Sonderlich überraschen dürfte es eigentlich niemanden mehr, dass ein Premier-League-Klub ohne Schweißperlen auf der Stirn fast neunstellige Ablösesummen für einen guten Fußballspieler ausgibt, während Fußball-Deutschland der Atem stockt.
Fakt ist (oder Fakt wird bald sein), dass Nick Woltemade in diesem und ziemlich sicher auch im nächsten Sommer nicht zum FC Bayern wechselt, weil ihn der VfB Stuttgart für bis zu 90 Millionen Euro an Newcastle United verkauft. Das wiederum gerne um die 150 Millionen Euro vom FC Liverpool für Alexander Isak hätte. Der wiederum gerne mit Florian Wirtz zusammenspielen würde. Der wiederum …
Ist der FC Bayern der große Verlierer in diesem Transfersommer - zumindest im Spitzensegment? "Bayern München ist Bayern München, ein sehr, sehr großer Verein", findet Sportdirektor Christoph Freund. "Die Jungs können hier Titel gewinnen, wir können ihnen international sehr interessante Optionen bieten, national sowieso. Es ist immer die Entscheidung der Spieler. Wir als Bayern München sind sehr, sehr attraktiv, das merken wir immer wieder, wenn wir mit Spielern sprechen. Finanziell spielt die Premier League in einer anderen Liga."
Was auch Trainer Vincent Kompany gar nicht leugnen kann, weil er aus eigener Erfahrung ja bestens Bescheid weiß. "Ich erinnere mich noch, als wir mit Burnley aufgestiegen sind." 2023 war das, mit einem Punkterekord sogar. "Auf einmal hattest du TV-Geld von 100 Millionen Euro… für einen Aufsteiger! In der Bundesliga wäre das Top-8 oder Top-6." Stattdessen konkurrierte das kleine Burnley auf dem Transfermarkt mit Eintracht Frankfurt oder Wolfsburg.
In diesem Sommer kaufte der Aufsteiger Sunderland den Schlüsselspieler Granit Xhaka vom deutschen Champions-League-Teilnehmer Bayer Leverkusen, stach damit auch andere interessierte Vereine wie Milan aus. "Das ist die finanzielle Realität", konstatiert Kompany. Und das Absurde daran, zumindest für die Burnleys oder Sunderlands: "In der Premier League bedeutet das als Aufsteiger nichts, weil alle anderen ja noch mehr haben. Es ist die Natur, wie man sich dort entwickeln konnte, speziell mit dem TV-Geld. Das ist keine Debatte für Bayern München, das ist eine Debatte für die Bundesliga. Um einen Weg zu finden, kompetitiv zu bleiben."
„Das ist schon extrem.“ (Freund über die finanziellen Möglichkeiten in der Premier League)
Es fand sich jedenfalls kein Weg für die Bayern, Woltemade in diesem Sommer nach München zu lotsen. Oder ihn davon zu überzeugen, bis zum kommenden Jahr zu warten. "Man führt Gespräche, man hat eine gewisse Beziehung", rekapituliert Freund. "Am Ende ist es die Entscheidung des Spielers, was für seine Karriere der beste Schritt ist. Wir sind da nicht involviert."
Was es aussagt, wenn sogar Newcastle, immerhin Champions-League-Teilnehmer, mehr investieren kann (oder will) als der große FC Bayern? "Wenn man sieht, wie viele Top-Spieler aus der deutschen Bundesliga in die Premier League gewechselt sind in den letzten zwölf Monaten, auch in dieser Transferzeit", sagt Sportdirektor Freund. "Welche Summen da fließen; wie viel Geld im Spiel ist; dass die brutale Möglichkeiten haben in der Premier League. Nicht nur zwei oder drei Vereine, viele Vereine. Newcastle ist ein guter Verein, aber nicht die oberste Kategorie. Das ist schon extrem."
Für die Bayern wird es darum gehen, einen eigenen Weg zu finden. Top-Spieler (wie der in Liverpool nicht um jeden Preis gewollte Luis Diaz) sollen weiterhin bereit sein, den Schritt von der Premier League in die Bundesliga zu gehen, gleichzeitig müssen diese aber auch gut genug sein, um den Bayern nicht nur die sowieso eingeplante Meisterschaft zu sichern, sondern mindestens einen Platz unter den Top-4 in Europa.
"Es gibt viele gute Spieler", versichert Freund. "Wir müssen die richtigen für uns finden, wir müssen die richtige Mannschaft zusammenstellen. Die Engländer haben schon lange das meiste Geld, trotzdem gibt es immer wieder andere Vereine, die da mithalten können. Weil sie clevere Transfers machen; weil sie ein gutes Trainerteam zusammenstellen; weil sie eine Art von Fußball spielen, die zusammenpasst. Es ist ja auch ein Teamsport, es muss alles zusammenstimmen."