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Eine Dauerwerbesendung für den Frauenfußball

kicker

Aus Basel berichtet Paul Bartmuß

Kurz vor Schluss ging es dem französischen Trainer endlich wie den anderen rund 34.000 Menschen. "So um die 78. oder 80. Minute habe ich mich auf die Bank gesetzt und zu meinem Trainerteam gesagt: 'Jetzt müssen wir das genießen.'" Dann genoss Laurent Bonadei.

4:2 führte seine Mannschaft zu dem Zeitpunkt gegen die Niederlande, die Qualifikation fürs Viertelfinale war ihr nicht mehr zu nehmen. Was beide Teams am Sonntagabend in Basel auf den Rasen brachten, gehörte zum Besten, das der europäische Frauenfußball bislang zu bieten hatte.

Und dabei sind die Niederlande ausdrücklich mitgemeint. Was war in diesen vier Tagen bloß mit den orangefarbenen Löwinnen passiert? Noch am Mittwoch hatten sie sich von England fast wehrlos 0:4 abfertigen lassen. Am Sonntag wirkte es, als stünden da elf andere Spielerinnen auf dem Feld.

Das Endergebnis von 2:5 täuschte hinterher darüber hinweg: Die Zuschauer im St.-Jakob-Park sahen ein Spiel der absoluten Extraklasse, das sich lange Zeit ausgeglichen gestaltete. Traumtore, herausragende Stimmung und wie am Reißbrett geplante Spielzüge: Diese Begegnung hatte alles. Sie war eine Dauerwerbesendung für den Frauenfußball. Und eine Warnung ans DFB-Team vor dem Viertelfinale.

Radio Müller? Dann brauchen auch Groenen und van de Donk eine Sendung

Statt elf hatte Bondscoach Andries Jonker in Wahrheit nur vier Akteurinnen ausgetauscht und Star-Stürmerin Vivianne Miedema sowie die beiden Top-Talente der nächsten Generation, Esmee Brugts und Wieke Kaptein, auf die Bank gesetzt. Jonker verfolgte die mitreißenden Szenen einmal mehr fast regungslos an der Seitenlinie. Dass er seinen Posten mit Ende der EM aufgeben muss, steht schon länger fest und zog einige Nebengeräusche nach sich.

Und doch erlebte man bei Jonkers Abschiedsspiel das Gegenteil einer lustlosen Mannschaft. Wenn es jahrelang "Radio Müller" beim FC Bayern gab, brauchen auch Jackie Groenen und Danielle van de Donk eine Sendung. Das Mittelfeld-Duo kam gar nicht aus dem Schreien und Dirigieren heraus. "Obwohl wir deutlich verloren haben, haben wir gezeigt, was wir können", fand Sherida Spitse, eine weitere Führungskraft: "Beim 0:4 gegen England waren wir deutlich unterlegen, aber das war heute nicht der Fall."

Recht hatte sie - aber auch mit ihrer Kritik an der niederländischen zweiten Hälfte: "Jeder französischer Ballgewinn nach der Pause war ein Tor", sagte Spitse ernüchtert. "Das dürfen wir nicht zulassen. Das ist nicht akzeptabel."

Seit zwei Jahren hatte Cascarino kein Tor mehr für Frankreich geschossen

Zu tun hatte die Wende zugunsten von Les Bleues offenbar maßgeblich mit deren Trainer. "Er hat in der Halbzeit ein paar taktische Anpassungen vorgenommen, die wirklich gut funktioniert haben", lobte Sakina Karchaoui: "Das Großartige an ihm ist, dass er ein echter Taktiker ist - er erkennt Schwächen schnell."

Bonadei selbst wiegelte etwas ab. Er habe den Spielerinnen lediglich gesagt, sie sollten nicht zu viel nachdenken und "keine Probleme sehen, wo es keine gibt". Dass er Delphine Cascarino nicht früh rausnahm, war eine weitere gute Entscheidung des 55-Jährigen. "Ich war in der ersten Halbzeit sehr frustriert, weil ich den Ball kaum berührt habe", gab die spätere Matchwinnerin zu.

Dann bereitete sie das 2:2 vor, schoss das traumhaft schöne 3:2 und gleich dazu das 4:2. Alles binnen sechs Minuten. Sie, die seit über zwei Jahren kein Tor für die Nationalmannschaft mehr erzielt hatte.

Kurz darauf hatte Cascarino Feierabend. Auch die anderen französischen Stürmerinnen von Top-Format wollen ja mal spielen. Außerdem konnte sie dann das gleiche wie ihr Trainer tun: genießen.