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"Kommst du Stars mit Disziplin, bist du als Trainer tot"

kicker

Aus Marokko berichtet Michael Postl

Anfang der Siebziger kam er als Abenteurer nach Afrika, trainierte als Mittdreißiger zunächst Ruanda. 20 Jahre später gewann er mit der ghanaischen U 17 die WM, qualifizierte sich so für den Job als Trainer des A-Nationalteams. 1992 schaffte Otto Pfister mit den Black Stars ebenso den Sprung ins Finale wie 2008 mit Kamerun. Im Interview blickt der 88-Jährige zurück auf verpasste Triumphe, seine Führungsspieler Anthony Baffoe, Anthony Yeboah sowie Samuel Eto'o - und einen besonderen Tag in Ghana.

Sie verfolgen das aktuelle Turnier, kennen die Mannschaften: Wer ist aktuell Ihr Favorit beim Afrika-Cup, Herr Pfister?

Algerien spielt um den Titel mit, ebenso wie der Senegal und Ägypten. Aber das größte Potenzial hat Marokko, auch wegen des Heimvorteils.

Den hatten Sie 1992 nicht, damals wurde das Turnier in Senegal ausgetragen. Die ersten beiden Partien gegen Sambia und Ägypten gewannen Sie mit Ghana jeweils mit 1:0. War Ihnen schon da klar, dass es fürs Finale reichen kann?

Im Grunde ja. Wir waren eine Art Geheimfavorit, auch wegen Anthony Yeboah, der das Siegtor gegen Ägypten erzielte und nach dem Turnier zweimal Torschützenkönig bei Frankfurt wurde oder Abedi Pelé, den Spielmacher von Marseille, dazu Anthony Baffoe, unser Abwehrchef, damals bei Fortuna Düsseldorf.

Viel Offensivpower auf einmal. Manchmal zu viel?

Nein. Die Balance herzustellen, war nicht schwer. Der Schwachpunkt war unser Keeper, Edward Ansah.

Im Finale von Dakar fehlte der spätere Münchner Pelé gesperrt. Wie schwer wog der Ausfall?

Das war der Grund für die Niederlage, er war einer unserer besten Offensivspieler.

Sie verloren im Elfmeterschießen mit 10:11 gegen die Elfenbeinküste, Baffoe trat zweimal an, traf zunächst, verschoss dann entscheidend.

Die 24 geschossenen Elfmeter wurden lange nicht übertroffen, galten damals als Rekord. Einmal hat man eben Glück, einmal Pech.

"Die Ghanaer zaubern" titelte der kicker damals nach der Gruppenphase. Was war dran an der Magie?

Manchmal dachte ich mir schon: "Was macht der denn jetzt mit dem Ball?" Da waren ein paar sehr gute Techniker dabei. Auf Französisch heißt es "Surprise naturelle", im Englischen "Skill", in Deutschland würden wir wohl schlicht Talent sagen. Das hatten viele meiner Spieler. Einer saß mal auf einem Stuhl und hielt 20 Minuten lang zwei Bälle hoch. Wahnsinn.

Baffoe, Pelé, Yeboah - wie sind Sie mit Ihren Stars umgegangen, um sie zu Top-Leistungen zu motivieren?

Solche Spieler sind manchmal wie Kinder (lacht). Wenn du denen mit Disziplin oder Strafenkatalogen kommen willst, bist du als Trainer tot. Das haben nicht alle ausländischen Coaches in Afrika verstanden, auch große.

Sollte man nicht zumindest eine Linie vorgeben?

Das schon, sicher. Aber wenn ein Führungsspieler mal etwas Dummes macht, sich verspätet, einen Termin nicht wahrnimmt, dann geht man mit ihm aufs Zimmer, spricht, arrangiert sich mit seinen Macken. Große Spieler machen keine Probleme, wenn man ihnen entgegenkommt. Das habe ich beim Hospitieren bei Arsene Wenger oder José Mourinho gelernt.

Haben Sie ein Beispiel?

Mit Kamerun spielten wir in der Afrika-Cup-Qualifikation 2009 gegen Tansania. Da meinte Samuel Eto'o einmal, einen Elfmeter lupfen zu müssen. Der Torwart hielt ihn. Dann gab es aber kein Donnerwetter, vielmehr erklärte ich ihm, wie er es richtig machen sollte. Den nächsten verwandelte er souverän.

Eine Woche vor dem Afrika-Cup 2008 wollten Sie Eto'o nicht zu einem Werbetermin nach Marseille fliegen lassen, weil das die Vorbereitung gestört hätte. Darüber soll er wenig erfreut gewesen sein.

Nein, er hat es verstanden. Der Ausrüster bot mir Geld, damit ich ihn gehen lasse. Ich lehnte aber ab, Eto'o ebenso, er verzichtete sogar auf Geld.

Sie schafften es schließlich ins Finale - mit Eto'o, der zuvor vier Monate verletzt gewesen war. Sie nahmen sogar einen Physio vom FC Barcelona mit zur Nationalmannschaft, um Ihren Stürmerstar fit zu bekommen. Hat es geholfen?

Definitiv. Er war unser wichtigster Spieler, löste mit seinen insgesamt 16 Treffern den Ivorer Laurent Pokou ab, der zuvor mit 14 die meisten Tore bei Afrika-Cups erzielt hatte.

Allerdings brauchte Eto’o fünf Turniere für diese Quote, Pokou nur zwei.

Trotzdem überragte er. Wir führten zahlreiche Einzelgespräche, er war mein verlängerter Arm. Aber viel musste ich einem Spieler wie ihm nicht erklären, es ging eher ums Zwischenmenschliche.

Ums Physische kümmerte sich bei Ihnen Joachim "Jimmy" Schubert, ein Mannschaftsarzt aus der Bundesliga, der unter Klaus Toppmöller beim VfL Bochum arbeitete.

Ihn hatte ich bei mehreren Turnieren dabei. Ein absoluter Spezialist. Damals sagte man, dass er hinter Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt der beste Sportmediziner in Deutschland gewesen sei.

Eto'o bekam er immerhin fit. Wer waren neben ihm die Stützen der Mannschaft? Die beiden Songs, Rigobert und sein Neffe Alexandre, waren sehr wichtig. Und das, obwohl Ersterem im Finale 2008 ein entscheidender Fehler unterlief, der dann zum Gegentor führte und uns im Endeffekt den Finalsieg kostete.

Auch das erste Spiel verloren Sie gegen Ägypten. Es gab direkt eine Krisensitzung im Sportministerium, Verbandspräsident Mohammed Iya sagte: "Schlechtes Spiel, schlechter Trainer." Wie fühlt man sich damit nach nur einer Niederlage?

Damit muss man leben, kann sich gegen so etwas nicht wehren. Man weiß, worauf man sich einlässt, wenn man ein afrikanisches oder arabisches Team trainiert. Ich habe die Jungs im Hotelzimmer versammelt - und das nächste Spiel gewannen wir gegen Sambia.

„Nicht die Politik, aber es gab Berater, die mir sagen wollten, wen ich aufzustellen oder in den Kader aufzunehmen habe.“ (Otto Pfister über Einflussnahme im afrikanischen Fußball)

Wenn Sie mit derlei kurzfristigen Reaktionen gerechnet hatten: Nahmen Sie sie dann überhaupt noch ernst?

Auf jeden Fall, es geht immerhin um den Job. Das ist nicht lustig.

Wollte die Politik je Einfluss auf Sie nehmen?

Nicht die Politik, aber es gab Berater, die mir sagen wollten, wen ich aufzustellen oder in den Kader aufzunehmen habe.

Eine Wettorganisation wollte Ihren Trainerkollegen Reinhard Fabisch überreden, einen Elfmeter gegen seine Mannschaft zu forcieren, es sei um 20.000 Euro gegangen. Wurden Sie auch mal kontaktiert?

Nie.

Noch mal zurück zu Ihrer Zeit bei Ghana. Sie kamen ja als U-17-Weltmeister zum A-Nationalteam. Es gab bereits Turniere, nach denen Staatsoberhäupter freie Tage erließen, weil die freudetrunkenen Fans ohnehin nicht zur Arbeit erschienen wären. War das bei Ihnen nach dem 1:0-Finalsieg gegen Spanien auch so?

Nach dem Finale hat Präsident Jerry Rawlings in der Tat vier Staatsfeiertage angeordnet. Er empfing uns bei unserer Ankunft am Flughafen unten an der Landebahn zusammen mit etwa 100.000 Fans.

Sie kannten also die U-17-Talente, nahmen vier von ihnen in den Afrika-Cup-Kader des A-Teams mit. Warum kam nur der damals 17-jährige Nii Lamptey zum Einsatz?

Damals war er der jüngste Spieler, der je in der Champions League gespielt hatte, verfügte über ein enormes Talent und eine gewisse Erfahrung. Seine weitere Karriere begann vielversprechend bei RSC Anderlecht, verlief anschließend jedoch weniger gut.

Weil er als Torschützenkönig und bester Spieler des Turniers schon früh einen Marktwert von über zehn Millionen Euro gehabt haben soll?

Das war ein Teil des Problems. Zwölfmal wechselte er nach dem Afrika-Cup den Verein, spielte zwischen 1999 und 2001 auch in Fürth. Sein Manager hat dabei deutlich mehr verdient als der Profi selbst, nutzte ihn aus. Ein typischer Fall von Größenwahn und Gier, bei dem Agenten einen Spieler kaputt machen, der richtig viel Talent hat.

Apropos Talente: In Leverkusen spielten in den Neunzigern mit Daniel Addo oder Sebastian Barnes zwei Profis aus Ghana. Lag das auch an Ihrem Engagement in Afrika?

Es spielte eine Rolle. Ich kenne Reiner Calmund, war gut vernetzt. Da erkundigen sich die Klubs schon mal bei dir oder haben eine Nation stärker im Blick, als wenn ein ausländischer Coach sie trainieren würde. Auch Michael Skibbe, damals noch bei Borussia Dortmund, arbeitete als Scout.

Heute ist die Jagd auf afrikanische Talente zur Routine geworden, Vereine wie der FC Chelsea oder RB Salzburg betreiben ebenso wie einige Ex-Profis Fußballakademien. Ein Trainer klagte damals: "Wir haben einen Jungen, der hat schon vier Verträge unterschrieben".

Einmal tummelten sich um die 20 Agenten in unserem Hotel in Accra, gingen auf die Spieler los und statteten die Spieler mit Verträgen aus, um sie dann in ganz Europa zu verteilen. Ein Skandal.

Haben Sie mit den Spielern gesprochen, wenn dubiose Angebote kamen?

Darauf hatte ich keinen Einfluss. Es ging eher um die Eltern, den aktuellen Klub sowie den Verband, alle drei Parteien mussten mit dem Wechsel einverstanden sein, ein Formular unterschreiben. Einmal boten sie dem Vater eines Spielers 80.000 Euro, um ihn zur Unterschrift zu drängen, ein anderes Mal wurde ich gefragt, ob ich eine Akademie in Ghana leiten wolle. Ich lehnte ab, der Spielervater nicht.

Seit den frühen 2000ern müssen die Klubs ihre Profis zum Afrika-Cup abstellen, für Ghana mussten Sie noch quer durch Europa reisen. Wie schwer war die Überzeugungsarbeit?

Sie machte den Job stressig. Ich kontaktierte Präsidenten, Trainer - und die Spieler selbst.

Die waren wohl die kleinste Hürde.

Richtig, die wollten immer kommen, vor allem für den Afrika-Cup, der war und ist mehr wert als eine Vereinsprämie. Die Klubs dagegen wollten sie auch mal eine Verletzung vortäuschen lassen, um sie nicht abstellen zu müssen.

Das war noch, bevor die Abstellungspflicht eingeführt wurde.

Genau. Einmal trat Olympique Marseille vor einer Länderspielreise im Europapokal an, weshalb ich mit Präsident Bernard Tapie um die Abstellung von Abedi Pelé verhandelte.

Willigte er ein?

Er organisierte sogar ein Privatflugzeug, eine Cessna mit vier Sitzen, damit Pelé und der damals in Metz spielende Anthony Baffoe 24 Stunden vor Anpfiff nach Ghana fliegen und in der Startelf stehen konnten.