Eine schnelle Entscheidung scheint nicht in Sicht
Fabian Drescher bemühte sich darum, gelassen zu klingen. "Wir im Präsidium haben uns entschieden, einen strukturierten, professionellen und zukunftsorientierten Auswahlprozess für die Nachfolge aufzusetzen", sagte Herthas Präsident am vergangenen Sonntag auf der Mitgliederversammlung des Zweitligisten in der Halle 22b der Messe Berlin über die Akquise des neuen Geschäftsführers Sport. "Dazu gehört die Hinzuziehung einer externen Personalberatung. Ein klares Anforderungsprofil liegt vor. Gespräche haben bereits stattgefunden, aber eine Entscheidung ist noch nicht gefallen. Wir lassen uns bei unserer Entscheidung nicht treiben."
In einer Medienrunde nach der Mitgliederversammlung präzisierte Drescher auf Nachfrage: "Wir haben einen Zeitrahmen, den wir uns gesetzt haben. Wenn's schneller geht, sind wir natürlich glücklich. Aber wir haben auch kein Problem damit zu sagen, die Saisonplanung schreitet voran und wird unbeeindruckt von der zukünftigen Personalie erstmal durchgeführt." Dass er kein Problem damit hätte, ist das eine. Die Frage ist nur, ob die Kandidaten für den Posten des Geschäftsführers Sport das auch so sehen oder nicht lieber eingebunden wären bei der Planung einer Saison, in der sie das Schiff Richtung Aufstieg steuern sollen.
Odgers Berndtson bekam das Mandat, als Herthas Auswahlprozess schon lief
Noch immer beschäftigt sich der Zweitliga-Elfte der abgelaufenen Saison, der sich zum 30. Juni von Geschäftsführer Thomas E. Herrich trennt, nach kicker-Informationen mit mehreren Kandidaten, einer davon ist weiterhin Arminia Bielefelds langjähriger Sport-Geschäftsführer Samir Arabi.
Hertha will sich Zeit nehmen, steht aber nach den gescheiterten Gesprächen mit Jonas Boldt und Jochen Sauer und angesichts der Demission Herrichs unter Handlungsdruck. Herrich hat sein Büro geräumt und wurde am Rande des letzten Saisonspiels gegen Hannover (1:1) vor zehn Tagen verabschiedet, der im Sommer 2024 vom Liga-Rivalen SC Paderborn abgeworbene Finanzgeschäftsführer Ralf Huschen führt aktuell die Geschäfte allein. "Es kommen einige Direktionen dazu, es ist schon deutlich mehr Arbeitsvolumen", sagt Huschen über den Ist-Zustand ohne Herrich. "Ich freu' mich irgendwann auf Entlastung."
Eine der spannenden Fragen im Berliner Westend ist, welchen Mehrwert die erst während des Auswahlprozesses angeheuerte Personalberatung liefert - und warum sie nicht von Anfang an an Bord war. Nach kicker-Informationen handelt es sich dabei um Odgers Berndtson, eine international agierende Unternehmensgruppe, die in Deutschland Niederlassungen in Frankfurt am Main und München hat.
In der Branche wird im Zusammenhang mit Hertha von einem mit 200.000 Euro honorierten 90-Tage-Mandat gesprochen. Geld, das dem um die Lizenz kämpfenden Klub an anderer Stelle - etwa bei der Kaderzusammenstellung - fehlt. So soll, hört man hinter den Kulissen, der mit Hochdruck gesuchte neue Mittelstürmer im aktuellen Budget mit maximal 300.000 Euro Ablöse veranschlagt sein. Klar ist: Nach den Abgängen von Ibrahim Maza (Leverkusen), Derry Scherhant (SC Freiburg), Jonjoe Kenny (neuer Klub noch offen) und Florian Niederlechner (1860 München) braucht Hertha dringend neue Qualität im Kader.
Mit Neuendorf und Herrich wurde verlängert, als Drescher kommissarisch amtierte
Arabi soll bereits vor der Hinzuziehung der Personalberatung auf der Liste von Herthas Präsidium gestanden haben - was die Frage aufwerfen könnte, ob es die externe Expertise gebraucht hätte, wenn er am Ende den Zuschlag erhält. Drescher klang nach der Mitgliederversammlung mit sich komplett im Reinen ("Es war eine runde Veranstaltung: super Orga, guter Austausch, keine Katastrophen"), der Blick auf die Fakten lässt seine bisherige Bilanz indes alles andere als golden schimmern.
Mit dem am Ostersonntag auch auf Druck des Präsidiums als Direktor Akademie und Lizenzspielerbereich zurückgetretenen Andreas "Zecke" Neuendorf hatte Hertha erst im vergangenen Oktober bis 2027 verlängert, mit - dem ebenfalls mehr oder weniger hinauskomplimentierten - Herrich im März 2024 bis Ende 2026. Da amtierte Drescher, der im November des vergangenen Jahres als Präsident gewählt wurde, noch kommissarisch als Nachfolger des im Januar 2024 verstorbenen Kay Bernstein.
Das große Stühlerücken auf allen Ebenen wird ziemlich teuer
Jetzt sind Herrich und Neuendorf, der bereits nach seinem Aus als Co-Trainer im November 2021 von Hertha abgefunden worden und im Januar 2023 in neuer Rolle wieder eingestellt worden war, weg. Und in der Akademie, einst das Prunkstück des Klubs, hat Hertha in dieser Woche zwölf Stellen, darunter für die sportliche und administrative Leitung, neu ausgeschrieben.
Als Drescher im November als Favorit in die Präsidentschaftswahlen ging, sagte er den Mitgliedern in seiner Bewerbungsrede: "Ich habe zuletzt gesagt, dass wir uns auf einem verdammt guten Weg befinden. Wir haben neue Strukturen bei Hertha BSC geschaffen, ganz besonders auf der Führungsebene, und weitgehende Personalentscheidungen und -verstärkungen getroffen."
Ein halbes Jahr später ist das große Stühlerücken auf nahezu allen Ebenen in vollem Gange. Es wird teuer für den Klub, dessen Umgang mit Geld in den vergangenen Jahren ein Fall für sich war - und der gerade jeden Euro für sein Kerngeschäft, die Lizenzspielermannschaft und deren Verstärkung, ziemlich gut gebrauchen könnte.