"Es wird ein sehr emotionaler Abschied. Seitdem ich 15 bin, ist Verl mein Lebensmittelpunkt." Wenn Przemek Czapp über seinen bevorstehenden Abgang vom SC Verl spricht, hört man die Schwere in seiner Stimme. Zwanzig Jahre beim Verein, zwei Aufstiege mit der U 21, eine Mannschaft geformt, die heute als Talentschmiede gilt - nach dieser Saison endet für Czapp ein prägendes Kapitel. Der 36-Jährige verlässt den Sportclub zum Saisonende.
Unter seiner Regie vollbrachte die U 21 einen bemerkenswerten Durchmarsch von der Landesliga bis in die Oberliga. 2018, mit gerade einmal 29 Jahren, kam Czapp überraschend in die Verantwortung: "Ich war eigentlich als Co-Trainer vorgesehen - und plötzlich war ich Cheftrainer", erinnert er sich. Entscheidend sei damals die Unterstützung des Vereins gewesen. Michael Volmari, damals wie heute Sportlicher Leiter, schenkte ihm das Vertrauen: "Ohne ihn wäre das nicht passiert."
Auch die Wahrnehmung des Unterbaus veränderte sich grundlegend: "Früher mussten wir Spieler überzeugen - heute ist es umgekehrt. Wir bekommen so viele Anfragen wie nie zuvor." Nun hält Czapp den Zeitpunkt für gekommen, den nächsten Schritt frühzeitig zu planen. Derzeit absolviert er den A-Lizenz-Lehrgang des DFB, der ihm den Weg zu höheren Aufgaben öffnen soll. "Der Lehrgang hat meinen Blick geschärft. Ich habe dort gemerkt, dass ich bereit bin für neue Schritte", erklärt Czapp.
Treffen mit Hürzeler
Dabei denkt er längst über den Tellerrand hinaus und kann sich auch Hospitationen im Ausland vorstellen. Vor kurzem sammelte er bereits beim Premier-League-Klub Brighton & Hove Albion wertvolle Erfahrungen und traf dort Trainer-Shootingstar Fabian Hürzeler. Warum also hat er den Abschied so früh bekannt gegeben? "Mir war wichtig, Klarheit zu schaffen - auch, um dem Verein Planungssicherheit zu geben", erklärt Czapp.
Einer, der Czapps Arbeit über viele Jahre begleitet hat, ist Matt Beadle. Der Brite war zunächst Co-Trainer der U 21, später Head of Performance und ist seit Juli Technischer Direktor. Er beschreibt die Philosophie so: "Wir wollen, dass die U 21 eine echte Ausbildungsmannschaft für die Profis ist." Der Tabellenplatz sei zweitrangig: "Viel wichtiger ist, dass die Talente so viele Senioren-Minuten wie möglich bekommen."
Die Spielidee entspricht dabei der der ersten Mannschaft: mutiger Ballbesitzfußball, Viererkette, klare Abläufe. "Das Entscheidende ist, trainerunabhängig ein System zu verankern - das hat beim SC Verl sehr gut funktioniert." Czapps Abschied fügt sich nahtlos in dieses Konzept ein. Er war prägend, erfolgreich, identitätsstiftend - doch das Modell Verl sieht vor, dass selbst verdiente Trainer nicht unersetzlich sind. Um Talente möglichst früh zu fördern, wurde der Kader bewusst verjüngt. Das Durchschnittsalter liegt inzwischen bei 19 Jahren.
Beadle setzt dabei stark auf Datenanalyse. "Gerade als kleiner Verein müssen wir die Nadel im Heuhaufen finden. Die Daten sind uns extrem wichtig." Das Ziel ist, jedes Jahr ein bis zwei Spieler an den Profi-Kader heranzuführen. Als Beispiele nennt er Talente wie Mike Kunert (17), Emmanuel Bamba (17) und Jan Olschewski (18), die regelmäßig mit der ersten Mannschaft trainieren.
Wer Czapp ersetzen wird, ist noch offen. Beadle nennt jedoch klare Kriterien: "Wir brauchen jemanden, der Talente ausbildet, keinen Selbstvermarkter - idealerweise eine Persönlichkeit mit starker Identifikation zum Klub." Es sei gut möglich, dass ein Trainer aus dem Jugendbereich aufrücke.
Auch für Czapp selbst ist die Tür nicht endgültig zu: Er betont, dass er eine Rückkehr nicht ausschließt. "Nur weil ich den Verein verlasse, heißt das nicht, dass ich nicht irgendwann zurückkommen könnte." Ohnehin steht aktuell der Alltag im Vordergrund. Am Sonntag empfängt das Team in der Oberliga Westfalen den SV Lippstadt 08.