Atalan und Schäfer im Doppel-Interview
Mit dem Beginn der Zusammenarbeit zwischen dem KSV und dem Investor Panna Football Partners hat in Kapfenberg vor einem Jahr eine neue Zeitrechnung begonnen. Unter der Ägide von Robert Schäfer, der beim operativen Partner RTC Management & Sports (RTC) die Geschicke leitet, stellte sich der Verein völlig neu auf. Der radikale Umbruch beim steirischen Zweitligisten sollte schnell belohnt werden: Trainer Ismail Atalan führte den langjährigen Abstiegskandidaten in der abgelaufenen Saison auf Rang drei.
Der kicker hat mit Atalan und Schäfer über die rasante Entwicklung des Vereins, den Social-Media-Hit Falkentanz und den langfristigen Plan der beiden gesprochen.
Herr Atalan, Sie wurden vor wenigen Tagen zum Trainer der Saison gekürt. Was bedeutet Ihnen diese Auszeichnung?
Atalan: Zunächst einmal finde ich, dass man das Trainerteam des Jahres küren sollte. Ich finde es etwas unangenehm, hier ganz allein genannt zu werden. Auf der anderen Seite bedeutet mir diese Auszeichnung natürlich viel, weil nur die Sportdirektoren, Präsidenten und Trainer wahlberechtigt waren. Oft ist es bei solchen Wahlen nach der Saison ja so, dass die Protagonisten von den Vereinen mit der größten Fanbase gewinnen. Das ist hier nicht der Fall. Daher freue ich mich sehr.
Kapfenberg spielte zuletzt viele Jahre gegen den Abstieg, die abgelaufene Saison wurde auf Rang drei beendet. Was hätten Sie gesagt, hätte man Ihnen das vor einem Jahr bei Ihrem Amtsantritt gesagt?
Atalan: Robert hat sich vor Saisonbeginn eine "langweilige" Spielzeit gewünscht. Dass es so gut funktionieren würde, war natürlich nicht absehbar. Vor allem die Art und Weise, wie wir aufgetreten sind, hat mir imponiert. Ich erinnere mich zum Beispiel an den Sieg gegen Ried (2:1 am 27. April, Anm.), bei dem wir richtig guten Fußball gespielt haben. Insgesamt ist es sicher so, dass wir in dieser Saison nicht viel falsch gemacht haben.
Schäfer: Es war eine tolle Leistung von allen Beteiligten. Man muss das in Relation setzen: Das war Kapfenbergs beste Saison seit 17 Jahren! Eigentlich haben wir uns vor Saisonbeginn auf einen Dreijahresplan geeinigt: In der ersten Saison wollten wir ein "langweiliges" Jahr spielen, in der zweiten etwas weiter oben angreifen und in der dritten aufsteigen. Im Prinzip haben wir jetzt zwei Jahre in einem gemacht. Wenn man die Schwächephase aus dem Herbst wegrechnet, waren wir sogar mit Ried und der Admira auf Augenhöhe. Mich freut besonders, dass die Mannschaft eine Identität auf dem Platz entwickelt hat. Vorher war nicht erkennbar, wofür Kapfenberg steht. Isi hat das verändert, jeden Spieler besser gemacht und der Mannschaft einen klaren Plan mitgegeben. Außerdem waren in unserem Kader 14 Spieler mit Akademie-Vergangenheit, das kann man gar nicht hoch genug einschätzen. Ich weiß nicht, ob das sonst noch eine europäische Mannschaft von sich behaupten kann. Daher haben wir jetzt auch einige Spieler, die sich aktiv bei uns bewerben, weil sie unsere Art von Fußball spielen wollen. Schon allein das zeigt, dass bei uns jede Menge richtig gelaufen ist.
Mit insgesamt 53 Toren stellte Kapfenberg die drittbeste Offensive der Liga, auf der anderen Seite erhielten nur vier Teams mehr Gegentreffer als der KSV. Ist es vergleichsweise leichter, eine gute Offensive aufzubauen als die Defensive zu stabilisieren?
Atalan: Nein, eigentlich ist es genau umgekehrt (lacht). Das liegt an meinem Ansatz. Ich gehe auch im Alltag gerne auf Leute zu. Meine Art überträgt sich auf den Sport. Ich könnte mich nie an die Seitenlinie stellen und geduldigen Fußball spielen lassen. Das würde ich nicht aushalten. Daher ist mir so ein Torverhältnis viel lieber als eines, bei dem wir 20 Treffer erzielen und 20 bekommen. Aber natürlich müssen wir das analysieren, denn als Trainer habe ich nur einen Job: Die Mannschaft soll Tore schießen und Tore verhindern. Daher nehmen wir uns die vielen Gegentreffer natürlich zu Herzen. Vor allem nach eigenen Ballverlusten müssen wir in der nächsten Saison deutlich stabiler stehen.
„Die Spieler sind nicht wichtiger als beispielsweise die Putzfrau oder der Platzwart in Kapfenberg. Alle Menschen sind für mich gleich viel wert.“ (Ismail Atalan)
In der Bundesliga gibt es nicht zuletzt wegen der Punkteteilung die Tendenz, auf routinierte Spieler zu setzen. Haben es junge Österreicher hierzulande vergleichsweise schwer, den Durchbruch zu schaffen?
Schäfer: Die 2. Liga zeigt, dass durchaus Möglichkeiten da sind. Es hängt natürlich immer vom Verein und Trainerteam ab, ob sie ihre Chancen bekommen. Eine Grundannahme im Fußball ist ja, dass man sich auf ältere Spieler mehr verlassen kann. Was dabei aber vergessen wird, ist, dass diese immer nur versuchen, an ihr altes Leistungsmaximum heranzukommen. Bei jungen Spielern weiß man hingegen noch gar nicht, was sie alles erreichen können. Wir gehen diesen mutigen Weg und haben gezeigt, dass sich junge Österreicher bei uns entwickeln können. So ist David Heindl auch zum U-21-Teamspieler geworden. Ich glaube, dass in Zukunft immer mehr österreichische Vereine diesen Weg gehen werden.
Herr Atalan, Sie gelten als Trainer, dem vor allem die menschliche Komponente sehr wichtig ist. Welchen Unterschied macht es für Sie, mit einem Spieler des VfL Bochum oder von Kapfenberg zusammenzuarbeiten?
Atalan: Eigentlich keinen. Ich habe einen Ansatz, den ich bislang überall durchgezogen habe: Zunächst muss ich mich als Trainer mit den Menschen vor Ort beschäftigen. Die Spieler müssen wissen, dass ich jemand bin, der nur Gutes für sie will. Für mich gibt es keinen Unterschied zwischen den Menschen, die ein Bayern-München-Trikot oder ein Kapfenberg-Trikot tragen. Außerdem sind die Spieler nicht wichtiger als beispielsweise die Putzfrau oder der Platzwart in Kapfenberg. Alle Menschen sind für mich gleich viel wert. Ich habe mich schon immer sehr intensiv mit der Frage beschäftigt, wie man mit Menschen umgeht, habe bei großen Firmen hospitiert und sehr viel mitgenommen. Kevin Stöger, den ich aus meiner Zeit in Bochum kenne, ruft mich zum Beispiel heute noch an. Ich bin fest davon überzeugt, dass das in einigen Jahren auch bei manchen Kapfenberg-Spielern so sein wird.
Welche Rolle spielt dabei Ihre Vergangenheit? Sie kamen im Alter von fünf Jahren als kurdischer Flüchtling nach Deutschland und Ihre Mutter rechnete lange mit einem Abschiebungsbescheid.
Atalan: Unsere Verhaltensmuster im Alltag sind das Spiegelbild unserer Lebenserfahrung. Wir verhalten uns in bestimmten Situationen so und nicht anders, weil wir im Leben etwas erlebt haben. Meine Lebenserfahrung hat mich gelehrt, bescheiden zu bleiben. Das kann man auch auf den Fußball ummünzen: Vereine, die demütig geblieben sind, waren immer erfolgreich. Sobald man abhebt, wird es schwierig.
Nicht nur auf dem Platz steht Kapfenberg mittlerweile für einen jungen und unbekümmerten Weg. Wie ist die digitale Transformation außerhalb des Spielfelds gelungen?
Schäfer: Wir hatten den Plan, den Verein als Plattform aufzubauen. Wir haben daher zum Beispiel ein digitales Bezahlsystem und einen Online-Shop eingeführt. Gleichzeitig entfaltet diese Plattform nur ihre Wirkungskraft, wenn sie Reichweite hat. Wir haben es im Verbund mit der Mannschaft geschafft, Nummer eins in der 2. Liga zu werden. Wir haben über alle Social-Media-Kanäle verteilt mehr als 50.000 Follower und alleine in den vergangenen 30 Tagen über sechs Millionen Views erreicht. Damit sind wir österreichweit Achter. Wir haben zuletzt gesehen, dass sich dieser Erfolg auch schon monetarisieren lässt. Partner sind genau deswegen unsere Partner geworden, weil wir diese Reichweite haben. Gleichzeitig muss dieser Weg auch von den Sponsoren in Kapfenberg bzw. im Mürztal mitgegangen werden. In dieser Hinsicht ist der Output noch ausbaufähig. Wir brauchen eine breitere Unterstützung von der lokalen Wirtschaft, damit wir als Verein die nächsten Schritte gehen können.
Wie wollen Sie diese Unterstützung vor Ort generieren? Die 2. Liga gilt gemeinhin ja als nicht sonderlich attraktiv.
Schäfer: Dass es doch geht, ist unser Motto in verschiedenen Bereichen. Kann man mit jungen Spielern erfolgreich sein? Ja. Kann man mit der Hälfte des Budgets erfolgreich sein? Auch. Speziell bei Dynamo Dresden, aber auch bei Hannover und 1860 München, habe ich gelernt, dass man wirtschaftlichen Erfolg mit sportlichem Erfolg kombinieren kann. Es ist nicht gottgegeben, dass man ständig Verluste fährt. Wir sind daher viel unterwegs und haben zum Teil 25 Termine in der Woche. Wir stellen uns Unternehmen vor, erklären unseren Weg und merken, dass sich das Bewusstsein langsam ändert. Aber klar ist auch, dass sich noch mehr tun muss, damit wir sportlich den nächsten Schritt gehen können. Die Unternehmen in unserer Region haben dafür jedenfalls die Kraft und Möglichkeiten. Es liegt an uns, diese Bereitschaft zu wecken. Ich kann durchaus verstehen, dass einige Unternehmen nach den vielen unerfreulichen Spielzeiten erst mal etwas Zeit benötigt haben. Aber jetzt ist die Zeit gekommen, dass wir zusammenfinden.
Stichwort Digitalisierung: Der Falkentanz nach Siegen des KSV erfreut sich längst internationaler Beliebtheit. Inwieweit ist ein derartiger Social-Media-Hit planbar?
Schäfer: Der Falkentanz hat gezeigt, dass heutzutage alles möglich ist. Geplant war das nicht, deswegen ist es auch so authentisch und erfolgreich. Was wir aber geschafft haben, war, systematisch auf der Grundlage dieses Erfolgs aufzubauen. Man kann in den sozialen Medien ja genauso schnell wieder fallen. Das ist die eigentliche Leistung. Wir hoffen natürlich, dass der Hype um den Falkentanz, der ja zu unserem Markenzeichen geworden ist, weitergeht. Ich glaube fest daran, weil mittlerweile Mannschaften in ganz Europa so feiern.
„In Österreich in der Gestaltungsspielraum definitiv größer. Man kann mehr verändern und bewegen, die Geschwindigkeit ist deutlich höher als in Deutschland.“ (Robert Schäfer)
Die Veränderungen in Kapfenberg waren auf und neben dem Platz weitreichend. Inwieweit können Sie im Fußball-Land Österreich mutigere Entscheidung treffen als vielleicht in Deutschland?
Schäfer: In Österreich in der Gestaltungsspielraum definitiv größer. Man kann mehr verändern und bewegen, die Geschwindigkeit ist deutlich höher als in Deutschland. Der Fußball in Österreich steckt in der Entwicklungsphase - das zeigt sich in der Nationalmannschaft sowie in der Bundesliga und 2. Liga. Der deutsche Fußball ist da ein Stück weiter. Gleichzeitig lässt genau dieser Umstand zu, dass wir in Kapfenberg diese Entscheidungen treffen können. Insofern ist Österreich ein Fußball-Land der großen Möglichkeiten.
Herr Atalan, Herr Schäfer hat in einem Interview einmal gesagt, dass ein Trainer immer an die nächsten sechs Spiele und ein Geschäftsführer an die nächsten fünf Jahre denkt. Wie lässt sich das in Kapfenberg vereinen?
Atalan: Eigentlich ist der Satz ganz schön, aber ich würde vielleicht korrigierend anmerken, dass ein Trainer in der heutigen Zeit immer nur an das nächste Spiel denkt. Ein Jahresziel zu formulieren, wäre Luxus. Für uns als Trainerteam geht es darum, dass wir uns von Tag zu Tag steigern. Jedes verlorene Spiel bedeutet, dass wir ein Ziel verfehlt haben. Die Spieler sollen sich stetig verbessern - und dass wir in Österreich sowohl in der Bundesliga als auch in der 2. Liga eher Ausbildungsvereine haben und die Spieler irgendwann Ablöse einbringen sollen, sollte ohnehin jedem klar sein. Aber das gilt - vielleicht mit Ausnahme von großen Vereinen wie Real Madrid oder Bayern München - für jeden Klub auf dieser Welt.
Ist der Aufstieg für die kommende Saison das erklärte Ziel?
Atalan: So einfach ist das leider nicht. Vor einem Jahr war der Verein noch in einer komplett anderen Situation, auch infrastrukturell. Wir sind sportlich schneller gewachsen als gedacht und sehr zufrieden damit, wo wir aktuell stehen. Der nächste Schritt muss sein, dass wir in zwei bis drei Jahren ganz oben angreifen. Auch, weil es für einen Verein sehr schwer ist, dauerhaft in der 2. Liga zu spielen.
Schäfer: Es wird für uns schon eine Riesenaufgabe, die abgelaufene Saison zu wiederholen. Es gibt viel Interesse von anderen Klubs, weil die Leistungen unserer Spieler und Trainer natürlich für Aufsehen gesorgt haben. Wir müssen also schauen, dass wir gut durch den Sommer kommen und was für uns wirtschaftlich Sinn macht. Wir sagen also nicht, dass wir in der nächsten Saison auf Teufel komm raus angreifen werden. Wenn wir zusätzliche Unterstützung von Sponsoren bekommen, wäre es natürlich leichter. Aber selbst, wenn das nicht der Fall sein sollte, wird eine konkurrenzfähige Mannschaft auf dem Platz stehen. Wir werden unseren Weg jedenfalls nicht verlassen und diesen konsequent weitergehen.
Wo soll Kapfenberg in fünf Jahren stehen?
Schäfer: In fünf Jahren sollten wir schon in der Bundesliga spielen. Ich glaube, dass wir mit unserer Art von Fußball auch dort erfolgreich sein könnten. Daher gäbe es diesbezüglich gar nicht so viel zu verändern. Es gibt im Fußball natürlich immer viele Unsicherheiten und unerwartete Entwicklungen, aber wir sind gut vorbereitet.