Als die Frankfurter Eintracht bei der Champions-League-Auslosung Ende August den FC Liverpool zog, rechnete sie bestimmt mit allem, aber nicht mit so was. Sollte Dino Toppmöllers Elf den englischen Meister am Mittwoch (21 Uhr, LIVE! bei kicker) bezwingen, hätte dieser zum fünften Mal hintereinander verloren - erstmals seit 1953. Favorit ist die Eintracht zwar noch lange nicht, aber beim Studium der vergangenen Auftritte des Gegners wird sie gemerkt haben: Da geht was, vielleicht sogar einiges.
Ganz offensichtlich hat die Saison der Reds eine erste große Wende genommen. Aus glücklichen Siegen wurden unglückliche Niederlagen, wobei die Diagnose unverändert bleibt: Der im Sommer für Abermillionen erneuerten - bislang nicht verstärkten - Mannschaft ist ihre Balance und damit ihr Selbstverständnis aus dem herausragenden Vorjahr abhandengekommen. Ja, sie verliert sogar zuhause gegen Manchester United.
Am Sonntag, als der Erzrivale zum ersten Mal seit neun Jahren in Anfield triumphierte und erstmals unter Ruben Amorim zwei Ligaspiele am Stück gewann, vergab Liverpool zwar gefühlt schon wieder Chancen für mehrere Spiele: Cody Gakpo traf vor seinem zwischenzeitlichen 1:1-Ausgleich dreimal Aluminium; der xGoals-Wert der Reds betrug am Ende 2,75 (ManUnited: 1,34); der zum Schluss sogar ausgewechselte Mohamed Salah ist erstmals in seiner Karriere seit sieben Ligaspielen am Stück torlos, wenn man Elfmeter nicht berücksichtigt.
Schwachstelle Kerkez - und die beängstigenden Probleme bei Standards
Und doch bereitet gerade größere Sorgen, was der Guardian das "wahre Problem" nannte: die permanente defensive Anfälligkeit. "Es gibt natürlich noch den Teil, nach dem niemand gefragt hat, den ich euch aber erzählen kann", rückte Trainer Arne Slot das Thema auf seiner Pressekonferenz nach der 1:2-Niederlage ungefragt selbst in den Fokus.
Der frühe Rückstand war zwar umstritten, weil Schiedsrichter Michael Oliver nicht unterbrochen hatte, obwohl Alexis Mac Allister in der Entstehung nach einem Kopftreffer zu Boden gegangen war und später mit mehreren Stichen genäht werden musste. Andererseits wäre Bryan Mbeumos Tor trotzdem noch zu verhindern gewesen. Im gesamten Spiel strahlte die Defensive, in der der neue Linksverteidiger Milos Kerkez weiterhin eine klare Schwachstelle ist, keine Souveränität aus, selbst Kapitän Virgil van Dijk ließ sich zuletzt schon anstecken.
Das 1:2 fiel dann nach beängstigend bekanntem Muster: Harry Maguire schlug nach einer Ecke zu. Von Liverpools elf Liga-Gegentoren fielen nun schon fünf nach einem Standard. Im Vorjahr waren es nach acht Spieltagen null von drei. Die gegenwärtige Niederlagen-Serie hatte damit begonnen, dass Crystal Palace Slots Team tief in der Nachspielzeit nach einem Einwurf düpierte.
Wirtz erneut ohne Hauptrolle - Van Dijk fordert Zusammenhalt
Auch damals hatte der Meister einen Rückstand mit einem Sturmlauf wettgemacht, nur um dann doch mit leeren Händen dazustehen. Gegen ManUnited wechselte Slot nach einer Stunde offensiv, brachte neben Hugo Ekitiké auch Florian Wirtz, der erneut ohne Hauptrolle blieb (33 Ballkontakte, drei Torschussvorlagen, 0,1 xAssists). "Wir hatten sechs oder sieben Offensivspieler auf dem Platz. Das ist vielleicht der Grund, warum die Struktur bei der Verteidigung von Standardsituationen gegen Palace und jetzt nicht so perfekt war wie sonst", überlegte der Trainer. "Vielleicht ist es kein Zufall."
Gewiss kein Zufall ist, dass die Gegner Liverpool gerade ständig zu einem solchen personellen Risiko drängen. "Das ist jetzt eine interessante Phase. Wir müssen zusammenhalten", fordert van Dijk angesichts der Ergebniskrise, aus der "Ergebnis" bald getrost gestrichen werden kann, wenn es so weitergeht. Liverpool hat bereits vier Punkte Rückstand auf Spitzenreiter Arsenal.
Slot bleibt erst mal ruhig. "Wenn man bei den drei Spielen, die wir in der Premier League verloren haben, alle Höhepunkte nebeneinanderstellt, würde man sagen, dass es kaum möglich ist zu verlieren. Wenn wir also weiterhin so spielen wie bisher und ein paar Dinge ein wenig verbessern, gibt es allen Grund zu der Annahme, dass wir wieder Fußballspiele gewinnen werden", hält der Niederländer vorerst an seiner Analyse fest, wonach gerade nur Details für bessere Ergebnisse fehlen. Ein Problem sollte er dabei nicht ignorieren: Als Liverpool zu Saisonbeginn noch gewann, konnten die Gegner oft genug dasselbe sagen.