Und Groß war unantastbar. Aber wir konnten auch sehr gut angreifen.
Spielte es in den Endspielen denn noch eine Rolle, dass Sie einige Jahre zuvor auf europäischer Ebene schon gegen Borussia Mönchengladbach gespielt hatten?
Und davor auch gegen Juventus. Damals hat Epi Drost zu Helmut Haller gesagt: 'Wenn du in die Niederlande kommst, bist du dran.' Haller hat sich prompt vor dem Rückspiel krankgemeldet. So viel Angst hatte er offenbar. Das kann man heute nicht mehr machen. Und wenn ich an Scirea und Gentile denke, die Rasierklingen Italiens, muss ich dankbar sein, dass ich mir nur einmal eine Achillessehnenverletzung zugezogen habe, aber sonst nichts. Damals war alles noch viel härter als heute. Und was die Niederlage gegen die Borussia noch bitterer macht: Epi mochte zwei Gegner nicht: Haller und Jupp Heynckes. Und beide konnten etwas ausrichten. Gerade Heynckes war der große Mann.
Spielte die Vergangenheit bei diesen Endspielen noch eine Rolle? Sie wurden im zerbombten Rotterdam geboren.
Das hat eine Rolle gespielt. Meine Eltern wohnten im Stadtteil Crooswijk, wo die Bombardierung stattfand. Eigentlich heiße ich Chris, aber alle nennen mich Kick, nach meinem Bruder, der den Krieg nicht überlebt hat, weil er Insulin brauchte, aber das haben die Deutschen für sich behalten. Während und nach meiner Fußballkarriere hatte ich 22 Jahre lang ein Bekleidungsgeschäft in Enschede, wo viele Deutsche zu meinen Kunden gehörten. Das war ziemlich schwierig für meinen Vater.
Wenn jemand alle Höhen und Tiefen des Vereins miterlebt hat, sind Sie das. Waren die Endspiele gegen die Borussia der Höhepunkt?
Für uns war es das, weil wir in einem europäischen Finale gespielt haben. Das kommt selten vor. Twente hatte viele gute Mannschaften, aber die sind in Europa nie so weit gekommen. Das ist auch das Schwierige am Fußball, denn es hängt von den Spielern ab, und die bleiben nicht mehr so lange in den Niederlanden. Wir haben nicht nur Juventus ausgeschaltet, sondern in all den Jahren auch die Glasgow Rangers und Ipswich Town, die tolle Mannschaften hatten.
Wann wurden Sie das letzte Mal auf die Endspiele gegen die Borussia angesprochen?
Das passiert immer wieder, vor allem von Leuten, die es erlebt haben. Ich gebe zu, ich fühle mich immer noch gut dabei. Sie nennen mich einen guten Fußballer. Das ist besser, als dass sie sagen, dass ich nichts kann.
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