Führend in der Königsklasse
Zehn Tore in acht Partien, damit ist Claudia Pina die beste Torschützin im Wettbewerb. Sie traf alle 42 Minuten, brauchte bislang lediglich 2,6 Schüsse pro Treffer. Eine sensationelle Quote, die auch die Wölfinnen zu spüren bekamen. Und nun will sie gegen die Gunners treffern.
Wolfsburgs Torhüterin Anneke Borbe reagierte gar nicht erst, als der Ball in der 77. Minute des Viertelfinal-Rückspiels vom linken Pfosten ins Netz sprang. Claudia Pina hatte einen Freistoß aus 20 Metern halblinks perfekt gesetzt und durfte ihr zweites Jokertor feiern. Der Ausgang war beim Zwischenstand von 5:1 längst klar, letztlich gewann der FC Barcelona nach dem 4:1 im Hinspiel sogar mit 6:1. Eine Runde später gegen Chelsea. Erneut siegte Barca - auch dank Pinas Joker-Doppelpack - im Hinspiel mit 4:1, und erneut hatte sich die Angreiferin einen magischen Moment für das Rückspiel aufgespart. Diesmal schlenzte sie den Ball aus dem Spiel aus 18 Metern mit ihrem rechten Fuß perfekt an den rechten Innenpfosten, von dort sprang der Ball ins Tor. Die Kirsche auf dem 4:1-Auswärtssieg.
Pina sticht gegen zwei Weltfußballerinnen hervor
Dass der FC Barcelona ins Finale der Königsklasse einzieht, ist nichts Neues. Zum fünften Mal in Folge sind die Katalaninnen dabei, drei der letzten vier Finals wurden gewonnen. Nun geht es in Lissabon, im Estadio José Alvalade gegen den FC Arsenal.
Dass jene Pina derart aus dem Schatten der großen Namen wie Alexia Putellas und Aitana Bonmati, die die vergangenen vier Ballon-d’Or-Auszeichnungen unter sich ausmachten, hervortritt, verblüfft allerdings schon. Die 23-Jährige führt die Torjägerinnenliste der Champions League mit zehn Treffern an - und das trotz des großen Konkurrenzkampfes in Barcas Dreier-Angriff mit den Stars Ewa Pajor, Salma Paralluelo und Caroline Graham Hansen. Doch mehr mehr und mehr tritt sie aus deren Schatten.
Acht von möglichen zehn Spielen, davon fünf von Anfang an, absolvierte Pina in der Königsklasse. Nie stand sie länger als 78 Minuten auf dem Platz, doch wenn sie spielte, klingelte es fast immer. Alle 42 Minuten im Schnitt, um genau zu sein. Die Angreiferin, die im 4-3-3 häufig über links kommt, blieb nur bei der einzigen Champions-League-Niederlage der Saison bei Manchester City (0:2) und beim 3:0 bei Hammarby torlos. Spätestens in der K.-o.-Runde drehte sie mit fünf Treffern in drei Einsätzen so richtig auf.
Vom Futsal per Zufall zum FC Barcelona
Pina weiß, wo das Tor steht. Und das schon seit Kindheitstagen. Ihre ersten Schritte ging die Offensivspielerin, die gebürtig aus Montcada i Reixac, einer Kleinstadt in der Provinz Barcelona, stammt, im Futsal. Mit zehn Jahren folgte der Sprung zu Espanyol, bevor der große FC Barcelona sie ziemlich zufällig erspähte. In einem Interview mit El Periodico erinnerte sich ihr Entdecker Jordi Ventura, dass er eigentlich auf eine andere Spielerin des 2001er Jahrgangs bei Espanyol aufmerksam gemacht worden war. "Niemand hat uns von Claudia erzählt."
„Sie ist eine der Besten, die ich seit Langem gesehen habe. Es ist etwas Genetisches, Angeborenes.“ (Jordi Ventura, Entdecker von Claudia Pina)
Doch Pina warb für sich selbst. "Nach fünf Minuten habe ich Xavi Llorens angerufen, der zu dieser Zeit unser Koordinator war. Ich habe ihm gesagt: Das Mädchen, von dem wir gehört haben, das ist sehr gut. Aber diejenige, die wir holen sollten, ist Claudia. Sie ist eine der Besten, die ich seit Langem gesehen habe."
Der Eindruck aus den fünf Minuten täuschte nicht. Pina wechselte zwei Jahre nach ihrer Ankunft bei Espanyol zu Barca. Dort schoss sie, so heißt es, in ihrem zweiten Jahr 100 Tore in 20 Spielen. Besonders von der Futsal-Ausbildung habe sie damals profitiert. "Ich habe sie als Linksfüßerin eingestuft", erzählte Ventura vom Tag, als er Pina entdeckte. Schließlich habe sie dort zwei Tore mit links geschossen. "Aber als ich mich mit ihr und ihrer Familie traf, um sie in die Jugendmannschaft aufzunehmen, fragte ich sie: 'Mit welchem Bein schießt du?' Da antwortete Claudia: 'Mit dem rechten, ich bin Rechtshänderin.'" Sie hatte im Futsal gelernt, mit beiden Füßen Lösungen zu finden.
Große Erfolge mit Spaniens Juniorinnen
Noch heute trifft sie mit rechts wie links. Hinzu kommt die enorme Wendigkeit der 1,60 Meter großen Angreiferin. "Es ist etwas Genetisches, Angeborenes", sagte Ventura. "Sie hat eine Art zu spielen, die damals noch niemand hatte." Und eine Art, die sie bis auf die ganz große Bühne brachte. Bereits im Januar 2018 im Alter von 16 Jahren, fünf Monaten und zwei Tagen feierte sie ihr Profi-Debüt. Zum damaligen Zeitpunkt war sie die jüngste Spielerin, die je für Barcelona aufgelaufen war.
Auch in den U-Nationalteams spielte sich Pina schnell in den Fokus. Der U 17 verhalf sie 2016 zu WM-Platz 3. 2017 wurde sie die erfolgreichste Torschützin in allen UEFA-Wettbewerben mit 16 Toren - darunter zwei bei der U-17-EM, als die Seleccion im Finale Deutschland unterlag (1:3 n. E.). Zudem war sie die einzige Spielerin, der 2017 sieben Treffer in einer Partie gelangen (beim 22:0 über Montenegro). Und wiederum ein Jahr später sicherte sie sich beim WM-Titelgewinn mit der U 17 den Goldenen Ball als beste Spielerin sowie den Silbernen Schuh als zweitbeste Torjägerin.
Aufstieg bei Barca gerät ins Stocken
Doch ganz so rasant wie der Aufstieg zu den Profis ging es für Pina nicht weiter. Zwei Jahre lang spielte sie in Barcelona nur eine Nebenrolle, 2020/21 ging es per Leihe zum FC Sevilla. "Es war schwer für mich, den Schritt von zu Hause wegzugehen. Aber am Ende war ich glücklich in Sevilla, es war ein tolles Jahr", blickte sie im Dezember 2024 in einem Interview mit La Vanguardia zurück. "Es gab Zeiten in Barcelona, die schlimmer waren."
Eine solche sei beispielsweise die Vorsaison gewesen, in der ihr in der Liga zwar immerhin 13 Tore gelangen. In der Königsklasse blieb sie mit nur einem Tor in neun Einsätzen (acht von der Bank) dagegen blass. "Ich hatte nicht das Gefühl, dass ich zu 100 Prozent fit war", gestand sie. "Also habe ich beschlossen, viel an mir zu arbeiten." Sie suchte sich die Hilfe eines Psychologen, eines Ernährungsberaters und von Fitnesstrainern. Arbeit, die sich auszahlt.
Wettbewerbsübergreifend steht die Offensivspielerin bei 22 Toren in 40 Spielen für Barca und damit bei einem persönlichen Bestwert. In der Königsklasse hatte Pina, die Lionel Messi und Teamkollegin Alexia Putellas als ihre Vorbilder nennt, in den drei Spielzeiten zuvor insgesamt sechs Tore erzielt. Vier weniger als in dieser Saison. Ein weiterer Treffer im Finale, und sie würde mit ihrem Idol gleichziehen. Alexia Putellas waren 2021/22 elf Tore gelungen, die meisten einer Spielerin des FC Barcelona in einer CL-Saison.
Dass Pina in der besten Form ihrer Karriere ist, wurde wohl auch durch den Abgang von Mariona Caldentey zu Arsenal begünstigt. "Wir haben praktisch auf derselben Position gespielt und ein sehr ähnliches Profil", erklärte Pina. Im Finale kommt es zum Duell mit ihrer Ex-Konkurrentin. Die steht in der Torjägerinnenliste auf Platz 2 mit sieben Toren und wurde in England zur Spielerin der Saison gekürt.
Aus Überzeugung blieb Pina der WM fern
Nach dem Endspiel in der Königsklasse und dem Pokalfinale gegen Atletico Madrid, wo sich Barca womöglich das Quadruple sichern kann, dürfte auf Pina noch ein weiteres Highlight warten. Und zwar mit der A-Nationalmannschaft, mit der ihr bisher keine großen Erfolge vergönnt waren. Zwar gab sie 2021 ihr Debüt und stand 2022 im EM-Kader, bei der sie zu zwei Kurzeinsätzen kam, im Jahr darauf fehlte sie jedoch beim WM-Sieg - aus Überzeugung.
„Nicht zur Weltmeisterschaft zu fahren war eine schwierige Entscheidung.“ (Claudia Pina)
Pina zählte zu den 15 Spielerinnen, die wegen der Zustände und Bedingungen beim Nationalteam streikten. Ein Großteil beendete den Protest vor der WM 2023, Pina nicht. "Nicht zur Weltmeisterschaft zu fahren war eine schwierige Entscheidung", erklärte sie vor ein paar Monaten, doch sie blieb ihren Werten treu. "Zum Glück hat sich einiges geändert, wie die Einführung professioneller Ernährungsberater, bessere Reisebedingungen und andere Vorbereitungsmöglichkeiten."
Schon für Olympia 2024 sei sie unter der neuen Trainerin Montserrat Tomé daher bereit für ein Comeback gewesen, wurde aber nicht nominiert. "Ich glaube auch nicht, dass ich es verdient hatte", sagte Pina, die erst im November 2024 ihre Rückkehr feierte. Und wie schon als junges Mädchen reichten ihr fünf Minuten, um zu überzeugen. Da erzielte sie bereits das 1:0 beim 5:0-Erfolg gegen Südkorea. Seitdem wurde sie stets nominiert, traf regelmäßig und betrieb fleißig Eigenwerbung mit Blick auf die anstehende Europameisterschaft in der Schweiz (2. bis 27. Juli). Nicht unwahrscheinlich also, dass Pina ihre schon jetzt beste Saison im Profifußball mit der EM-Teilnahme für Spanien krönt.