Die Saison der WSG Tirol
"Eigentlich haben wir ja gar nicht die Voraussetzungen für die 1. Liga“, gestand WSG-Trainer Philipp Semlic nach geschafftem Klassenerhalt. Aber während alle anderen Teams der Qualifikationsgruppe den Trainer getauscht haben, durfte er die Saison in Ruhe zu einem erfolgreichen Ende bringen.
Moment der Saison: 4:1-Sieg in Klagenfurt
Kleinstes Budget, geringste Fan-Unterstützung in der fremden Heimat Tivoli - da braucht es neben einem guten Händchen auf dem Transfermarkt schon eine ordentliche Portion Realitätssinn, um bei allen erwartbaren Rückschlägen das große Ziel nicht aus den Augen zu verlieren. Den hat Philipp Semlic in seinem Premierenjahr in der Bundesliga vom ersten Tag an bewiesen. Sein Credo: "Wenn wir mindestens einen Gegner hinter uns lassen, war es eine erfolgreiche Saison."
Zwei Runden von Schluss war das Ziel mit dem 4:1-Sieg in Klagenfurt erreicht. Dabei war es nach dem Führungstor der Klagenfurter nur noch das Sternderl hinter der Punktezahl, das dafür sorgte, dass die Tiroler noch vor Altach und dem GAK gereiht wurden. Die sorgenvolle Miene von Trainer Semlic erhellte sich erst, als Valentino Müller aus einem Elfmeter kurz vor der Pause den Ausgleich erzielte. Drei weitere Tore in der zweiten Hälfte und ein Remis im Parallelspiel zwischen Altach und dem GAK ließen dann alle Dämme brechen - die WSG war ein weiteres Jahr erstklassig! Und die Bierduschen konnten beginnen.
Schlüsselspieler der Saison: Valentino Müller
Große Erwartungen weckte Valentino Müller schon als 17-Jähriger, als ihn der Guardian neben Spielern wie Havertz, de Ligt oder Donnarumma zu den größten Talenten des Jahrgangs 1999 zählte. Ein Wechsel zum LASK drei Jahre später erwies sich rasch als falscher Schritt. Von der großen Karriere war keine Rede mehr, als er 2021 zur WSG wechselte. Dort zeigte der Vorarlberger solide Leistungen, fiel aber kaum sonderlich auf.
In der abgelaufenen Saison zeigte der mittlerweile 26-Jährige aber nicht nur, dass er immer noch ein feiner Fußballer ist, sondern bewies als Kapitän auch große Leader-Qualitäten. Und glänzte sogar als Torschütze! Vier Tore waren dem Vorarlberger in seinen acht Bundesliga-Saisonen davor nie gelungen. Und: Alle vier Spiele, in denen er traf (dreimal gegen Klagenfurt, einmal gegen seinen Stammklub Altach), endeten mit einem Sieg der WSG. "Er hat auch sonst gute Daten vorzuweisen", verriet Philipp Semlic, dass "seinetwegen schon viele Scouts auf den Tivoli gekommen sind…"
Entdeckung der Saison: Jamie Lawrence
Eigentlich ist es ja keine Überraschung, wenn ein ehemaliger deutscher U-20-Teamkapitän, der noch dazu beim FC Bayern München ausgebildet wurde, in der österreichischen Bundesliga einschlägt. Aber wie rasch sich Jamie Lawrence nach einer wenig überzeugenden Saison in Magdeburg als Bollwerk im Abwehrzentrum der WSG etablierte, war schon bemerkenswert - 64,8 Prozent gewonnene Zweikämpfe machten ihn auf Anhieb zu einem der besten Zweikämpfer der Liga, seine 239 klärenden Aktionen wurden überhaupt nur von BWL-Kapitän Manuel Maranda übertroffen. Kein Wunder, dass sich bereits Wechselgerüchte um Lawrence ranken.
Underrated: Bror Blume
Vielleicht war der Däne einfach zu still, um in den vier Jahren, die er bei der WSG verbrachte, herauszustechen. In seiner letzten Saison schien es bereits, als müsste Bror Blume sich mit der Reservistenrolle abfinden, als er noch einmal aus sich herausging und im Frühjahr aufblühte. Seine zehn Scorerpunkte (drei Tore und sieben Assists), sieben davon in der Qualifikationsgruppe (zwei Tore und fünf Assists), trugen wesentlich zum Klassenerhalt bei - und verdoppelten die Ausbeute seiner ersten drei Bundesliga-Saisonen noch.
Transferpläne
Trotz seiner Spätform kehrt der 33-jährige Bror Blume - wie bereits länger geplant - in seine dänische Heimat zurück. Absehbar war auch, dass sich Jonas David, der kongeniale Partner von Jamie Lawrence, nach nur einer Saison in Tirol wieder verabschieden würde. Er war schon im September nur leistbar, weil er auf dem Transfermarkt sitzen geblieben war. Die Wiener Austria soll Interesse gezeigt haben, nach seinen Leistungen bei der WSG wird der Ex-HSVer jedenfalls keine Problem haben, einen neuen Verein zu finden.
Osarenren Okungbowa landet nach drei Jahren in Tirol bei der Vienna, Alex Ranacher und Cem Üstündag sind auf Klubsuche und Lennart Czyborra muss zurück nach Genua. Bei Stefan Skrbo, der immer wieder für Glanzlichter gut ist, stehen die Chancen auf einen Verbleib bei 50:50. Als Fixzugang kann Philipp Semlic vorerst nur den 18-jährigen David Falkner aus der Akademie einplanen. Aber Sportchef Stefan Köck wird schon wieder das eine oder andere Schnäppchen an Land ziehen, damit die WSG auch im nächsten Jahr wieder mindestens einen Gegner hinter sich lassen kann.
Gesamtnote der Redaktion: 3,5