Auch die letzte Berliner Offensivaktion dieses Spiels brachte nicht mal im Ansatz Gefahr. Eine Flanke von Michael Cuisance, die der Franzose von der rechten Seite schlug, segelte in der neunten Minute der Nachspielzeit über Freund und Feind im Paderborner Strafraum hinweg - und war in ihrer Harmlosigkeit der passende Schlussakt für einen gebrauchten Nachmittag.
Frische, Tempo, Tiefe, Präzision: Dem selbsternannten Aufstiegsanwärter Hertha BSC fehlten am Samstagnachmittag die Mittel, um den Gegner in Schwierigkeiten zu bringen. Das 0:2 setzte die besorgniserregende Berliner Heimschwäche fort - und war nach dem 3:0-Sieg vor Wochenfrist in Hannover, der ein Brustlöser sein sollte, der nächste Dämpfer in dieser mit Dämpfern gespickten Saison.
Reese: "13, 14 Spieler waren komplett krank"
Dass die Blau-Weißen nicht das Energielevel der Vorwoche erreichten, hatte zu einem gewissen Teil auch mit einer Corona-Welle zu tun, die Teile des Teams in den Tagen vor dem Paderborn-Spiel heimgesucht hatte.
"Ich möchte uns alle nicht entschuldigen", sagte Kapitän Fabian Reese nach Abpfiff. "Aber wir hatten 13, 14 Spieler, die in der Woche vier bis fünf Tage komplett krank waren - mit einem Virus, der schonmal sehr populär in Deutschland war. Das soll keine Ausrede sein. Aber wir hatten ein Training gemeinsam im Team. Die meisten von uns waren fünf-, sechsmal beim Arzt seit Samstagabend. Das hatten wir nicht mal während der Pandemie in so einem großen Ausmaß. Nichtsdestotrotz muss unser Anspruch sein, ein besseres Fußballspiel abzuliefern."
Schuler: "Von vorne bis hinten enttäuschend"
In der Tat: Die Viruswelle taugte nur bedingt als Erklärung für den nächsten enttäuschenden Auftritt im Olympiastadion, wo den Hausherren auch im dritten Anlauf in dieser Saison kein Tor glückte (zuvor 0:0 gegen den Karlsruher SC, 0:2 gegen Elversberg).
Im eigenen Wohnzimmer fehlt Hertha der Wumms - mit Blick auf die strukturellen Defizite im eigenen Spiel verwundert das nicht. "Es war von vorne bis hinten enttäuschend", befand der eingewechselte Luca Schuler treffend. "Klare Torchancen haben uns gefehlt, ein Stück weit der Mut im Spielaufbau, das Spiel schneller zu verlagern, in den richtigen Momenten auch mal auf Ballbesitz zu spielen."
Herthas Spiel ist in der eigenen Umständlichkeit gefangen
Hertha ist seit Wochen in der eigenen Umständlichkeit gefangen und findet in Ballbesitz zu selten und zu spät die Tiefe. "Man hat bei jedem Einzelnen gesehen, dass er wollte und investiert hat", resümierte Keeper Tjark Ernst, der erneut Berlins Bester war und in der Schlussphase gegen Raphael Obermair und SCP-Joker Stefano Marino eine höhere Pleite abwendete.
"Aber es hat nicht viel funktioniert. Uns ist es nicht gelungen, richtig Dynamik zu entwickeln und die Tiefe zu attackieren. Es war eher Ballverlagerung, was auch wichtig ist, um den Gegner ins Verschieben zu bringen, aber dann muss halt irgendwann der Ball in die Tiefe kommen. Das ist uns nicht gelungen, dadurch haben wir es Paderborn ein bisschen zu leicht gemacht." Neben zu vielen Ballverlusten im Aufbau und falscher Entscheidungsfindung in Schlüsselmomenten im gegnerischen Drittel ist die fehlende Dringlichkeit - ergo: die Pomadigkeit - des eigenen Ballbesitzspiels das Hauptmanko.
Reese, der selbst noch nicht annähernd die Form der vergangenen Rückrunde hat, brachte es in seiner Analyse auf den Punkt: "Es geht darum, den Ballbesitz besser auszuspielen, schneller zu spielen, zwei Kontakte zu nehmen, den Gegner in die Verschiebung zu bekommen, um dann Räume gut zu bespielen." All das passiert zu selten. "Wir sind zu unsauber im Passspiel", monierte der Kapitän. "Wir brauchen für die Entscheidungsfindung zu lange, pressen nicht gut genug im Kollektiv, sind dadurch im eigenen Ballbesitz etwas zu müde und machen einfach zu viele Fehler."
Sorgen um Kownacki - Gechter angeschlagen ausgewechselt
In Summe fehlt Hertha - Virus hin oder her - gerade sehr viel. Und die Personalsorgen werden erneut größer. Angreifer Dawid Kownacki, der mit seinem kurz vor der Linie von Felix Götze geklärten Kopfball die größte Hertha-Chance hatte (23.), war nach einem Zusammenprall mit SCP-Keeper Dennis Seimen zusammengebrochen, kurzzeitig benommen und wurde nach seiner Auswechslung in der 78. Minute, bei der er aus dem Ohr blutete, ins Krankenhaus gebracht. Abwehrspieler Linus Gechter, von Trainer Stefan Leitl überraschend und ohne Effekt rechts in der Viererkette postiert, meldete sich zur Pause mit Wadenproblemen ab.
Immerhin: Anders als die seit langem grassierende Heimschwäche scheint das Corona-Virus fürs Erste besiegt. "Ich glaube, jetzt sind fast alle durch", sagte Reese. "Aber es hat sich bei den meisten bis gestern Abend gezogen." Leitl wollte die Viruswelle im Team ausdrücklich "nicht als Entschuldigung" heranziehen. Am Dienstag startet die neue Trainingswoche. "Ich gehe davon aus", sagte der Coach, "dass dann alle auf dem Platz stehen." Fünf Tage später, am Sonntag, gastiert er mit Hertha BSC bei seinem Ex-Klub Nürnberg. Und wie vor dem Hannover-Spiel ist der Druck, sich aus einer schwierigen Lage befreien zu müssen, wieder mal sehr groß.