Wenn mehr von Zahlen als von Zielen die Rede ist, weiß man, dass die Lage ernst ist. Die Berliner Morgenpost hat, sicher ist sicher, vorsichtshalber schonmal ins Archiv geschaut und die Länge der Amtszeiten der Vorgänger von Hertha-Coach Stefan Leitl aufgeführt. Cristian Fiel (231 Tage), Pal Dardai (442 Tage) und Sandro Schwarz (290 Tage) waren das. Leitl, seit Februar im Amt und nach der Rückrunde im internen Organigramm als Hoffnungsträger gelistet, steht jetzt bei 222 Tagen. Ob diese Statistik in den nächsten Tagen auf Wiedervorlage kommt, hängt vermutlich stark von Herthas Auftritt am Sonntag beim 1. FC Nürnberg ab.
"Ein Spiel, in dem wir punkten sollten"
Dresdens 0:2-Niederlage in Darmstadt am Freitagabend hat die Berliner zwar vor dem eigenen Spieltags-Auftritt um einen Rang auf Platz 14 klettern lassen, aber man will und muss die Lage schon aus eigener Kraft verbessern - und zwar möglichst schnell und möglichst nachhaltig. Nach fünf Punkten und vier Toren aus sechs Spielen ist beim selbsternannten Aufstiegskandidaten viel Dampf auf dem Kessel. "Für uns ist das ein sehr wichtiges Spiel, in dem wir punkten sollten", betont Leitl. "Um zu punkten, bedarf es einer guten Leistung. Wir sollten immer zuerst die Leistung in den Vordergrund stellen. Wenn wir gut spielen, dann punkten wir auch."
2001 stieg Leitl mit dem Club in die Bundesliga auf
Zuletzt stimmten Leistung und Ertrag zu selten, aber Leitl will deshalb weder seine Ansätze noch seine Überzeugungen opfern. "Die Trainingsarbeit war, wie sie immer ist", sagt er vor dem Duell gegen den Club, mit dem ihm als Spieler 2001 unter Trainer Klaus Augenthaler der Bundesliga-Aufstieg glückte. "Wir werden nicht in Panik oder Aktionismus verfallen, sondern sind überzeugt von dem, was wir den Jungs mitgeben."
Die Gastgeber nennt er "eine sehr aggressive Mannschaft, die nach vorne spielt, die über viele gute Spieler verfügt und ein gutes Tempo hat". Mehr Gedanken macht er sich indes ums eigene Team, auf das er weiterhin nichts kommen lässt: "Die Jungs kriegen Vertrauen und werden maximal von mir geschützt, weil es gute Jungs sind."
"Mal gucken, wie viel Zeit man hier als Trainer bekommt"
Die Frage, wieviel Vertrauen er selbst in diesen Krisenzeiten im Verein spürt, hat Leitl vor der Dienstreise nach Franken zu einem vergleichsweise leidenschaftlichen Bekenntnis gebracht. "Ich spüre das Vertrauen schon", erklärt der Coach. "Ich liebe meinen Job, ich liebe diesen Verein und ich liebe meine Mannschaft. Die Verantwortlichen wissen, dass sie hier jemanden haben, der sehr gern hier arbeitet. Jetzt geht es darum, dass wir Ergebnisse liefern."
Exakt darum geht's. Er weiß, wie die Dinge laufen, wenn sich eine negative Dynamik vermeintlich nicht mehr stoppen lässt. "Wenn Ergebnisse ausbleiben in unserem Sport, ist es so, dass man nicht die Mannschaft tauscht, sondern den Trainer", sagt Leitl. "Wir brauchen Ergebnisse. Und dann gucken wir mal, wie viel Zeit man hier als Trainer bekommt."