Braunschweiger fordert Kurswechsel
Die Erleichterung war den Spielern von Eintracht Braunschweig am Dienstagabend ins Gesicht geschrieben. Nach einem souveränen Sieg im Relegations-Hinspiel in Saarbrücken gerieten die Niedersachen im Rückspiel vor heimischem Publikum noch einmal ordentlich ins Schwimmen; sicherten den Klassenerhalt erst durch zwei Tore in der Verlängerung. Mitten rein in den Jubel über das erreichte Ziel legte Mittelfeldspieler Sven Köhler den Finger in die Wunde - und ließ die positive Stimmung jäh verstummen.
"Der Verein muss aufwachen!", lautete die klare Forderung des 28-Jährigen. Unter diesen Bedingungen sei es laut dem Routinier "nur eine Frage der Zeit, bis der Verein absteigt. Es ist fünf vor Zwölf". Als Tabellen-Dritter scheiterte Braunschweig im Sommer 2017 knapp in der Relegation knapp am Aufstieg in die Bundesliga, seither sprang für die Löwen keine Positionierung besser als Platz 15 in der 2. Bundesliga heraus. Zweimal stieg die Eintracht gar in die 3. Liga ab und befindet sich seit dem zweiten Wiederaufstieg 2022 stets an der Schwelle zur Drittklassigkeit.
"..., dann ist das nicht mehr zweitligatauglich"
Immer wieder musste sich der Klub im darauffolgenden Sommer neu aufstellen, auch Köhler kam erst zur abgelaufenen Saison dazu. Doch statt sich mit der harten Realität zu befassen und etwas an den Umständen zu ändern, herrsche im Umfeld eine Grundstimmung der Gleichgültigkeit. "Ich höre immer nur: Das war hier schon immer so. Und ich höre immer: 1967 (die Deutsche Meisterschaft, Anm. d. Red.)! Aber das ist nicht mehr aktuell", mahnte Köhler und wiederholte: "Wenn man so weitermacht, dann steigt man ab."
Dabei machte er konkret auch die Bedingungen im Klub für den andauernden Negativstrudel verantwortlich. "Ich gebe mal ein Beispiel: Wenn Ermin Bicakcic sagt, dass der Kraftraum seit zehn Jahren gleich aussieht und wir da gefühlt nur mit sechs Mann rein können, dann ist das nicht mehr zweitligatauglich", so Köhler. "Man muss sich neu aufstellen. Man muss ein bisschen smartere Lösungen finden, man muss besser arbeiten, wenn man nicht die meiste Kohle hat. Man muss überperformen. Und wenn man das nicht macht, dann gibt es halt Probleme wie in diesem Jahr. Die Frage ist nur: Wie oft geht das gut?"
Die Eintracht "agiert nicht - man reagiert nur"
Grundsätzlich sei die Mannschaft intakt, es herrsche ein "super Teamklima". Es fehle jedoch an Führungsspielern, "die ein gewisses Alter haben, die ein gewisses Standing haben" und "die immer ihre Leistung bringen" können: "Es kann nicht sein, dass nur fünf, sechs Leute hier immer den ganzen Apparat anschieben müssen. Dann ist die Batterie so leer, wie sie jetzt leer ist. Ich bin mausetot."
"Unser Spielstil in der Vorbereitung war ein ganz anderer. Das war ein fußballerischer Ansatz", erklärte Köhler. "Aber wenn das nur einen Spieltag hält, dann alle draufkloppen und wir auch als Verein einbrechen: Das kann nicht sein. Wenn das über den Haufen geworfen wird nach nur einem Spiel, dann verunsichert man damit auch das ganze Umfeld und die Mannschaft. Man muss eine Strategie haben, man muss einen Spielansatz haben und dann vielleicht auch mal Negativerlebnisse in Kauf nehmen. Generell ist alles zu passiv hier. Man reagiert nur. Man agiert nicht."
Kessel: "Es muss alles auf den Tisch"
Gerne möchte Köhler nun selbst dabei mithelfen, die Kehrtwende im Klub einzuleiten: "Ja, absolut. Natürlich will ich hier mit anschieben." Sport-Geschäftsführer Benjamin Kessel reagierte mit Unverständnis, aber auch mit Nachsicht auf die Worte Köhlers: "Er hat auf dem Platz vor allem die letzten Spiele geliefert. Dann ist es auch okay, wenn man mal sagt, was man denkt." Zudem kündigte Kessel an: "Wir müssen die Saison ganz offen und ehrlich analysieren. Es muss alles auf den Tisch. Aber ich kann hier morgen auch nicht einen neuen Kraftraum aufbaue."